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Menschen mit Behinderungen in Corona-Krise schützen

Zugang zu Informationen und Grundversorgung für gefährdete Menschen sicherstellen

 Ein Mann in einem Rollstuhl wäscht sich wegen des Corona-Virus die Hände an einem öffentlichen Waschbecken in Nairobi, Kenia.  © 2020 Dennis Sigwe/SIPA via AP Images

(New York) - COVID-19 birgt für viele Menschen mit Behinderungen auf der ganzen Welt besondere Risiken, so Human Rights Watch. Die Regierungen sollen zusätzliche Maßnahmen ergreifen, um die Rechte von Menschen mit Behinderungen bei der Reaktion auf die Pandemie zu schützen.

"Menschen mit Behinderungen gehören weltweit zu den am stärksten marginalisierten und stigmatisierten Menschen, selbst unter normalen Umständen“, so Jane Buchanan, stellvertretende Leiterin der Abteilung Behindertenrechte bei Human Rights Watch. „Wenn Menschen mit Behinderungen jetzt nicht schnell vor COVID-19 geschützt werden, werden sie mit der weiteren Ausbreitung der Pandemie einer ernsten Infektions- und Lebensgefahr ausgesetzt sein.“

Karen McCall ist blind. Sie ist zurzeit in Selbst-Quarantäne in ihrem Haus in Ontario, Kanada, und hat keinen Zugang zu Informationen der Gesundheitsbehörden in Ontario. © Karen McCall


Weltweit leben mehr als 1 Milliarde Menschen – also etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung - mit irgendeiner Form von Behinderung. Ältere, Menschen mit chronischen Gesundheitsproblemen oder Menschen mit Behinderungen, durch die etwa ihre Atmung beeinträchtigt wird, können besonders gefährdet sein, einen schweren Verlauf einer COVID-19-Infektion zu erleiden oder daran zu sterben.
 
Für andere bedeutet ihre Behinderung an sich kein höheres Infektionsrisiko. Aber sie sind aufgrund von Diskriminierung und Barrieren in den Bereichen Information, Sozialdienste, Gesundheitsversorgung, soziale Einbindung und Bildung in Gefahr.

In einer sich rasch entwickelnden Pandemie sind Informationen von entscheidender Bedeutung, damit die Menschen wissen, wie sie sich schützen können und wie sie während der Quarantäne oder der Selbstisolierung Zugang zu notwendigen Gütern und Dienstleistungen erhalten. Regierungen sollen auf allen Ebenen zuverlässige Informationen über die Krankheit für jeden zugänglich und rechtzeitig veröffentlichen sowie Präventionsmaßnahmen und Hilfsdienste bereitstellen.

Damit Menschen mit Behinderungen keine lebensrettenden Informationen vorenthalten werden, sollen Kommunikationsstrategien folgendes umfassen: qualifizierte Gebärdendolmetscher für Fernsehansagen, Websites, die für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zugänglich sind, und Telefondienste mit Textmöglichkeiten für gehörlose oder schwerhörige Menschen. Die Kommunikation sollte in einfacher Sprache erfolgen, um ein Höchstmaß an Verständlichkeit zu erreichen.

Human Rights Watch sprach mit Karen McCall. Sie ist sehbehindert und befindet sich derzeit in Quarantäne in ihrem Haus in Ontario, Kanada, nachdem sie möglicherweise mit jemandem in Kontakt gekommen war, der positiv auf COVID-19 getestet wurde. Sie sagte, dass sie beim Zugang zu Informationen aus dem Gesundheitsministerium von Ontario auf Hürden gestoßen sei, da eine Online-Diashow über Präventionsmaßnahmen während des COVID-19-Ausbruchs nicht mit der Bildschirmlese- oder Vergrößerungstechnologie, auf die sie angewiesen ist, kompatibel sei.

Regierungen sollen bei der Entwicklung von Präventionsstrategien auch die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen berücksichtigen. Beispielsweise sollen zusätzliche Richtlinien zum Händewaschen für Menschen mit Behinderungen entwickelt werden, die nicht in der Lage sind, sich häufig oder allein die Hände zu waschen, oder keinen Zugang zu ausreichend Wasser für die Körperhygiene haben.

COVID-19 breitet sich schnell aus und ist besonders gefährlich für Menschen, die mit anderen auf begrenztem Raum zusammenleben. Millionen von Erwachsenen und Kindern mit Behinderungen leben in isolierten und oft überfüllten Einrichtungen, wo sie mit Vernachlässigung, Menschenrechtsverletzungen und unzureichender Gesundheitsversorgung zu kämpfen haben. Human Rights Watch hat Menschenrechtsverletzungen und schlechte Bedingungen in privaten und staatlichen Einrichtungen in Brasilien, Kroatien, Kasachstan, Indien, Russland und Serbien dokumentiert. Zehntausende Menschen werden fixiert und in kirchlichen oder staatlichen Einrichtungen in Ghana, Indonesien, Nigeria und Somaliland eingesperrt.

