(Kapstadt, 23. August 2011) – Landarbeitern in der westlichen Kap-Provinz, die Südafrikas berühmten Wein und Obst ernten, werden angemessene Wohnungen, ausreichende Schutzbekleidung und grundlegende Arbeitnehmerrechte verwehrt, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Regierung und Industrie müssen unverzüglich Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeits- und Wohnbedingungen ergreifen.

Der 96-seitige Bericht „Ripe with Abuse: Human Rights Conditions in South Africa’s Fruit and Wine Industries“ dokumentiert unter anderem, dass Arbeitnehmer vor Ort unter unwürdigen Bedingungen leben, ohne Schutzbekleidung Pestiziden ausgesetzt sind, während der Arbeit keinen Zugang zu Toiletten und Trinkwasser haben und davon abgehalten werden, Gewerkschaften zu gründen. Die Obst- und Weinindustrie in der westlichen Kap-Provinz erwirtschaftet jährlich Milliarden Rand, unterstützt den Tourismus und versorgt Konsumenten auf der ganzen Welt. Trotzdem gehören die Landarbeiter zu den am schlechtesten entlohnten Arbeitnehmern in Südafrika. Darüber hinaus dokumentiert der Bericht unsichere Besitzverhältnisse und die drohende Vertreibung von Langzeitbewohnern auf Farmen.

„Die Landarbeiter produzieren Wohlstand und Wohlergehen. Das darf nicht auf menschlichem Elend beruhen“, sagt Daniel Bekele, Leiter der Afrika-Abteilung von Human Rights Watch. „Regierung, Industrie und Betriebseigentümer müssen weit mehr tun, um die Menschen zu schützen, die auf den Farmen leben und arbeiten.“

Der Bericht beruht auf mehr als 260 Gesprächen mit Landarbeitern, Farmeigentümern, Vertretern der Zivilgesellschaft, Industrie und Regierung, Juristen, Gewerkschaftsmitgliedern und Wissenschaftlern.

In Südafrika sind Mindestlöhne, Unterstützungsleistungen und sichere Arbeits- und Wohnbedingungen für Beschäftigte und andere Bewohner von Farmen gesetzlich vorgeschrieben. Dass diese umfangreichen Sicherheiten in der Praxis nicht garantiert werden, liegt vor allem daran, dass die Regierung die Betriebe nicht angemessen überwacht und die Gesetze nicht wirkungsvoll durchsetzt.

Einige Arbeitnehmer leben in unbewohnbaren Unterkünften. Ein Landarbeiter zeigte Human Rights Watch einen ehemaligen, vor Witterungseinflüssen ungeschützten Schweinestall ohne Strom- und Wasserversorgung, in dem er mit seiner Familie seit zehn Jahren lebt. „Ich leide sehr darunter“, sagte seine Frau, „weil meine Kinder hier nicht sicher sind und ich sie nicht beschützen kann.“

Die Arbeitsverträge vieler Landarbeiter sehen vor, dass sie auf den Farmen wohnen. Dort leben sie nicht nur mit ihren Familien zusammen, sondern auch mit ehemaligen Beschäftigten, von denen einige auf Grund ihres Alters oder wegen Verletzungen arbeitsunfähig sind. Die Besitz- und Zugangsrechte dieser Farmbewohner werden durch das 1997 verabschiedete Gesetz über die Ausweitung des Schutzes der Besitzrechte gewährleistet. Dennoch schätzen zivilgesellschaftliche Organisationen, dass 930.000 Menschen zwischen 1994 und 2004 von südafrikanischen Farmen vertrieben wurden. Die Regierung führt darüber keine Statistiken. Allerdings berichten zahlreiche befragte Personen, dass Vertreibungen eine gängige Praxis sind, besonders dann, wenn Beschäftigte arbeitsunfähig werden. Vertriebene erhalten weder geeignete Ersatzunterkünfte noch angemessene Entschädigungen, die sie in die Lage versetzen würden, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Um die Betroffenen zum Verlassen ihrer Unterkünfte zu bewegen, greifen Farmbesitzer manchmal auf illegale Praktiken zurück, etwa indem sie die Strom- oder Wasserversorgung kappen. Der Bericht dokumentiert, dass die Manager eines Betriebs ein Jahr lang die Stromversorgung einer Familie mit zwei Kindern abstellten. Außerdem bedrohten Sicherheitskräfte dieser Farm Familien mitten in der Nacht mit Hunden.

Wenn Landbesitzer Anwohner vertreiben, ohne die Rechtsvorschriften zu befolgen, begehen sie eine Straftat. Trotzdem leiten die Behörden selten Ermittlungen ein. Auch dann, wenn Eigentümer sich an die gesetzlichen Bestimmungen halten, werden vertriebene Farmbewohner oft obdachlos. Die Kommunen sind selten in der Lage, sie zu unterstützen.

