Nepal befindet sich am Rande des Abgrunds. Nachdem maoistische Guerillas der Monarchie den Krieg erklärt hatten, herrschte in diesem isolierten südasiatischen Königreich zehn Jahre lang ein brutaler Bürgerkrieg. Als König Gyanendra im Jahr 2005 gegen die schwache Regierung des Landes putschte, verfiel das Land in völliges Chaos. Sicherheitskräfte wurden in großer Anzahl in die Städte verlegt, um Oppositionsführer, Menschenrechtler und studentische Aktivisten festzunehmen. Viele von ihnen sahen sich gezwungen, ins Exil zu gehen.

Ein Jahr später gelang es einer starken „Volksbewegung“, die Marionettenregierung des Königs zu stürzen, das Parlament erneut einzusetzen und Friedensgespräche zwischen allen Parteien einschließlich der Maoisten einzuleiten. Es war wie ein Wunder, und Hoffnung flammte auf. Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung wurden für November 2007 angesetzt. Sie sollte über neue politische Rahmenbedingungen für das Land entscheiden und beschließen, ob die Monarchie abgeschafft und stattdessen eine Republik ausgerufen wird.cheduled for November 2007.

Ein Monat vor den geplanten Wahlen haben die Nepalesen allerdings erneut Grund zur Sorge. Die Wahlen wurden auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben; die Mehrparteienregierung hat ihre Versprechen nicht gehalten; das Militär hat verhindert, dass die Verantwortlichen für Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden; und die Maoisten haben kürzlich erklärt, dass sie jetzt doch nicht an den Friedensgesprächen teilnehmen werden. Das Land steht wieder vor einer turbulenten und ungewissen Zukunft.

Mandira Sharma beobachtet diese schwierige Situation, ist auf den Straßen und in den Gerichten Nepals unterwegs und versucht, den Opfern gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und staatlicher Verfolgung zu helfen. Viel Zeit verbringt sie aber auch damit, Informationen über die Lebensbedingung in dem Land zu verbreiten. Über Nepal wird in den internationalen Medien kaum berichtet, und aus dem Ausland ist bisher nur wenig Druck ausgeübt worden, damit in Nepal eine friedlichere Gesellschaft entstehen kann. Mandira Sharma arbeitet mit den Medien, den Vereinten Nationen und mit regierungsunabhängigen Organisationen wie Human Rights Watch zusammen, um die Öffentlichkeit über die schlimmsten in Nepal begangenen Menschenrechtsverletzungen zu informieren. Dies ist nicht einfach.

„Menschen wurden in ihren Dörfern vergewaltigt. Doch niemand interessiert sich dafür“, erklärte Mandira Sharma. „Als ich das erste Mal an einer Menschenrechtskonferenz der Vereinten Nationen in Genf teilnahm, ging ich davon aus, dass jeder über die Ereignisse Bescheid wusste. Ich war völlig überrascht, als ich feststellte, dass die Teilnehmer überhaupt nichts davon wussten. Als ich zurückkam, machte ich mich sofort daran, verschiedene Fälle an die Vereinten Nationen zu schicken. Dabei trieb mich die Hoffnung, dass internationale Organisationen und die Medien Interesse zeigen würden.“

Mandira Sharmas Bemühungen begannen, erfolgreich zu sein. Inzwischen wird ihre Stimme gehört, wenn es um Gerechtigkeit für Menschenrechtsverletzungen geht, die von der früheren Königlichen Armee Nepals und den Maoisten begangen wurden. Die Situation ist nicht nur kompliziert, sondern auch ernst. Besonders schlimm ist, dass das nepalesische Gerichtssystem von Korruption geprägt und politisch nicht unabhängig ist. Mandira Sharma nimmt häufig den mühsamen Weg ins Gericht auf sich, um Fälle einzureichen, im Auftrag von Kollegen, die sich trotz der herrschenden Gefahr für die Menschenrechte einsetzen wollen. In Nepal sind Menschenrechtsaktivisten willkürlich festgenommen, gefoltert und ermordet worden.

Mandira Sharma hat auf die weit verbreitete Anwendung von Folter in Nepal hingewiesen. Sie war erschüttert von den Auswirkungen der Folter auf einen Menschen und auf die Gesellschaft insgesamt. Als ich das erste Mal damit konfrontiert wurde, wie Menschen - und zwar die Gefolterten genauso wie die Folterer – an der Folter zerbrechen, wie zerstörend Folter ist und wie Folter die Persönlichkeit eines Menschen verändert, war ich entsetzt“, so Mandira Sharma.

