Die Pakistan People’s Party (PPP) würdigte heute den letzten Willen Benazir Bhuttos und ernannte ihren 19-jährigen Sohn Bilawal und ihren Ehemann Asif Zardari zu ihren neuen Führern.

Inmitten weinender Anhänger, die „Bhutto Zinda Hai“ (Bhutto lebt) riefen, fügte Bilawal Zardari seinem Namen öffentlich den Zusatz „Bhutto“ hinzu. Er trat das Amt an, das seine Mutter bis zu ihrem Tod am 27. Dezember innehatte und zuvor seine Großmutter Nusrat und sein Großvater Zulfikar Ali Bhutto, Pakistans erster demokratisch gewählter Ministerpräsident.

Die PPP ist momentan die beliebteste Partei im Land und wird wahrscheinlich – darin sind sich die Experten einig – die bevorstehenden Wahlen gewinnen, wann immer sie auch stattfinden werden. Die Tatsache, dass eine Atommacht von einem 19-jährigen geführt wird, ist selbst in Südasien unüblich, und man kann gegenüber der Welt nachsichtig sein, dass sie mit gewisser Verwunderung auf Pakistan blickt. Aber der Wahnsinn hat Methode.

Zum einen wird der junge, verletzliche Bhutto-Zardari erst mal an die Universität Oxford zurückkehren, um sein Studium abzuschließen und den Tod seiner außergewöhnlichen Mutter zu verarbeiten. In absehbarer Zukunft wird die PPP zunächst von seinem Vater und der zentralen Führung der Partei geleitet werden.

Aber weshalb eine 40 Jahre alte Partei, die im ganzen Land verwurzelt ist, die nominelle Führung eines Teenagers braucht, bleibt dennoch eine berechtigte Frage. Natürlich gibt es die üblichen Erklärungen: Die südasiatische Vorliebe für politische Dynastien und das Festhalten an feudalen Werten, wenn nicht sogar am Feudalismus selbst, ist Teil der Antwort. Aber hinter der politischen Geschichte der Bhuttos und ihrer Erbfolge steckt weit mehr als ein feudaler Personenkult, der als Demokratie verkleidet wird.

Benazir Bhuttos Vater, Zulfikar Ali Bhutto, gründete die PPP 1968, brachte populistische, linksgerichtete Politiker nach Pakistan, versprach, das Militär aus der Politik zu vertreiben, und propagierte die Idee der „Würde des einfachen Mannes“ und den Rückzug der Religion in den privaten Bereich. Er kam nach der Abspaltung von Ostpakistan, dem späteren Bangladesch, an die Macht und gab Pakistan seine beständigste, wenngleich nicht besonders gut konzipierte Verfassung und ein dauerhaftes Streben nach parlamentarischer Demokratie.

Zulfikar wurde 1977 durch einen Militärputsch gestürzt, und seither ist Pakistan faktisch unter der institutionellen Diktatur des Militärs geblieben. Selbst als das Land zwischen 1988 und 1999 eine, wenn auch nicht immer optimale, parlamentarische Demokratie war, entließ das Militär Regierungen weiterhin nach Belieben, meist nach der Hälfte der Amtszeit, und sorgte dafür, dass die gewünschte Partei die darauf folgenden Wahlen gewann. Benazir Bhutto war in dieser Zeit zwei verkürzte Amtszeiten lang Ministerpräsidentin.

Die tragische Familiengeschichte der Bhuttos ist eng verbunden mit Pakistans beständigen, aber erfolglosen Bemühungen, demokratische Strukturen zu etablieren. Benazir war das vierte Mitglied der Bhutto-Familie, das eines unnatürlichen Todes starb. Jedes Jahrzehnt hat ein Mitglied der Familie Bhutto unter mysteriösen Umständen sterben sehen, seitdem ihr Vater Zulfikar Ali Bhutto 1979 vom damaligen Militärchef General Zia ul Haq gehängt worden war. Ein Bruder, Shahnawaz, wurde 1985 vergiftet, ein anderer, Murtaza, wurde 1996 vor seinem Haus in Karatschi getötet, als Benazir Ministerpräsidentin war.

Die PPP macht Pakistans Militär und seine dubiosen Geheimdienste, oder zumindest Teile davon, für all diese Todesfälle verantwortlich. Das Militär hat seinerseits nie ein Geheimnis aus seiner Verachtung für die Bhuttos gemacht, sie sogar zeitweise als „Verräter“ und „Sicherheitsrisiko“ für Pakistan dargestellt.

Das Tauziehen zwischen den Bhuttos und der pakistanischen Armee verkörpert mittlerweile den Kampf zwischen Volksdemokratie und fest verwurzelter institutioneller Diktatur.

Die Bhuttos, weit davon entfernt perfekt zu sein, scheiterten wiederholt daran, die Werte, für die sie sich einsetzten, auch umzusetzen. Es ist jedoch auch ein ungleicher Kampf. Über Jahrzehnte hat das pakistanische Militär enorme finanzielle und politische Mittel sowie Zwangsmaßnahmen eingesetzt, um die von den Bhuttos geführte PPP anzugreifen. Das Militär hat PPP-Regierungen destabilisiert, wiederholt versucht, die Partei zu spalten, aufwendige Kampagnen gegen sie gestartet und ethnische Parteien sowie religiöse Extremisten wurden unterstützt, um die Regierung zu schwächen. Das Militär kriminalisierte die Vorsitzenden der Partei und verbannte sie zeitweise ins Exil.

Während dieser Zeit konnte die PPP ihre Kernwählerschaft – nach vorsichtigen Schätzungen rund ein Drittel der gesamten Wählerschaft – halten, die die Partei als einzigen Herausforderer des Macht-Monopols des Militärs unterstützt hat. Trotz der Schwierigkeiten konnten die Anhänger der PPP den Herausforderungen des Militärs begegnen, in dem sie die von Bhutto geführte Partei zur „echten“ PPP erklärten.
Bei ihrem Tod war Benazir Bhutto eine Staatsfrau. Doch anfangs war sie unerfahren und jung, erst 25 Jahre alt, als ihr Vater gehängt wurde und sie in die Partei eintrat, um die „Onkel“ (alte Führer der PPP) zu bekämpfen, von denen viele heimlich mit dem pakistanischen Militär verhandelten.

Der gewaltsame Tod Benazir Bhuttos ist die neueste Wendung in der Pattsituation zwischen den Anhängern der „bhuttoistischen“ Vision und Pakistans Militär. Und er bietet dem Militär die beste Gelegenheit, die PPP weiter zu zersplittern und sie zu einem kleinen regionalen Akteur zu reduzieren: schwach, gefügig oder, noch schlimmer, irrelevant.

In diesem Kontext ist die Entscheidung der PPP zu verstehen, Bhuttos jungen Sohn als den jetzigen nominellen und zukünftigen Vorsitzenden zu ernennen. Es ist ein verzweifelter Versuch des politischen Überlebens in einer feindlichen Umgebung. Ob er Erfolg hat, wird die Zeit zeigen.