Überreste verbrannter koptischer Texte am 19. August 2013 außerhalb der al-Amir Tadros-Kirche in Minya Stadt. © 2013 Matt Ford/Human Rights Watch

(New York) – Die ägyptischen Behörden sollen Kirchen und religiöse Einrichtungen vor Mob-Gewalt schützen. Seit 14. August 2013 wurden zahlreiche christliche Kirchen und deren Eigentum in vielen Teilen Ägyptens in Brand gesetzt und geplündert. Mindestens vier Menschen starben. Die Behörden sollen auch untersuchen, warum die Sicherheitskräfte meist nicht vor Ort waren oder nicht eingriffen, selbst wenn sie über die Angriffe informiert waren.

Sofort nach der gewaltsamen Auflösung der Sitzstreiks der Muslimbrüder am 14. August in Kairo griffen Gruppen von Männern mindestens 42 Kirchen an, 37 davon wurden beschädigt oder niedergebrannt, sowie andere christliche Institutionen in den Verwaltungsbezirken Minya, Asyut, Fayum, Giza, Suez, Sohag, Bani Suef und Nord-Sinai. Human Rights Watch konnte gemeinsam mit Familienmitgliedern der Opfer und Anwälten verifizieren, dass mindestens drei koptische Christen und ein Muslim bei den Angriffen in Dalga, Minya Stadt und Kairo getötet wurden.

„Seit Wochen wusste jeder, dass diese Angriffe stattfinden würden. Mitglieder der Muslimbruderschaft haben koptischen Christen vorgeworfen, an der Amtsenthebung Mohammed Mursis beteiligt gewesen zu sein. Doch die Behörden haben kaum etwas getan, um die Angriffe zu verhindern“, sagte Joe Stork, kommissarischer Leiter der Abteilung Naher Osten. „Jetzt sind Dutzende Kirchen qualmende Ruinen, und die Christen im ganzen Land verstecken sich zu Hause und haben Angst um ihr Leben.”

Human Rights Watch sprach mit 43 Augenzeugen, Priestern und koptischen Aktivisten, die die Angriffe auf 42 Kirchen, Dutzende christliche Institutionen und Schulen sowie koptische Geschäfte und Häuser bestätigten. Human Rights Watch war an elf Angriffsorten in Minya Stadt und Bani Suef und sprach mit dem Leiter für Sicherheitsfragen im Verwaltungsbezirk Minya.

In den meisten der 42 Fällen, die von Human Rights Watch dokumentiert wurden, waren zu Beginn oder während der Angriffe weder die Polizei noch das Militär vor Ort. In einem Fall in Dalga, einem Dorf im Süden des Verwaltungsbezirks Minya, berichteten Anwohner, dass zur gleichen Zeit auch die örtliche Polizeistation angegriffen worden war. Nach Angaben von Associated Press sagte ein Aktivist, dass in Kirdassa, im Verwaltungsbezirk Giza, westlich von Kairo, der Mob die örtliche Polizei angriff und 15 Beamte tötete, bevor die Al-Mallak-Kirche attackiert wurde. Ein Priester in Malawi, einer Stadt im Verwaltungsbezirk Minya südlich von Minya Stadt berichtete Human Rights Watch, dass er immer wieder den Notdienst und die Polzei anrief. Doch niemand kam. Ein anderer Bewohner aus Dalga sagte, dass am 16. August der Gouverneur versprach, Schützenpanzer einzusetzen, um die Kopten vor Gewaltausbrüchen zu schützen. Doch nichts geschah.

„Wir [die Kirchenvertreter] sprachen mit dem Premierminister, dem Innenminister und dem Verteter des Militärs, damit sie eingiffen”, so der koptische Bischof Minya Anba Makarios gegenüber Human Rights Watch am 19. August. Alle hätten Schutz versprochen, doch dies sei nicht geschehen.

In Hadeyeq Helwan, 30 Kilometer südlich von Kairo, berichtete ein Anwohner gegenüber Human Rights Watch, dass schließlich am 17. August ein Schützenpanzer ankam, einen Tag nachdem die St. George-Kirche angegriffen worden waren.

Bewohner in Minya Stadt sagten, dass in der Woche nach Mursis Sturz am 3. Juli koptische Geschäfte im Zentrum der Stadt mit einem schwarzen „X” besprüht worden waren, um sie von muslimischen Gebäuden zu unterscheiden. Die markierten Gebäude wurden daraufhin angegriffen.  

Die Angriffe fanden statt, nachdem Unterstützer der Muslimbruderschaft bei den Sitzstreiks in  Nahda undRab’a al-Adawiyawochenlang eine Verbindung zwischen den Kopten und dem Sturz Mursis hergestellt oder angedeutet hatten. Ein Sprecher,Assem Abdel Magid, sagte am 24. Juli, die Kopten und die Kommunisten unterstützten Sisi dabei, die Muslime zu töten. In einem YouTube-Video eines Demonstrationszuges für Mursi am 12. Juli riefen die Protestierenden „Islamisch, islamisch trotz der Christen”, als sie an einer Kirche vorbeizogen.

Einige Anführer der Muslimbrüder haben die jüngste religiöse Gewalt verurteilt. Am 16. August veröffentlichte der Sprecher der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrüder eine Stellungnahme. Darin hieß es, dass die Partei gemäß ihrer unteilbaren Prinzipien, jeden Angriff, auch mit Worten, gegen die Kopten, ihre Kirchen und ihr Eigentum ausdrücklich verurteile.

Andere haben die Kopten jedoch für das gewaltsame Vorgehen gegen die Muslimbrüder mitverantwortlich gemacht. Am Nachmittag des 14. August veröffentlichte die Abteilung der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei aus Helwan eine Stellungnahme auf Facebook, in der PapstTawadros, dem religiösen Anführer der Kopten in Ägypten, vorgeworfen wurde, an dem Sturz Mursis beteiligt gewesen zu sein, und die Kopten aufgefordert habe, Straßen zu blockieren, Moscheen zu umstellen und sie zu stürmen. Die Botschaft endete mit dem Satz, dass jedes Handeln eine Reaktion bewirke. Am 16. August wurde auf der Website der Muslimbrüder ein Artikel mit dem Titel veröffentlicht: „Polizei und Kirche eröffnen das Feuer auf  den al-Haram Demonstrationszug am Giza-Tunnel und in der Murad Straße.“ Verschiedene Anwohner und Kleriker aus Gebieten, in denen Kirche angegriffen wurden, sagten, dass örtliche religiöse Anführer dazu aufgestachelt hätten, Kirchen zu attackieren.

Die religiöse Gewalt gegen Christen hatte bereits vor der gewaltsamen Auflösung der Camps am 14. August zugenommen. Am 5. Juli, nach dem Sturz Mursis am 3. Juli, wurden vier Kopten im Verwaltungsbezirk Luxor getötet. Am 23. Juli  rief Human Rights Watch die ägyptischen Behörden auf, die Christen zu schützen, Angriffe zu untersuchen und die Verantwortlichen zu Rechenschaft zu ziehen.

„Zwar haben wenige Anführer der Muslimbürder diese Angriffe verurteilt. Sie müssen jedoch auch gegenüber ihren Anhängern klarstellen, dass nicht weiter zu Gewalt aufgestachelt werden darf, indem die koptische Minderheit für die Niederschlagung verantwortlich gemacht wird“, so Stork.