Als die 7-jährige Divina Beamkoma vor den schwerbewaffneten Seleka-Kämpfern und Viehhirten vom Stamm der Peuhl floh, die ihr Dorf Boawi angriffen, schossen die Milizionöre ihr in die Beine, 26. Februar 2014.

© 2014 Peter Bouckaert/Human Rights Watch

(Bangui) – Schwer bewaffnete Seleka-Kämpfer haben gemeinsam mit Viehhirten vom muslimischen Stamm der Peuhl am 26. Februar 2014 einen tödlichen Angriff auf das Dorf Bowai, nordöstlich von Bossangoa, verübt, so Human Rights Watch. Bei dem Angriff starben acht Menschen und mindestens zehn weitere Personen, vor allem junge Kinder, erlitten Schussverletzungen. Nachdem die Bevölkerung aus dem Dorf geflohen war, brannten die Angreifer viele Gebäude in dem Dorf nieder. In einigen Fällen wurden Menschen in ihren Häusern eingesperrt, bevor Feuer gelegt wurde.

Die Seleka könnte weitere Angriffe auf Zivilisten verüben, warnte Human Rights Watch und forderte französische und afrikanische Truppen auf, verstärkt in der Region, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Bossangoa, zu patrouillieren. Frankreich, Afrikanische Union (AU), Europäische Union und besorgte Länder sollen dringend ihre Bemühungen zum Schutz der Zivilisten verstärken. Dazu gehört auch die Entsendung weiterer Truppen und eine Stärkung der AU-Einheiten, die bereits vor Ort sind.

„Seleka-Kämpfer sind zurück in der Bossangoa-Region und setzen ihre tödlichen Angriffe auf die einheimische Bevölkerung fort“, so Peter Bouckaert, Direktor der Abteilung Krisenregionen von Human Rights Watch. „Frankreich und die AU sollen Truppen in die Region abkommandieren, um weitere Angriffe der Seleka zu verhindern.“

Human Rights Watch hat mehrere Augenzeugenberichte gesammelt und von Hilfsorganisationen vertrauliche Informationen erhalten, wonach eine große Gruppe schwer bewaffneter Seleka-Kämpfer mit Unterstützung von Peuhl-Viehhirten am Mittag des 26. Februar das Dorf Bowai umstellte und sofort begann, wahllos auf die Bevölkerung zu schießen, die daraufhin voller Furcht die Flucht ergriff. Die Peuhl sind eine vorwiegend muslimische Volksgruppe, die in West- und Zentralafrika den Viehhandel beherrscht.

Der 44-jährige Innocent Daibenamna berichtete Human Rights Watch, er sei in seinem Haus gewesen, als gegen 13 Uhr der Angriff begann:

„Es waren die Seleka und die Peuhl, die uns angegriffen haben. Sie begannen, alle Häuser niederzubrennen. Sie kamen zu Fuß und waren schwer bewaffnet, es waren über 100 von ihnen. Als erstes umstellten sie das Dorf, damit wir nicht fliehen konnten. Die Seleka-Kämpfer trugen Militäruniformen mit roten und grünen Baretts, aber die Peuhl hatten ihr traditionelles Gewand an. Bewaffnet waren sie mit Kalaschnikows, Panzerfäusten und schweren Maschinengewehren… Als die Schüsse fielen, rannten wir alle voller Furcht in den Busch. Dann kamen sie ins Dorf und brannten alle Häuser nieder. Soweit wir wissen, sind acht Menschen gestorben, zehn Verwundete haben wir nach Bossangoa gebracht. Aber es fehlen noch Kinder, die möglicherweise tot im Busch liegen.“

Kämpfer von Seleka und Peuhl schossen dem 35-jährigen Maxim Beamkoma in den Fuß, sperrten ihn in seinem Haus ein und zündeten es an. Er überlebte den Angriff und sagte später:

