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Libanon: Israelische Angriffe töten Hunderte, lebenswichtige Brücke beschädigt

Mehr als 300 Tote nach Angriffen Israels – Zugang zum Südlibanon eingeschränkt – humanitäre Krise verschärft sich

Ein Foto vom 9. April 2026 zeigt die Folgen des israelischen Luftangriffs vom Vortag auf die Qasmieh-Brücke, die an einer Hauptverkehrsstraße liegt, welche die Dörfer im Bezirk Tyros im Libanon miteinander und mit weiter nördlich gelegenen Ortschaften verbindet. © 2026 Kawnat HAJU / AFP via Getty Images

(Beirut) – Bei mehr als 100 israelischen Luftangriffen im gesamten Libanon am 8. April 2026, darunter auch in den dicht besiedelten Stadtvierteln von Beirut, wurden über 300 Menschen getötet und die letzte größere Brücke beschädigt, die den Südlibanon mit dem Rest des Landes verbindet, teilte Human Rights Watch heute mit. Die israelischen Angriffe, die die Brücken über den Litani unpassierbar machen, drohen Zehntausende Menschen im Südlibanon vom Zugang zu humanitärer Hilfe, Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung abzuschneiden.

„In den vergangenen zwei Jahren haben die verabscheuungswürdigen Verstöße und Kriegsverbrechen des israelischen Militärs im Libanon und im Gazastreifen verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung gehabt. Der fortgesetzte Waffenfluss nach Israel sowie das Schweigen anderer Staaten haben diese Gräueltaten zusätzlich begünstigt“, sagte Ramzi Kaiss, Libanon-Experte bei Human Rights Watch. „Eine Abtrennung des Südlibanon vom übrigen Staatsgebiet würde eine humanitäre Katastrophe auslösen und den Zehntausenden Menschen, die dort noch verblieben sind, schweren Schaden zufügen.“

Am 31. März besuchten Forscher von Human Rights Watch die Stadt Tyros im Südlibanon und befragten acht Personen, darunter vier Vertreter der Stadtverwaltung, Mitglieder des libanesischen Zivilschutzes und des Islamischen Gesundheitskomitees (eine mit der Hisbollah verbundene Zivilschutz- und Rettungsdienstorganisation) sowie einen Mitarbeiter des Jabal-Amel-Krankenhauses, eines der wichtigsten Krankenhäuser in Tyros.

„Wenn sie die Brücke zerstören, wohin sollen wir dann gehen? Wir können nirgendwo hin“, sagte Hassan Hamieh, der aus der südlichen Kleinstadt Beit Leif nach Tyros geflohen war.

Das israelische Militär teilte am 8. April mit, dass es „innerhalb von zehn Minuten und gleichzeitig in mehreren Gebieten [im Libanon]“ über 100 Luftangriffe geflogen habe, darunter auch in dicht besiedelten Gebieten in Beirut. Dabei kamen nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums mindestens 303 Menschen ums Leben und über 1.150 wurden verletzt. Es war der tödlichste Tag im Libanon seit Beginn der Eskalation der Feindseligkeiten zwischen Israel und der Hisbollah am 2. März.

Später am selben Tag teilten die libanesischen Streitkräfte mit, dass sie die Qasmieh-Brücke in der Nähe von Tyros, die letzte wichtige Übergangsstelle in das Gebiet südlich des Litani-Flusses, geräumt hätten.

Fotos und Videos, die vor Ort von Journalist*innen aufgenommen und von Human Rights Watch überprüft wurden, zeigen, dass israelische Angriffe eine Fußgängerbrücke in der Nähe der Hauptbrücke zerstört hatten, wodurch ein großer, zerbrochener Teil der Fußgängerbrücke auf die Hauptbrücke stürzte und den Zugang auf einer Straßenseite vorübergehend blockierte. Am 9. April erklärte das israelische Militär, es habe „zwei wichtige Übergänge“ über den Litani-Fluss angegriffen, und beschuldigte die Hisbollah, diese Übergänge zur Beförderung von Kämpfern und Waffen zu nutzen.

Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums haben israelische Angriffe seit dem 2. März mehr als 1.888 Menschen im Libanon getötet. Darunter waren bis zum 7. April mehr als 130 Kinder, 102 Frauen und 57 medizinische Fachkräfte. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, haben Angriffe der Hisbollah in Israel mindestens zwei Menschen getötet.

