Ein 4-jähriges Mädchen spielt in einer quecksilberverseuchten Goldwaschgrube in Tansania.

© 2012 Zama Coursen-Neff/Human Rights Watch

Im internationalen Quecksilbervertrag sollen spezifische Vorschriften zum Schutz der Gesundheit von Kindern und anderen gefährdeten Bevölkerungsgruppen aufgenommen werden, so Human Rights Watch heute. Ab 13. Januar 2013 treffen sich Regierungsvertreter in Genf zur fünften und letzten Verhandlungsrunde über das Vertragswerk. Quecksilber ist ein giftiges Metall, das das Nervensystem schädigt und besonders für Kinder gefährlich ist.

Der Vertragsentwurf konzentriert sich bislang auf Umweltaspekte, während vernachlässigt wird, welch wichtige Rolle der Gesundheitssektors bei den von Quecksilber verursachten Problemen spielt. Westliche Regierungen sperren sich gegen stärkere Gesundheitsvorschriften.

„Bei den anstehenden Verhandlungen haben die Delegierten zum letzten Mal die Chance, wirkungsvolle Strategien zur Prävention und Behandlung von Quecksilbervergiftung zu entwickeln“, so Juliane Kippenberg, Kinderrechtsexpertin von Human Rights Watch. „Weltweit sind Millionen Menschen täglich Quecksilber ausgesetzt, etwa im Kleinbergbau. Wir brauchen dringend eine bessere Vorbeugung gegen und Behandlung von Quecksilbervergiftungen.“

Untersuchungen von Human Rights Watch haben dokumentiert, dass Arbeiter im Kleinbergbau Quecksilber benutzen, um Gold aus Erz zu gewinnen, und so Vergiftungen riskieren. Weltweit arbeiten mindesten 13 Millionen Menschen in Goldminen des Kleinbergbaus, darunter viele Kinder. Nur die wenigsten wissen, wie gefährlich Quecksilber ist.

In Mali befragte Human Rights Watch Kinder im Alter von gerade einmal elf Jahren zu ihrer täglichen Arbeit mit Quecksilber. In Papua-Neuguinea beschrieb ein Arzt die Auswirkungen von Quecksilber auf Goldarbeiter im Kleinbergbau: „Wir haben Dutzende Fälle von Quecksilbervergiftung... Sie starren nur noch an die Wand. Wir können nicht mit ihnen reden, sie können gar nicht mehr sprechen, nichts. Sie sind wie Zombies. Und einige werden nie wieder gesund.“

In vielen Gesundheitssystemem fehlen die Mittel, um Quecksilbervergiftungen zu behandeln. In Tansania äußerte ein Militärarzt in einer Bergbauregion seine Sorge, dass medizinisches Personal Quecksilbervergiftungen oft „nicht diagnostiziert“, weil es darin nicht geschult sei.

Einen Schritt in die richtige Richtung unternahmen lateinamerikanische Regierungen, als sie vorschlugen, einen eigenständigen Gesundheitsartikel in den Quecksilbervertrag aufzunehmen. Dadurch sollen mehr öffentlich zugängliche Informationen, mehrForschung, Überwachung, Tests, eine bessere Behandlung und Kapazitätsaufbau im Gesundheitswesen sichergestellt werden, um auf Probleme mit Quecksilber reagieren zu können. Human Rights Watch hat den Regierungen spezifische Formulierungen für einen Gesundheitsartikel vorgeschlagen.

Human Rights Watch begrüßt, dass der aktuelle Vertragsentwurf im Artikel über Kleingoldbergbau vorsieht, Maßnahmen zur Gesundheitsfürsorge in den betroffenen Gemeinden zu ergreifen. Dies reicht jedoch nicht aus. Quecksilber wird in unterschiedlichen Bereichen verwendet und gefährdet viele verschiedene Bevölkerungsgruppen. Genutzt wird es zum Beispiel bei der Produktion von Chlor, Polyvinylchlorid (PVC), einer Plastikart, und von Batterien sowie in der Zahnmedizin. Zur Quecksilberemission trägt besonders die Verbrennung fossiler Energien, vor allem von Kohle, bei.

