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Automobilindustrie vernachlässigt Menschenrechtsverletzungen in Aluminium-Lieferketten

Automobilkonzerne sollten Standards in Minen, Raffinerien und Schmelzwerken erhöhen

  • Automobilunternehmen müssen mehr tun, um Menschenrechtsverletzungen in ihren Aluminium-Lieferketten anzugehen.
  • Der Übergang zu Elektrofahrzeugen bedeutet, dass die Automobilhersteller ihren Aluminiumverbrauch bis 2050 voraussichtlich verdoppeln werden.
  • Die Auswirkungen des Abbaus und der Raffinierung der für Aluminium benötigten Rohstoffe umfassen die großflächige Zerstörung des Landes von Gemeinden und die Beschädigung ihrer Wasserquellen. Die Abhängigkeit der Aluminiumindustrie von Kohle bedeutet zudem, dass sie für 2 Prozent der weltweiten jährlichen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.
  • Automobilunternehmen sollten ihre erhöhte Kaufkraft nutzen, um Gemeinden zu schützen, die von der Aluminiumindustrie geschädigt werden, und Druck auf Minen, Raffinerien und Schmelzwerke ausüben, damit diese die Menschenrechte respektieren.

(Washington, DC) – Automobilunternehmen müssen mehr tun, um Menschenrechtsverletzungen in ihren Aluminium-Lieferketten und den Bauxitminen, von denen sie beziehen, anzugehen, so Human Rights Watch und Inclusive Development International in einem heute veröffentlichten Bericht. Fast ein Fünftel des weltweit verbrauchten Aluminiums im Jahr 2019 ging auf das Konto der Automobilhersteller und laut Prognosen wird sich ihr Aluminiumverbrauch bis 2050 verdoppeln wird. Grund hierfür ist der Übergang zu Elektrofahrzeugen.

Der 63-seitige Bericht, „Aluminum: The Car Industry's Blind Spot - Why Car Companies Should Address the Human Rights Impact of Aluminum Production“ beschreibt die globalen Lieferketten, die Automobilhersteller mit Minen, Raffinerien und Schmelzwerken in Ländern wie Guinea, Ghana, Brasilien, China, Malaysia und Australien verbinden. Auf der Grundlage von Treffen und Korrespondenz mit neun großen Automobilkonzernen - BMW, Daimler, Ford, General Motors, Groupe PSA (jetzt Teil von Stellantis), Renault, Toyota, Volkswagen und Volvo - untersuchten Human Rights Watch und Inclusive Development International, wie die Automobilindustrie mit den menschenrechtlichen Auswirkungen der Aluminiumproduktion umgeht, von der Zerstörung von Ackerland und der Schädigung von Wasserquellen durch Minen und Raffinerien bis hin zu den erheblichen Kohlenstoffemissionen der Aluminiumschmelze. Drei weitere Unternehmen - BYD, Hyundai und Tesla - reagierten nicht auf die Anfragen nach Informationen.

„Automobilhersteller sehen Aluminium als entscheidendes Material für den Übergang zu kraftstoffsparenden Fahrzeugen“, sagte Jim Wormington, leitender Afrika-Forscher bei Human Rights Watch. „Sie sollten ihre immer größer werdende Kaufkraft nutzen, um die Gemeinden zu schützen, deren Land und Umwelt durch die Aluminiumindustrie geschädigt werden.”

Aluminium ist ein leichtes, aber starkes Metall, das aus Bauxit, einem roten Erz, hergestellt wird. Bauxit wird zu Tonerde, einem Zwischenprodukt, raffiniert und dann zu Aluminium verhüttet. Aluminium ist zwar in hohem Maße recycelbar, aber mehr als die Hälfte des von der Automobilindustrie verwendeten Aluminiums ist Primäraluminium, das aus Bauxit hergestellt wird.

Obwohl sich viele der weltweit führenden Automobilkonzerne öffentlich dazu verpflichtet haben, gegen Menschenrechtsverletzungen in ihren Lieferketten vorzugehen, haben sie bisher wenig getan, um die Auswirkungen der Aluminiumproduktion auf die Menschenrechte zu bewerten und anzugehen. Stattdessen haben sie die Sorgfaltspflicht in der Lieferkette bei anderen Materialien priorisiert, die für Elektrofahrzeuge von wesentlicher Bedeutung sind, wie z.B. Kobalt, das für elektrische Batterien benötigt wird.

Da Bauxit über Tage abgebaut wird, nehmen die Minen eine große Fläche ein und zerstören oft Ackerland, das die Lebensgrundlage der lokalen Gemeinden bildet. Bauxitminen können zudem verheerende Auswirkungen auf Flüsse, Bäche und Grundwasserquellen haben, auf die die Gemeinden für ihr Trinkwasser und die Bewässerung angewiesen sind.