Zwischen dem 12. März und dem 8. April zerstörten oder beschädigten israelische Streitkräfte systematisch alle wichtigen Brücken, die die Gebiete südlich des Litani-Flusses mit dem Rest des Landes verbinden, sodass die Qasmieh-Brücke als einzige wichtige, noch funktionsfähige Überquerungsstelle übrig blieb. Zu diesen Angriffen zählen Angriffe auf neun Brücken über den Litani-Fluss und seinen Nebenfluss, von denen einige wiederholt getroffen wurden, sowie auf die Hauptstraße, die zur Al-Khardali-Brücke führt.

Human Rights Watch hat online veröffentlichte Videos analysiert, die den Moment zeigen, in dem drei der Brücken getroffen wurden, sowie Foto- und Videomaterial zu den Folgen der Angriffe auf die neun Brücken und die Straße, die zur Al-Khardali-Brücke führt. Viele Videos wurden vom Sky-News-Journalisten Ben van der Merwe geolokalisiert und durch die Recherchen von Human Rights Watch verifiziert.

At least nine bridges along the Litani River and its tributary, in addition to a section of the main road leading to Al-Khardali bridge, were struck by the Israeli military between March 12 to April 8, disrupting key transport routes. As of April 9, the Qasmieh Bridge, which remains operable despite being struck on April 8, is the only lifeline connecting southern Lebanon with the rest of the country.  Graphic © 2026 Human Rights Watch

Diese Angriffe hatten die Bewegungsfreiheit der Zivilbevölkerung erheblich eingeschränkt und die Möglichkeiten staatlicher Institutionen, humanitärer Organisationen, Krankenhäuser und medizinischer Einrichtungen, Hilfe zu leisten und medizinische Versorgung bereitzustellen, stark beeinträchtigt. Trotz einiger Schäden an der Qasmieh-Brücke und der Zerstörung der parallel dazu verlaufenden Fußgängerbrücke ist die Brücke weiterhin befahrbar und dient als einzige Lebensader für die Zehntausenden Menschen, die südlich des Litani-Flusses leben.

Andere Länder sollten Israel dazu drängen, die Bevölkerung im Südlibanon nicht vom Rest des Landes abzuschneiden, und sicherstellen, dass sie einen dauerhaften und verlässlichen Zugang zu humanitärer Hilfe haben und ihnen der Zugang zu lebensnotwendigen Gütern wie Wasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten nicht verwehrt wird. Sie sollten zudem die sichere Ausreise für diejenigen gewährleisten, die sich dafür entscheiden, das Gebiet zu verlassen.

Israels Verbündete, darunter die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich, Deutschland und andere EU-Staaten, sollten alle Waffenverkäufe, Waffentransporte und militärische Hilfe an Israel aussetzen und gezielte Sanktionen gegen Amtsträger verhängen, die glaubwürdig in laufende schwere Verbrechen verwickelt sind. Die EU sollte unverzüglich den Handelsteil ihres Assoziierungsabkommens mit Israel aussetzen, solange Israels Gräueltaten andauern, so Human Rights Watch.

Das israelische Militär erklärte, die Angriffe auf die Brücken dienten dazu, „den Transport von Truppenverstärkungen und Kampfmitteln“ in den Südlibanon zu verhindern, und warf der Hisbollah vor, die Brücken für militärische Zwecke zu nutzen.

Selbst wenn Brücken zu militärischen Zielen werden – das heißt, wenn sie einen wirksamen Beitrag zu militärischen Operationen leisten –, unterliegen Angriffe auf sie dennoch den Regeln der Verhältnismäßigkeit. Zu unverhältnismäßigen Angriffen zählen solche, von denen zu erwarten ist, dass sie im Verhältnis zu dem konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil, der von dem Angriff erwartet wird, übermäßigen Schaden an Zivilisten und zivilen Objekten verursachen. Diese Angriffe sind nach dem Völkerrecht verboten.