In der letzten Verhandlungsrunde im Juli 2012 lehnten westliche Regierungen - insbesondere Kanada, die Vereinigten Staaten und Mitgliedstaaten der Europäischen Union- einen eigenständigen Gesundheitsartikel ab und betonten, bei dem Vertrag gehe es vor allem um Umweltaspekte.

Sie deuteten an, Maßnahmen zur Gesundheitsfürsorge könnten in den Gesundheitssektor eingreifen und die Kosten für die Implementierung des Vertrags erhöhen. Sie behaupteten außerdem, die vorhandenen Hinweise auf Gesundheitsstrategien im Vertragsentwurf seien ausreichend. Dadurch verursachten sie eine hitzigeAuseinandersetzung mit lateinamerikanischen und afrikanischen Regierungen, deren Vertreter einen starken Gesundheitsartikel forderten.

„Die Positionen der USA, Kanadas und der Europäischen Union waren enttäuschend“, so Kippenberg. „Wohlhabendere Länder sollen anerkennen, dass Umwelt- und Gesundheitsstrategien gegen Quecksilber Hand in Hand gehen, und sie beide Bereiche finanziell unterstützen.“

Der Vertrag soll Ende 2013 in Japan als „Minamata Konvention“ verabschiedet werden. In der japanischen Stadt Minamata ereignete sich in den 1950er Jahren eine der schwersten Quecksilber-Katastrophen. Mehr als 1.700 Menschen starben an Vergiftungen und viele andere trugen lebenslange Krankheiten und Behinderungen davon. Dennoch hält sich Japan bei der Diskussion über einen Gesundheitsartikel im Hintergrund.

„Heute hat Japan die Chance, ‚nie wieder‘ zu sagen“, so Kippenberg. „Die Regierung muss aus Minamata lernen und sich aktiv dafür einsetzen, dass Gesundheitsstrategien in den Quecksilbervertrag aufgenommen werden.“

Überall auf der Welt führt Umweltzerstörung - auch durch die Belastung mit Quecksilber - zu Verletzungenvon Menschenrechten, auch des Rechts auf Gesundheit. Die Regierungen sollen die internationalen Menschenrechtsnormen in der Präambel des Vertrags würdigen und Menschenrechte in das Umweltrecht integrieren.

Quecksilbervergiftungen können zu vielfältigen Gesundheitsproblemen führen. Quecksilber greift das Herz-Kreislauf-System an, die Nieren, den Magen-Darm-Trakt, das Immunsystem und die Lungen. Die Vergiftungssymptome umfassen Tremores, Zuckungen, Sehstörungen, Kopfschmerzen, Gedächtnisverluste und Konzentrationsstörungen. Ständiger Kontakt mit Quecksilber kann zu Nierenversagen, Atemstillstand und zum Tod führen.

Besonders gefährlich ist Quecksilber für ungeborene Kinder und Kleinkinder. Es kann während der Schwangerschaft und durch die Muttermilch übertragen werden und die kindliche Entwicklung irreversibel schädigen. Wissenschaftler haben Quecksilbervergiftungen als eine „unsichtbare Epidemie“ bezeichnet.

Weitere Human Rights Watch-Berichte über die Gefahren von Quecksilber finden Sie unter:
https://www.hrw.org/dangers-of-mercury

Den Human Rights Watch-Bericht über Quecksilberverwendung in Mali finden Sie unter:
https://www.hrw.org/reports/2011/12/06/poisonous-mix

Den Human Rights Watch-Bericht über Quecksilberverwendung in Papua-Neuguinea finden Sie unter:
https://www.hrw.org/reports/2011/02/01/gold-s-costly-dividend