Im westafrikanischen Guinea, dem Land mit den weltweit größten Bauxitvorkommen, prognostizierte eine Regierungsstudie im Jahr 2019, dass ein Bauxitabbauboom in den folgenden 20 Jahren 858 Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutzfläche vernichten und mehr als 4.700 Quadratkilometer natürlichen Lebensraum zerstören werde - eine Fläche, mehr als sechsmal so groß wie Hamburg. Etwa 80 Prozent der Bewohner*innen in Guineas Bauxitabbaugebiet leben von der Landwirtschaft.

Kounssa Bailo Barry, ein guineischer Bauer und Aktivist, schätzte im Januar 2021, dass eine Bauxitmine, die einem Joint Venture der multinationalen Bergbaugiganten Rio Tinto, Alcoa und Dadco gehört, 80 Prozent des Ackerlandes seines Dorfes zerstört hat. „Alles, was Fassaly als Dorf ausgemacht hat, ist weg, und wir profitieren nicht von der Ursache“, sagte er. Barrys Dorf und 12 andere Gemeinden nehmen an einem Mediationsverfahren mit der Bergbaufirma teil, um Lösungen für die Schäden zu finden, die sie verursacht hat.

Bei der Veredelung von Bauxit zu Tonerde fallen große Mengen an Rotschlamm an, ein hochgefährliches Material, das Wasserwege verschmutzen und Menschen bei Kontakt schaden kann, wenn es nicht ordnungsgemäß verarbeitet und gelagert wird. Im brasilianischen Bundesstaat Pará verklagt eine Nichtregierungsorganisation, die mehr als 11.000 Menschen vertritt, eine Bauxitmine, eine Raffinerie und eine Aluminiumschmelze wegen der mutmaßlichen Verschmutzung von Wasserwegen im Amazonasbecken.

Die Herstellung von Aluminium ist sehr energieintensiv, und die meisten Aluminiumproduzenten sind auf Kohlekraft angewiesen, einen kohlenstoff- und schadstoffreichen Energieträger. In China, das die weltweite Aluminiumverhüttung dominiert, wurden 2018 gut 90 Prozent des Aluminiums mit Strom aus Kohlekraft produziert. Die Aluminiumproduktion ist für mehr als eine Milliarde Tonnen CO2-Äquivalent jährlich verantwortlich - etwa zwei Prozent der globalen Treibhausgasemissionen.

Drei deutsche Automobilhersteller - Audi, BMW und Daimler - versuchen, eine verantwortungsvolle Aluminiumbeschaffung zu fördern, indem sie ihre Zulieferer dazu ermutigen, einem von der Industrie geführten Zertifizierungsprogramm, der Aluminum Stewardship Initiative (ASI), beizutreten. Das Programm nutzt Prüfungen durch Dritte, um Minen, Raffinerien und Schmelzwerke anhand von Menschenrechts- und Umweltstandards sowie weiterer anerkannter Praktiken der Branche zu bewerten.

Die Menschenrechtsstandards von ASI sind jedoch nicht ausdifferenziert genug und bieten keine spezifischen Kriterien, um zu beurteilen, wie gut Unternehmen auf wichtige Menschenrechtsfragen reagieren, wie etwa die Umsiedlung von Gemeinden, die durch den Bergbau vertrieben wurden. ASI muss zudem besser sicherstellen, dass die Gemeinden am Prüfungsprozess beteiligt werden und für mehr Transparenz bezüglich der Ergebnisse sorgen.

Einige Automobilkonzerne haben, seit sie von Human Rights Watch und Inclusive Development International kontaktiert wurden, Schritte unternommen, um Aluminium eine höhere Priorität bei der verantwortungsvollen Beschaffung einzuräumen. Drive Sustainability, ein Zusammenschluss von elf Automobilkonzernen, zu denen BMW, Daimler, Ford, Toyota, Volkswagen und Volvo gehören, hat im Mai ein Projekt initiiert, um die menschenrechtlichen Risiken bei der Aluminiumproduktion und neun anderen Rohstoffen zu bewerten, was den Weg für ein kollektives Engagement von Automobilkonzernen mit Aluminiumproduzenten ebnen könnte.

Im Januar schrieb Drive Sustainability auch an die Aluminum Association, eine Vereinigung von Dutzenden von Aluminiumherstellern, um die Besorgnis über die Situation in Guinea auszudrücken, Informationen über die Bemühungen der Mitglieder bezüglich ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht anzufordern und ihre Unterstützung für die Vermittlung zwischen den Gemeinden und der von Rio Tinto, Alcoa und Dadco unterstützten Bauxitmine zu bekräftigen.

„Diese positiven Schritte sollten nur der Anfang einer größeren Anstrengung der Automobilindustrie sein, die menschenrechtlichen Auswirkungen der Aluminiumproduktion anzugehen“, sagte Natalie Bugalski, Direktorin für Recht und Politik bei Inclusive Development International. „Automobilkonzerne sollten von Minen, Schmelzen und Raffinerien verlangen, dass sie strenge Menschenrechts- und Umweltstandards einhalten und sicherstellen, dass es Konsequenzen gibt, wenn sie das nicht tun.”

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