Die Regierungen sollen dringend Maßnahmen ergreifen, um Menschen mit Behinderungen (die ohne Risiko transportiert werden können) aus geschlossenen Institutionen und ähnlichen Einrichtungen zu holen und Neuaufnahmen zu verhindern. Kinder mit Behinderungen in stationären Einrichtungen sollen nach Möglichkeit zu ihren Familien zurückkehren.


Die Regierungen sollen Erwachsenen mit Behinderungen Zugang zu sozialer Unterstützung und Diensten für das Leben in der Gemeinschaft verschaffen. Innerhalb der Einrichtungen sollen die Behörden strikte Hygienevorschriften und die empfohlene körperliche Distanz einhalten und eine Besucherpolitik entwickeln, die den Schutz der Bewohner und des Personals mit den Bedürfnissen nach Familie und sozialer Verbindung in Einklang bringt.

Menschen mit Behinderungen, die zu Hause leben, sind für ihre grundlegenden, alltäglichen Bedürfnisse oft auf gemeindebasierte Sozialdienste angewiesen, auch beim Essen und der täglichen Hygiene. Unter den Gruppen, die sich für die Rechte von Behinderten einsetzen, gibt es ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Aussetzung dieser Dienste. Hilfskräfte haben keine persönliche Schutzausrüstung, um die Verbreitung von Infektionen zu minimieren, oder sie infizieren sich selbst und müssen in Quarantäne.

Da die Politik eine soziale Isolierung fordert, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, können Menschen mit psychosozialen Behinderungen, wie z.B. Angststörungen oder Depressionen, in besonderem Maße in Not geraten und von zusätzlichen psychosozialen Hilfsdiensten profitieren. Selbstisolierung und Quarantäne können für die meisten Menschen im Allgemeinen beunruhigend sein. Die Regierungen sollen sicherstellen, dass gemeindenahe Dienste weiterhin angeboten werden und Krisenberatungsprogramme für alle zugänglich sind. Eine Aussetzung dieser Dienste soll nicht zu einer Unterbringung von Menschen mit Behinderungen und älteren Menschen in Einrichtungen führen.

Kinder mit Behinderungen sind in vielen Ländern mit Hindernissen beim Zugang zu einer qualitativ hochwertigen, integrativen Bildung konfrontiert. Da die Regierungen Schulen schließen, führen viele von ihnen Online-Unterricht ein. Kinder mit verschiedenen Behinderungen könnten hiervon ausgeschlossen werden, wenn ihnen der Online-Unterricht nicht zugänglich gemacht wird, u.a. durch angepasstes, zugängliches Material und entsprechende Kommunikationsstrategien. Die Regierungen sollten zudem dafür sorgen, dass dieses Material und die Unterrichtspläne auch für Schülerinnen und Schüler zur Verfügung stehen, die keinen Internetzugang haben. Ohne staatliche Unterstützung könnten Eltern oder Betreuer Schwierigkeiten haben, von allen Leistungen zu profitieren, die die Schulen ihre Kindern bietet.

Im Libanon zum Beispiel wurden öffentliche und private Schulen geschlossen und der Unterricht wird online fortgesetzt. Amer Makarem von der Youth Association of the Blind sagte gegenüber Human Rights Watch, dass der Online-Unterricht und die Verteilung von Aufgaben für blinde oder sehbehinderte Schüler allgemein nicht zugänglich sind.

Ein COVID-19-Ausbruch wäre an Orten wie Flüchtlingslagern oder anderen provisorischen Lagern, wo Menschen auf engstem Raum zusammenleben und oft keinen Zugang zu grundlegenden Versorgungsleistungen haben, eine Katastrophe. Menschen mit Behinderungen treffen unter solchen Umständen auf schwerwiegende Hürden beim Zugang zu

Unterkunft, Wasser, sanitären Einrichtungen und medizinischer Versorgung, so etwa in Bangladesch, Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, Griechenland, Syrien und Jemen.

Gemäß dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte und dem Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (CRPD) müssen die Regierungen die Rechte auf Information, Gesundheit, Bildung und einen angemessenen Lebensstandard gewährleisten. Das CRPD verlangt von den Regierungen, dass sie die Zugangsmöglichkeiten für und die angemessene Unterbringung von Menschen mit Behinderungen gewährleisten und dass diese selbständig in der Gemeinschaft leben können, gegebenenfalls mit Unterstützung.  

"Mit das Wichtigste, was Regierungen zum Schutz von Menschen mit Behinderungen während der Corona-Pandemie tun können, ist regelmäßig Rücksprache mit ihnen zu halten, um sicherzustellen, dass die Politik ihren Bedürfnissen gerecht wird“, sagte Buchanan. „Es drohen sonst weitere Katastrophen, wenn Millionen von Menschen bei der Reaktion auf COVID-19 nicht berücksichtigt werden.“

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