A Kyrgyz child whose family has traveled to work on a tobacco farm near the village of Dostyk, Kazakhstan.

(Almaty, 14. Juli 2010) - Zahlreiche Wanderarbeiter sind auf kasachischen Tabakplantagen betrogen und ausgebeutet worden. Manche wurden Opfer von Zwangsarbeit, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Kasachische Farmbesitzer beschäftigen die Wanderarbeiter als Saisonarbeitskräfte und sind ihrerseits Philip Morris Kasachstan vertraglich verpflichtet. Sie beliefern das Tochterunternehmen von Philip Morris International, eine der größten Tabakfirmen der Welt, mit Rohtabak.

Der 115-seitige Bericht „Hellish Work: Exploitation of Migrant Tobacco Workers in Kazakhstan" dokumentiert, wie einige Arbeitgeber die Pässe der Wanderarbeiter konfiszierten, ihnen schriftliche Arbeitsverträge vorenthielten, sie nicht regelmäßig entlohnten oder um ihre Löhne prellten und unverhältnismäßig lange Arbeitszeiten verlangten. Human Rights Watch dokumentiert außerdem zahlreiche Fälle von Kinderarbeit auf den Tabakplantagen. Obwohl diese Arbeit gerade für Kinder besonders gefährlich ist, arbeiteten bereits zehnjährige Kinder auf den Feldern. Für den Bericht wurden 2009 insgesamt 68 Arbeiter befragt, die damals auf Tabakplantagen in Kasachstan arbeiteten oder gearbeitet hatten.

Human Rights Watch legte Philip Morris International die Ergebnisse dieser Untersuchungen vor. Das Unternehmen versprach daraufhin, 2010 eine Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, um Missbrauch zu verhindern und zu beseitigen.

„Viele dieser Wanderarbeiter kamen nach Kasachstan und wurden quasi zu Leibeigenen gemacht, Kinder genauso wie Erwachsene", so Jane Buchanan, Researcherin in der Europa- und Zentralasienabteilung von Human Rights Watch. „Die kasachische Regierung muss noch viel mehr für ihren Schutz tun, aber auch Philip Morris spielt eine zentrale Rolle, um Missstände bei seinen Lieferanten zu verhindern."

Almira A. war 2009 gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer 16-jährigen Tochter nach Malybai in Kasachstan gegangen, um auf den Tabakplantagen zu arbeiten. Ihr Arbeitgeber konfiszierte umgehend ihre Pässe. Neben der Arbeit auf den Feldern, für die sie erst am Ende der Saison ihren Lohn erhielten, wurde die Familie gezwungen, zusätzliche Arbeiten unentgeltlich zu verrichten, wie Wäsche waschen oder die Fassade des Hauses streichen.

„Wir waren praktisch seine Sklaven. Er hat uns wirklich schlecht behandelt", berichtete Almira A. „Natürlich wären wir gerne gegangen, nur wie? Unsere Pässe hatte der Landbesitzer, außerdem besaßen wir kein Geld. Wären wir gegangen, wäre unsere ganze Arbeit umsonst gewesen. Und wie hätten wir ohne Geld wieder nach Hause kommen sollen?"

Die kasachische Regierung soll strenge Kontrollen in den Betrieben durchführen, Arbeitgeber, die gegen die Rechte der Arbeiter verstoßen, strafrechtlich verfolgen, und bei mutmaßlichen Verstößen zeitnah und effektiv ermitteln, so Human Rights Watch. Philip Morris International und sämtliche Tochterunternehmen sollen sicherstellen, dass die Maßnahmen zur Verhinderung und zur Beseitigung von Missbrauch eingehalten werden.

Experten gehen davon aus, dass jährlich zwischen 300.000 und einer Million Wanderarbeiter nach Kasachstan kommen. Die meisten stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, sie reisen ohne Visum nach Kasachstan ein. Tausende, meist aus Kirgisistan stammende Wanderarbeiter finden auf den Tabakplantagen Arbeit.

„Es hat sich herausgestellt, dass viele Wanderarbeiter, die 2009 oder in den Jahren zuvor auf den Tabakplantagen beschäftigt waren, von einer ganzen Reihe von Missständen betroffen waren, von unregelmäßigen Lohnzahlungen bis hin zur Zwangsarbeit", so Buchanan. „Es ist ausgezeichnet, dass Philip Morris Kasachstan und Philip Morris International diese Situation verbessern wollen, aber dafür werden regelmäßige, unabhängige Kontrollen und anhaltende Bemühungen notwendig sein."