„Ich saß vor meinem Haus, als die Seleka und die Peuhl angriffen. Sie begannen zu schießen, und ich floh ins Haus. Dabei wurde ich angeschossen und am Fuß verwundet. Dann schlossen sie mich ein und zündeten das Strohdach an. Ich wusste, dass sie mich umbringen würden, wenn ich rausging, deshalb musste ich im brennenden Haus bleiben.“

Die 21-jährige Mutter Ortance Dansio sagte Human Rights Watch, sie habe den Angreifern mit ihrer einjährigen Tochter Aminata Beamkona im Arm entkommen können. Dabei habe das Kleinkind jedoch Schussverletzungen durch einen Seleka-Kämpfer an beiden Beinen erlitten:

„Ich trug das Baby auf den Armen, während wir flohen und die Seleka und die Peuhl angriffen. Ich habe gesehen, wer auf uns geschossen hat. Es war ein Seleka in Militäruniform. Er zielte auf uns, feuerte und verletzte Aminata an den Beinen. Ich musste weiterrennen.“

Nach Aussagen überlebender Dorfbewohner handelte es sich bei der Mehrheit der Verwundeten um junge Kinder. Mindestens drei Tote seien ebenfalls noch Kinder gewesen. Der vierjährige Debonneur Beamkona wurde von derselben Kugel an den Beinen verletzt, die seine Mutter, die 24-jährige Yasmine Nganassem, tötete, als sie ihn auf der Flucht trug. Seine Großmutter, die 54-jährige Catherine Goudongoye, wurde ebenfalls erschossen. Die vierjährige Irma Beamkoma wurde erschossen, als sie versuchte zu fliehen. Auch Divina Beamkoma, 7, erlitt auf der Flucht Schusswunden an den Beinen. Mehr als ein Dutzend Kinder und Erwachsene werden noch vermisst und sind möglicherweise tot, darunter Girabelle Bassanguanam, 13, und Geraldinne Beamkoma, 7.

„Die Seleka-Kämpfer gehen weiter mit ungebremster Brutalität vor – die meisten Toten und Verwundeten von Bowai waren Frauen und Kinder, die furchterfüllt flohen“, sagte Bouckaert. „Die Seleka-Kämpfer sollen für diese abscheulichen Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden.“

Der Angriff auf Bowai vom 26. Februar war nach Monaten der erste größere Angriff der Seleka in der Region Bossangoa. Im Dezember hatten französische Truppen Seleka-Einheiten in Bossangoa zurückgedrängt; Mitte Januar waren die Seleka aus Bossangoa ganz abgezogen. Allerdings führten Seleka-Kämpfer auch am 28. Februar im nordwestlich von Bossangoa gelegenen Dorf Boguila und am 7. März im Dorf Nana Baria Angriffe durch. Bei beiden Vorfällen plünderten die Seleka-Kämpfer Einrichtungen humanitärer Organisationen und stahlen deren Fahrzeuge. Außerdem brannten sie Häuser nieder und vertrieben die Bevölkerung durch Schüsse.

Die andauernde Präsenz und die Aktionen der Seleka um Bossangoa stellen für viele Dörfer in der Region eine Bedrohung dar.

Bowai war bereits am 28. August 2013 Ziel eines Angriffs gewesen. Damals umstellte Hauptmann Ousman, Seleka-Kommandeur von Nana Bakasa, das Dorf und nahm elf der Dorfältesten in Gewahrsam. Nur der muslimische Dorfvorsteher blieb unbehelligt. Den anderen Dorfältesten wurden die Hände und Füße hinter ihrem Körper festgebunden. Diese schmerzhafte Foltermethode kann zu langwierigen Lähmungen der Extremitäten führen. Hauptmann Ousman forderte dann für jeden Dorfvorsteher ein Lösegeld in Höhe von 50 000 CFA-Franc BEAC (76 Euro). Aus Angst um das Leben ihrer Anführer bezahlten die Dorfbewohner das Geld, woraufhin die Ältesten frei gelassen wurden. Anschließend flohen diese aus dem Dorf.