Das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) erklärte am 23. März, dass die Zerstörung wichtiger Brücken „den Verkehr und den Zugang für humanitäre Hilfe erheblich beeinträchtigt“ habe, wobei die Angriffe „die Verbindung“ zwischen Tyros und Nabatieh unterbrochen und „den Verkehr zwischen dem Südlibanon und dem Westbekaa, einschließlich Marjayoun und Hasbaya, eingeschränkt“ hätten.

„Die Zerstörung wichtiger Brücken hat ganze Stadtteile abgeschnitten, wodurch über 150.000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten sind und der Zugang für humanitäre Hilfe stark eingeschränkt ist“, erklärte OCHA und fügte hinzu, dass die Beschädigung wichtiger Verkehrswege zudem „die Lieferung lebenswichtiger Güter behindert und die Möglichkeiten der Zivilbevölkerung, sich sicher zu bewegen, einschränkt“.

Mortada Mohanna, Leiter der Abteilung für Katastrophenvorsorge und Verwaltung beim Verband der Gemeinden von Tyros, dem mindestens 55 Gemeinden angehören, erklärte, dass sich am 8. April noch etwa 71.000 Menschen in Tyros und den umliegenden Städten und Dörfern aufhielten.

„Diejenigen, die im Südlibanon geblieben sind, sehen sich nun einer zunehmenden Isolation und wachsenden Hindernissen beim Zugang zu humanitärer Hilfe konfrontiert, da israelische Luftangriffe Brücken zerstört haben, die den Süden mit dem Rest des Landes verbinden“, sagte Thameen al-Kheetan, Sprecher des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte, am 17. März.

Vertreter der Kommunalverwaltung in Tyros erklärten gegenüber Human Rights Watch, dass die Lebensmittelvorräte nur noch eine Woche reichen würden, sollte die letzte verbliebene Brücke angegriffen und unpassierbar gemacht werden. „Weder auf dem Seeweg noch auf dem Luftweg kann etwas hereinkommen“, sagte Alwan Charafeddine, der stellvertretende Bürgermeister von Tyros. „Diese Brücke ist unsere Lebensader. Unsere Lebensmittelvorräte sind fast aufgebraucht, weil wir alles, was wir bekommen, sofort verteilen.“

Charafeddine erklärte, dass „die fünf großen Supermärkte in der Stadt und den umliegenden Orten geschlossen haben“ und nur noch fünf Bäckereien in der Stadt in Betrieb seien; auch die Apotheken in der Stadt hätten geschlossen, sodass Medikamente nun von den lokalen Behörden und Nichtregierungsorganisationen bereitgestellt würden.

OCHA teilte mit, dass „die Märkte südlich des Litani-Flusses offenbar weitgehend stillgelegt wurden, wobei viele der beobachteten Geschäfte geschlossen oder geräumt sind und die Lieferungen deutlich zurückgegangen sind.“

Der Zugang zu medizinischer Versorgung, Medikamenten und medizinischen Hilfsgütern sei zudem durch die Bombardierung von Brücken erheblich beeinträchtigt worden, sagten ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens und ein Krankenhausmitarbeiter in Tyros.

Ein Sprecher des Jabal-Amel-Krankenhauses in Tyros erklärte, dass alle noch im Krankenhaus tätigen Ärzte*innen und Mitarbeitenden dort auch übernachten, da der Weg zum und vom Krankenhaus zu gefährlich geworden ist. Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières oder MSF) und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) berichteten, dass das Krankenhauspersonal in den südlichen Städten Nabatieh und Marjayoun dasselbe tut.

Auch Dialysepatienten mussten ins Jabal-Amel-Krankenhaus verlegt werden, so der Sprecher, da sie nicht ohne Weiteres reisen können oder Gefahr laufen, gänzlich von der medizinischen Versorgung abgeschnitten zu werden. Er fügte hinzu, dass einige Arzt*innen Operationen, für die normalerweise medizinische Instrumente wie orthopädische Bohrer für Gehirnoperationen erforderlich sind, sogar mit handbetriebenen Bohrern durchführen mussten, da das Personal diese Instrumente nicht ohne Weiteres ersetzen oder zur Reparatur einschicken kann.