Insbesondere die Geschichte eines Mannes bewegte Mandira Sharma so sehr, dass sie eine Kampagne einleitete, um Nepal ein sicheres Land zu machen, in dem man Kinder groß ziehen, ganz normal zur Arbeit gehen und in Frieden leben kann. In den 90er Jahren lernte Mandira Sharma, die damals eine junge Jurastudentin war, Samal kennen. Samal war Juraprofessor, der für einige Zeit verschleppt worden war. Mandira Sharma traf Samal in einem Zentrum für Opfer von Menschenrechtsverletzungen, die körperliche oder seelische Schäden erlitten hatten. „Er arbeitete als Lehrer und setzte sich für einen demokratischen Staat ein, was ihn für die Regierung zur Zielscheibe machte“, erklärte Mandira Sharma.

Sie fühlte nun Verantwortung dafür, mit ihrem Universitätsabschluss etwas Sinnvolles zu tun. „Samal wurde von Soldaten festgenommen und in einen Kühlschrank gesteckt. Danach versetzte man ihm Stromschläge. Er wurde auf seine Fußsohlen geschlagen und mit dem Kopf nach unten aufgehängt. Sie haben ihn völlig zerstört“, fügte Mandira Sharma hinzu. „An der Geschichte dieses Mannes wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie Menschen an Folter zugrunde gehen. Und genau deshalb habe ich mich für diese Art von Arbeit entschieden.“

Mandira Sharma wollte zuerst Ärztin oder Krankenschwester werden, was den Wünschen ihrer Mutter entsprochen hätte. Schließlich entschied sie sich aber für Jura. Schon bald nach ihrem Universitätsabschluss gründete sie zusammen mit einigen Kollegen die Organisation „Advocacy Forum“, eine der angesehensten und einflussreichsten Menschenrechtsgruppen in Nepal. Zuvor hatte sie begonnen, in Gefangenenlagern zu arbeiten, wo einige der schlimmsten Menschenrechtsverbrechen in Nepal stattfinden. Weiterhin ist sie mit extremer politischer Instabilität und regelmäßig auftretender Gewalt konfrontiert. Dadurch steht Mandira Sharma immer vor der großen Herausforderung, Menschenrechtsaktivisten zu schützen und die Verantwortlichen für Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft zu ziehen. Besonders jetzt ist die Arbeit von Mandira Sharma von großer Bedeutung, da ein dauerhafter Waffenstillstands in Nepal unter Umständen von einer wirkungsvollen Überwachung durch unanhängige Gruppen wie „Advocacy Forum“ abhängt.

„Wenn man weiß, was passiert, muss man einfach seine Stimme erheben. Es ist meine Verantwortung, und ich werde kämpfen“, fügt Mandira Sharma hinzu. „Manche Menschen glauben, dass ich verrückt bin. In Nepal ist es nicht normal, dass eine Frau diese Art von Arbeit macht. Sobald man aber erst einmal angefangen hat, gewinnt man durch die gewonnene Erfahrung an Stärke.“

Mandira Sharma muss manchmal mit all ihrer körperlichen Kraft intervenieren, um Klienten vor Verhaftung oder Angriffen zu schützen. Dies spricht für ihren Mut, denn sie setzt sich dadurch selbst hohem Risiko aus.

„Richter baten uns gewöhnlich, keine Menschenrechtsfälle einzureichen. Jeder fühlt sich bedroht“, meinte Mandira Sharma. Sie ignorierte die Meinung der Richter und sorgte mit ihrer Strategie dafür, dass den Gerichten ein „Armutszeugnis“ ausgestellt wurde. Sie wandte sich mit den Habeas Corpus-Verfügungen stattdessen direkt an den Obersten Gerichtshof. Durch die dadurch erlangte öffentliche Aufmerksamkeit konnten die Fälle nicht mehr ignoriert werden.

Mandira Sharma nutzt eine der größten Stärken Nepals: eine kleine, aber dynamische Zivilgesellschaft, die moderne Kommunikationsmittel und traditionelle Arbeit vor Ort zum Schutz der Menschenrechten einsetzt. Nepal und der dortige Konflikt mögen weit von uns entfernt erscheinen. Doch Mandira Sharma und ihre Kollegen haben sich selbst in das Zentrum des internationalen Kampfs für die Menschenrechte gebracht, weil sie auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen sind. Nur so können die vom Krieg geprägten Bürger Nepals eine friedliche Gesellschaft aufbauen, in der alle Bevölkerungsgruppen repräsentiert sind.

