Junge Frau, die im Alter von 17 Jahren durch einen Freund ihrer Mutter Opfer von Menschenhandel wurde. Ihr wurde ein gut bezahlter Job mit Kindern versprochen, doch wurde sie dann als „Braut“ an eine Familie in China verkauft. Nach einigen Monaten konnte sie fliehen und kehrte nach Myanmar zurück.

© 2018 Human Rights Watch

(Rangun) – Die Regierungen in Myanmar und China haben bei der Bekämpfung des Menschenhandels von Frauen und Mädchen aus der Volksgruppe der Kachin versagt, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Die Frauen und Mädchen werden als „Bräute“ nach China verkauft.

Der 112-seitige Bericht „‘Give Us a Baby and We’ll Let You Go’: Trafficking of Kachin ‘Brides’ from Myanmar to China“ dokumentiert, wie die unmittelbar Betroffenen aus den myanmarischen Bundesstaaten Kachin und Shan als Sexsklavinnen nach China verkauft werden. Überlebende des Menschenhandels berichteten, ihnen nahe stehende Menschen, auch Familienmitglieder, hätten einen Arbeitsplatz in China versprochen und sie gegen Geldzahlungen von ungerechnet 3.000 bis 13.000 US-Dollar an chinesische Familien verkauft. In China werden die Betroffenen dann typischerweise in einem Zimmer eingesperrt und vergewaltigt, bis sie schwanger werden.

„Die Behörden in Myanmar und China schauen weg, während skrupellose Menschenhändler Mädchen und Frauen der Kachin in die Gefangenschaft verkaufen und entsetzlichem Missbrauch preisgeben“, so Heather Barr, geschäftsführende Co-Direktorin der Frauenrechtsabteilung von Human Rights Watch und Autorin des Berichts. „Das Fehlen einer Existenzgrundlage und grundlegender Rechte macht diese Frauen zu einer leichten Beute für Menschenhändler, die von den Strafvollzugsbehörden auf beiden Seiten der Grenze wenig zu befürchten haben.“

Der Bericht stützt sich in erster Linie auf die Befragung von 37 Opfern des Menschenhandels sowie Angehöriger dreier Opfer. Befragt wurden zudem myanmarische Regierungs- und Polizeibeamte, Mitglieder örtlicher Organisationen und weitere Personen.

Eine Frau aus der Volksgruppe der Kachin, die mit 16 Jahren von ihrer Schwägerin verkauft wurde, berichtete:

„Die Familie brachte mich in ein Zimmer. Dort fesselten sie mich wieder… Sie hielten die Tür verschlossen – ein oder zwei Monate lang. Zur Essenszeit brachten sie mir Mahlzeiten. Ich weinte… Jedes Mal wenn der chinesische Mann mir Essen brachte, vergewaltigte er mich.“

Überlebende berichteten, die chinesischen Familien schienen oft mehr daran interessiert, ein Baby zu bekommen als eine „Braut“. Nachdem sie ein Kind auf die Welt gebracht hatten, gelang einigen verschleppten Frauen und Mädchen die Flucht vor ihren Peinigern, meist jedoch um den Preis, ihr Kind zurückzulassen und die Hoffnung aufzugeben, es jemals wieder zu sehen. Nach der Rückkehr leiden die Überlebenden in Myanmar unter Traumatisierung und Stigmatisierung, während sie versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen. Hilfsangebote für die Opfer des Menschenhandels sind rar und die wenigen Organisationen, welche die verzweifelt benötigte Unterstützung anbieten, sind mit den Bedürfnissen der Opfer überfordert.

Viele der von Human Rights Watch befragten Überlebenden des Menschenhandels stammten aus der Gruppe der über 100.000 Binnenvertriebenen, die vor den Kämpfen in den Bundesstaaten Kachin und Shan geflohen sind und in den Flüchtlingslagern ein verzweifeltes Dasein fristen. Die Regierung Myanmars blockiert fast alle humanitäre Hilfe für die Lager, die zum Teil unter der Kontrolle der oppositionellen Organisation für die Unabhängigkeit Kachins stehen. Da die Männer an den Kämpfen teilnehmen, sind Frauen dort oft die einzigen Ernährer. Dies lässt Frauen und Mädchen zu einer leichten Beute für Menschenhändler werden, die sie an chinesische Familien verkaufen, welche aufgrund des ungleichen Geschlechterverhältnisses infolge der Ein-Kind-Politik keine Bräute für ihre Söhne finden.

Der Frauenanteil in der chinesischen Bevölkerung ist seit 1987 stetig gefallen. In der Altersgruppe von 15 bis 29 klafft die Geschlechterlücke immer weiter auseinander. Forscher sprechen von schätzungsweise 30 bis 40 Millionen „verschollenen Frauen“, die heute auf der Welt sein sollten, jedoch wegen der Präferenz für männliche Nachkommen nie geboren wurden. Die Bevorzugung männlicher Nachkommen war eine Folge der von 1979 bis 2015 verfolgten Ein-Kind-Politik und der bis heute geltenden Einschränkungen der reproduktiven Rechte von Frauen in China.

Manche Familien reagieren auf den Mangel an heiratsfähigen Frauen, indem sie verschleppte Frauen oder Mädchen kaufen. Es ist schwierig, die Gesamtzahl der als Bräute nach China verkauften Frauen und Mädchen abzuschätzen. Die myanmarische Regierung meldete 226 Fälle im Jahr 2017. Nach Einschätzung von Experten ist die tatsächliche Zahl weitaus höher.

Die Recherchen von Human Rights Watch ergaben, dass die Strafvollzugsbehörden in China und Myanmar, auch jene der Organisation für die Unabhängigkeit Kachins, meist nichts unternehmen, um verschleppte Frauen und Mädchen zurückzuholen. Familien, die sich an die Polizei wandten, wurden wiederholt abgewiesen. Häufig sagte man ihnen, sie müssten bezahlen, bevor die Polizei etwas unternehme. Frauen und Mädchen, die fliehen konnten und zur chinesischen Polizei gingen, wurden mitunter nicht wie Opfer einer Straftat behandelt, sondern wegen Verstoßes gegen das Einwanderungsgesetz inhaftiert.

„Die Regierungen Chinas und Myanmars und die Organisation für die Unabhängigkeit Kachins müssen mehr tun, um den Menschenhandel zu stoppen, die Opfer zurückzuholen und zu unterstützen und den Menschenhändlern den Prozess zu machen“, so Barr. „Geberländer und internationale Organisationen sollten lokale Initiativen unterstützen, die die schwere Arbeit leisten, vor der die Regierung sich scheut: Verschleppte Frauen und Mädchen retten und ihnen beim Aufbau eines neuen Lebens helfen.“

Ein Interview mit Heather Barr über den Menschenhandel von Myanmar nach China finden Sie unter:
https://www.hrw.org/news/2019/03/21/interview-why-brides-myanmar-are-trafficked-china