Human Rights Watch dokumentierte für das Jahr 2009 insgesamt 72 Fälle von Kinderarbeit auf den Tabakplantagen. Experten zufolge gilt diese Arbeit als eine der schlimmsten Formen von Kinderarbeit, bei der Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nicht eingesetzt werden sollen, weil sie beim Umgang mit Rohtabak und Pestiziden besonders hohen Risiken ausgesetzt sind. Außerdem fehlen die Kinder in der Regel jedes Jahr mehrere Monate in der Schule, wenn sie mit ihren Familien auf den Tabakfarmen arbeiten.

„Genauso wie ihre Eltern verrichteten die Kinder über Monate hinweg schwere körperliche Arbeit", so Buchanan. „Sie waren dabei hohen Nikotinmengen ausgesetzt und erhielten nicht die Schulbildung, die ihnen zusteht."

Das Lohnsystem, von dem die Arbeiter berichteten, trägt nicht nur zur Kinderarbeit bei, sondern setzt alle Betroffenen besonders hohen Missbrauchsrisiken aus, so Human Rights Watch. In der Regel erhielt nur das Familienoberhaupt am Ende der acht oder neun Monate dauernden Saison eine einmalige Lohnzahlung.

Dieses System wirkte sich besonders nachteilig auf die Wanderarbeiter aus, die ihren Arbeitsplatz aufgrund der missbräuchlichen Situation vor Beendigung der Ernte verlassen wollten, weil sie die bis dahin ausstehenden Löhne eingebüßt hätten. Das Lohnsystem führte außerdem dazu, dass viele Arbeiter für Nahrungsmittel und andere lebensnotwendige Dinge auf ihre Arbeitgeber angewiesen waren. Die Kosten dafür wurden ihnen am Ende der Saison vom Lohn abzogen. Arbeitgeber konfiszierten darüber hinaus die Pässe ihrer Arbeitskräfte, um sie an einer frühzeitigen Abreise zu hindern.

„Wir haben mit sechs Familien gesprochen, die in eine Situation geraten waren, die auf Zwangsarbeit hinauslief", so Buchanan. „Ihre Arbeitgeber bezahlten sie erst nach acht oder neun Monaten Arbeit, ließen sie unentgeltlich zusätzliche Arbeiten im Haushalt oder in der Landwirtschaft verrichten und konfiszierten obendrein ihre Pässe, so dass sie gezwungen waren, weiter zu arbeiten."

In einigen anderen Fällen gerieten Familien aufgrund dieser Umstände in Schuldknechtschaft. Obwohl sie die ganze Saison über gearbeitet hatten, hatten sie am Ende der Erntesaison Schulden beim Farmbesitzer und wurden für weitere Ernteperioden verpflichtet, um ihre Schulden abzuzahlen.

In manchen Fällen wurden die Arbeiter verpflichtet, neben dem Tabakanbau unentgeltlich zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Arbeit, zu der ein Mensch unter Androhung einer Strafe und gegen seinen Willen gezwungen wird, ist Zwangsarbeit und nach internationalem und kasachischem Recht verboten.

Human Rights Watch präsentierte Philip Morris International die Ergebnisse der Untersuchungen, und das Unternehmen versprach daraufhin, gegen den Missbrauch vorzugehen. Philip Morris forderte die Arbeitgeber unter anderem auf, schriftliche Arbeitsverträge auszuhändigen, Löhne regelmäßig auszuzahlen, die Pässe nicht mehr zu konfiszieren und sich an das Verbot von Kinderarbeit zu halten.

Philip Morris International versprach darüber hinaus, dass die Schulungen für Mitarbeiter von Philip Morris Kasachstan künftig Themen wie Kinderarbeit, Zwangsarbeit und das illegale Einziehen von Pässen beinhalten sowie die Notwendigkeit, den Kindern der Wanderarbeiter Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Sowohl Philip Morris International als auch Philip Morris Kasachstan wollen mit der kasachischen Regierung zusammenarbeiten und gemeinsam eine Lösung finden, um diesen Kindern den Zugang zu Bildung zu ermöglichen, und sich an Programmen für die Kinder während der Sommermonate beteiligen. Darüber hinaus hat Philip Morris International eine fachkundige Organisation als Drittpartei beauftragt, die die Arbeitsbedingungen in Kasachstan und anderen Märkten, in denen Philip Morris International tätig ist, überwachen soll.

Die Regierung von Kasachstan muss ebenfalls Kontrollen durchführen und dafür sorgen, dass diese Maßnahmen umgesetzt werden, so Human Rights Watch.

„Kasachstan ist laut Völkerrecht dazu verpflichtet, alle Opfer von Missbrauch, unabhängig von Arbeitsverträgen und Herkunft, zu schützen", so Buchanan. „Die Regierung muss endlich aufhören, Wanderarbeiter zu behandeln, als hätten sie keine Rechte, und entschlossen gegen Arbeitgeber vorgehen, die diese Arbeiter missbrauchen."