„Um medizinische Hilfsgüter zu bekommen, müssen wir mit einem Krankenhauswagen nach Sidon [mehr als 30 Kilometer nördlich] fahren, die Hilfsgüter abholen und zurückkommen“, sagte der Verantwortliche des Jabal-Amel-Krankenhauses. „Das ist jedoch riskant, da wir manchmal spät in der Nacht fahren müssen […] Wenn die [letzte] Brücke getroffen wird, wären wir völlig abgeschnitten.“ Mindestens sechs Krankenhäuser im Libanon mussten seit dem 2. März schließen, teilte die Weltgesundheitsorganisation mit, darunter drei südlich des Litani-Flusses.

Seit dem 4. März hat das israelische Militär wiederholt Vertreibungsbefehle für die gesamte Bevölkerung des Libanon südlich des Litani-Flusses erlassen, wozu auch der Bezirk Tyros gehört. Seit dem 12. März hat es die von den Vertreibungsbefehlen betroffenen Gebiete ausgeweitet und den Bewohner*innen befohlen, sich nördlich des Zahrani-Flusses, 15 Kilometer nördlich des Litani-Flusses und 40 Kilometer nördlich der südlichen Grenze des Libanon zu Israel, zu begeben.

Nach dem humanitären Völkerrecht sind alle Konfliktparteien verpflichtet, den raschen und ungehinderten Transport humanitärer Hilfe zu bedürftigen Zivilist*innen zu ermöglichen und zu erleichtern. Sie müssen humanitäre Helfer*innen, Lagerhäuser und andere für Hilfsmaßnahmen genutzte Einrichtungen respektieren und schützen.

Zivilist*innen, die trotz Warnungen nicht evakuieren, stehen weiterhin unter dem uneingeschränkten Schutz des humanitären Völkerrechts. Erzwungene Vertreibungen sind nach dem Völkerrecht verboten, außer in Fällen, in den der Schutz der betroffenen Zivilist*innen oder zwingende militärische Gründe dies erfordern. Eine Person, die mit krimineller Absicht – also vorsätzlich oder fahrlässig – schwere Verstöße gegen das Völkerrecht begeht, kann wegen Kriegsverbrechen strafrechtlich verfolgt werden. Einzelpersonen können auch strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie ein Kriegsverbrechen unterstützen, erleichtern, begünstigen oder dazu anstiften.

Seit Oktober 2023 haben israelische Streitkräfte im Libanon zahlreiche und völlig ungestrafte Verstöße gegen das Völkerrecht begangen, darunter mutmaßlich vorsätzliche bzw. willkürliche Angriffe auf Journalist*innen, Zivilist*innen, medizinisches Personal, Finanzinstitute, Einrichtungen für den Wiederaufbau sowie Friedenstruppen.

Human Rights Watch hat zudem festgestellt, dass Israel Anordnungen des Internationalen Gerichtshofs missachtet hat, wonach Israel die Bereitstellung grundlegender Versorgungsleistungen und humanitärer Hilfe für die Palästinenser im Gazastreifen gewährleisten muss. Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat einen Haftbefehl gegen den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu und seinen ehemaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant erlassen. Die Anklagepunkte umfassen unter anderem die Aushungerung der Zivilbevölkerung als Kriegsmethode im Zusammenhang mit Israels vorsätzlicher und systematischer Vorenthaltung von „für das menschliche Überleben unverzichtbaren Gütern“ gegenüber der Zivilbevölkerung in allen Teilen des Gazastreifens, unter anderem durch die Behinderung von Hilfslieferungen sowie durch Angriffe auf und die Tötung von Hilfskräften.

Die libanesischen Justizbehörden sollten innerstaatliche Ermittlungen zu schweren internationalen Verbrechen einleiten, und die Regierung sollte dem Römischen Statut des IStGH beitreten und vor dem Beitrittsdatum eine Erklärung abgeben, in der sie die Zuständigkeit des Gerichtshofs anerkennt, und zwar auch für die Zeit seit mindestens dem 7. Oktober 2023.

„Um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, sollte die internationale Gemeinschaft unverzüglich handeln und fordern, dass die Zivilbevölkerung im gesamten Libanon geschützt wird und dass die letzte befahrbare Brücke, die das Gebiet südlich des Litani-Flusses mit dem Rest des Libanon verbindet, funktionsfähig bleibt“, sagte Kaiss. „Die Zivilbevölkerung zahlt den Preis für das Schweigen der internationalen Gemeinschaft und deren Unwillen, Israel zur Rechenschaft zu ziehen.“

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