Interview mit Mandira Sharma

Sam Zarifi:

„Advocacy Forum“ gilt in Nepal inzwischen dank Ihrer Arbeit als eine der wichtigsten Menschenrechtsorganisationen. Frau Sharma, erzählen Sie uns bitte, warum und wie Sie „Advocacy Forum“ gegründet haben.

Mandira Sharma:

„Advocacy Forum“ gründete ich im Jahr 2001 zusammen mit einigen Freunden. Damals herrschte im Land ein schrecklicher bewaffneter Konflikt. Jeden Tag erfuhren wir aus der Presse, dass Menschen bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften getötet worden waren. In Kathmandu wusste man jedoch nicht, was in den Dörfern vor sich ging und wie sich diese Zusammenstöße ereigneten.

Menschen wurden festgenommen, inhaftiert und hingerichtet. Deshalb begannen wir, diese Fälle zu dokumentieren. Die in den Dörfern lebenden Menschen hatten keinerlei Schutz und konnten ihre Fälle nirgends melden. Sie hatten keine Möglichkeit, selbst etwas zu unternehmen. Wir haben auch einige Fälle dokumentiert, in denen sich Familienmitglieder von gesetzeswidrig Festgenommenen oder Inhaftierten an die Polizei oder ein Gericht wandten und seitdem nicht mehr aufgetaucht sind.

Wir mussten daher unbedingt herausfinden, was vorging, und die Menschen darüber informieren. Das Ausmaß des Problems war so groß, dass Nepal [weltweit] als das Land mit der höchsten Anzahl an Verschwundenen gilt.

Sam Zarifi:

Frau Sharma, Sie haben erwähnt, dass Sie mit dieser Arbeit zu einem Zeitpunkt begannen, als ein hohes Maß an Unterdrückung und ein außer Kontrolle geratener bewaffneter Konflikt herrschten. Wie konnten Sie und andere Anwälte ihre Arbeit verrichten und auf welche Probleme sind Sie seitens der Regierung gestoßen, als Sie diese Fälle öffentlich machten?

Mandira Sharma:

Am schwierigsten war es, Orte [an denen Menschenrechtsverbrechen begangen wurden] zu besuchen. Außerdem kam es zu Drohungen gegen Menschenrechtler, Anwälte und Opfer, die Menschenrechtsgruppen oder entsprechende Institutionen über ihre Fälle informieren wollten.

Am Anfang gab es viele Probleme. Als wir feststellten, dass Opfer, die Beschwerden einreichten, später festgenommen wurden, halfen wir ihnen durch [andere] Organisationen. Diese wurden dann aber ebenfalls unter Druck gesetzt. Ein paar Mal mussten wir Freunde [die vor Ort in diesen Fällen ermittelten] suchen. Anwälte wurden festgenommen, inhaftiert, gefoltert und einige von ihnen verschwanden sogar.

Angesichts dieser Umstände begannen wir, Fälle direkt vor den Obersten Gerichtshof zu bringen, weil es uns äußerst schwer fiel, Anwälten in den einzelnen Regionen Schutz zu gewähren.

Der Oberste Gerichtshof war jedoch nicht bereit, diese Fälle anzunehmen. Dies galt besonders dann, wenn Mitglieder des Militärs angeklagt wurde. Das Militär war vor Ort aktiv, sie waren es aber auch, die Menschen festnahmen und in ihren Kasernen in Isolationshaft steckten. Hunderte von Menschen wurden nie mehr gesehen, nachdem sie in Militärkasernen inhaftiert worden waren.

Sam Zarifi:

Frau Sharma, können Sie uns erklären, welche Auswirkungen der Beginn des Friedensprozesses auf die Praxis des „Verschwindenlassens“ hat?

Mandira Sharma:

Den Opfern, also den Familien der Verschwundenen, wird noch immer Gerechtigkeit verwehrt. Fast jede Familie kann von einem Familienangehörigen berichten, der festgenommen oder getötet wurde oder verschwunden ist.

In der Region Bardiya wurden beispielsweise fast alle Männer Opfer des „Verschwindenlassens“. Die verbleibenden Familienangehörigen wissen nicht, wo sie dies melden könnten. Daher unternehmen sie nichts.

Früher hat die Regierung Ausschüsse gegründet, die dafür zuständig waren, die Namen der Verschwundenen bekannt zu geben. Ihr Mandat war allerdings sehr begrenzt, was dazu führte, dass keine Fortschritte erzielt wurden.

Für die Opfer ist es eine sehr schwierige Zeit gewesen. Derzeit kümmern wir uns um die Fälle von über 8.000 Opfern und ihren Familien.