Die Arbeitsbedingungen auf vielen Farmen gefährden die Gesundheit und die Sicherheit der Beschäftigten. Die Mehrheit der befragten aktiven und ehemaligen Arbeiter berichtete, dass sie Pestiziden ausgesetzt wurde, ohne dass angemessene Maßnahmen zu ihrem Schutz ergriffen wurden. Viele Arbeitgeber spielen mit der Gesundheit ihrer Angestellten. Entgegen arbeitsrechtlicher Bestimmungen verwehren sie ihnen während der Arbeitszeit den Zugang zu Trinkwasser, Toiletten und Waschmöglichkeiten. Auf Grund ihrer gefährlichen Tätigkeit erkranken oder verletzen sich Landarbeiter häufig. Fast immer wird ihnen die gesetzlich vorgeschriebene Lohnfortzahlung verweigert, bis sie ein ärztliches Attest vorlegen.

„Jeder weiß, wie gefährlich der Umgang mit Pestiziden ist. Umso gewissensloser ist es, dass einige Arbeitnehmer selbst dann keine Schutzbekleidung erhalten, wenn sie danach fragen“, sagt Bekele.

Landarbeiter zählen zu den am schwächsten gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern in Südafrika. Der Anteil der Arbeiter, die gewerkschaftlich repräsentiert sind, die so genannte Gewerkschaftsdichte, liegt im landwirtschaftlichen Sektor der westlichen Kap-Provinz bei gerade einmal 3 Prozent. Demgegenüber sind im ganzen Land rund 30 Prozent der im formellen Sektor Beschäftigten gewerkschaftlich repräsentiert. Einige Betriebseigentümer versuchen, Gewerkschaftsgründungen zu verhindern, obwohl die Vereinigungsfreiheit von der südafrikanischen Verfassung und durch das Völkerrecht garantiert wird.

Die Probleme der Landarbeiter und Farmbewohner sind der südafrikanischen Regierung, den Betriebseigentümern und den Händlern bekannt, die ihre Produkte einkaufen. Bereits 2003 und 2008 hat die südafrikanische Menschenrechtskommission Verletzungen der Arbeitnehmer- und Menschenrechte von Landarbeitern festgestellt. Jedoch haben Regierung und Industrie daraufhin keine wirksamen Maßnahmen ergriffen, um die Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern. Sie entsprechen immer noch nicht den gesetzlichen Mindeststandards.

Zum Zeitpunkt der Untersuchung von Human Rights Watch im März 2011 waren 107 Inspekteure für mehr als 6000 Farmen und alle anderen Arbeitsplätze in der westlichen Kap-Provinz verantwortlich. Darüber hinaus unterminiert eine Vereinbarung zwischen dem Arbeitsministerium, Agri South Africa, der wichtigsten Arbeitgeberorganisation, und anderen Parteien die Arbeit der Inspekteure. Sie müssen ihre Besuche bei den Betriebseigentümern ankündigen und stellen entsprechend selten Rechtsverletzungen fest.

Die Arbeitsbedingungen auf den Farmen variieren. Nicht alle befragten Arbeitnehmer haben Rechtsverletzungen erlebt. Eine geringe Zahl von Landarbeitern und Farmbesitzern berichteten davon, dass alle arbeitsrechtlichen Vorschriften befolgt werden und die Arbeitgeber sogar über sie hinaus gehende, positive Maßnahmen ergreifen. Einige Betriebseigentümer stellen den Beschäftigten Land zur Verfügung, auf dem sie Lebensmittel für den Eigenbedarf anbauen können, bezahlen Arztbesuche, übernehmen im Winter die Lebensmittelversorgung oder richten Treuhandfonds ein, die den Landarbeitern zugute kommen. Betriebseigentümer, die ihren Arbeitern solche Zusatzleistungen anbieten, berichteten, dass diese sich positiv auf ihre Erträge auswirken können.

Obst und Wein aus Südafrika werden auf dem einheimischen Markt verkauft und nach Übersee exportiert. Großbritannien und die Niederlande sind die Hauptabnehmer von Obst aus der westlichen Kap-Provinz. Südafrikanischer Wein wird insbesondere von Großbritannien und Deutschland, aber auch von Kanada, den USA und anderen europäischen Staaten importiert. Etwa die Hälfte der untersuchten Farmen produziert Produkte, die für Exportmärkte bestimmt sind. Im Bericht werden die Lieferketten dieser Produkte nicht aufgedeckt, um zu verhindern, dass einzelne Betriebe identifiziert und die Arbeiter für ihre Aussagen bestraft werden.

Industrieorganisationen, Arbeitgebervereinigungen und Initiativen für ethischen Handel müssen sich für den Schutz der Arbeitnehmerrechte einsetzen. Sie sollen mit der südafrikanischen Regierung zusammenarbeiten, damit die Arbeiter in der Obst- und Weinindustrie angemessene Wohnungen, ausreichende Unterstützungsleistungen und wirksamen Gesundheitsschutz erhalten.

„Südafrikanische Produkte zu boykottieren, dies ist keine Lösung. Das wäre eine Katastrophe für die Landarbeiter“, sagt Bekele. „Aber wir müssen die Händler dazu anhalten, dass sie sich gegenüber ihren Zulieferern und Produzenten für anständige Arbeitsbedingungen auf den Farmen stark machen.“