Ein Paar aus Mississippi, das mit dem HI-Virus lebt. In Mississippi machen Afroamerikaner 37 Prozent der Gesamtbevölkerung, gleichzeitig jedoch 76 Prozent aller HIV-Infizierten aus.

© 2011 Lisa Biagiotti

(Jackson, 9. März 2011) – Wegen kontraproduktiver Gesetze und politischer Maßnahmen auf bundesstaatlicher Ebene sind Tausende Menschen in Mississippi HIV-gefährdet und vielen HIV-Infizierten werden lebensrettende Maßnahmen und Medikamente vorenthalten, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Der US-Bundesstaat Mississippi blockiert effektive Strategien zur Prävention und Behandlung von HIV und befürwortet stattdessen politische Maßnahmen, die Stigmatisierung und Diskriminierung Vorschub leisten, mit der Folge, dass Mississippi eine der höchsten AIDS-Raten in den USA aufweist.

Der 59-seitige Bericht „Rights at Risk: State Response to HIV in Mississippi“ dokumentiert die negativen Auswirkungen der Politik in Mississippi auf die Bewohner des Bundesstaates, insbesondere auf Menschen mit HIV oder einem erhöhten HIV-Infektionsrisiko. Mississippi weigert sich, an Schulen umfassend und präzise über HIV-Prävention zu informieren, und droht mit strafrechtlichen Konsequenzen, wenn Sexualpartnern der eigene HIV-Status nicht mitgeteilt wird. Dabei stellt der Bundesstaat wenig oder gar kein Geld für Maßnahmen zur HIV-Prävention, für die Unterbringung, den Transport oder für Programme zur Behandlung HIV-Infizierter mit verschreibungspflichtigen Medikamenten bereit und schöpft die Bundesförderung zur Stärkung dieser Programme nicht voll aus. Die Hälfte aller Personen in Mississippi, die HIV-positiv getestet wurden, wird nicht behandelt – eine Zahl, die mit der in Äthiopien, Botswana oder Ruanda vergleichbar ist.

„In Mississippi gibt es viele Menschen mit HIV, die sich einen Klinikaufenthalt, eine Behandlung oder ein Dach über dem Kopf nicht leisten können. Andererseits werden Jugendliche nicht darüber informiert, wie sie sich schützen können“, so Megan McLemore, Senior Researcher in der Abteilung Gesundheit und Menschenrechte von Human Rights Watch. „Es handelt sich hier um Versäumnisse bei der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung, die das Grundrecht auf Schutz von Leben und Gesundheit aller Menschen in Mississippi gefährden.“

Für den Bericht wurden über 65 Personen im ganzen Bundesstaat Mississippi befragt, darunter Menschen mit HIV und AIDS, AIDS-Hilfe-Organisationen und Beamte.

Die höchste HIV-Infektionsrate weisen Männer auf, die Sex mit Männern haben. Heterosexuelle Frauen stellen allerdings die zweitgrößte von der Krankheit betroffene Gruppe dar. Die Zahl der Jugendlichen, die sich mit HIV infizieren, nimmt ständig zu, und das ungleiche Verhältnis bei HIV- und AIDS-Infektionen in Bezug auf die Hautfarbe ist gravierend: Afroamerikaner stellen 37 Prozent der Bevölkerung, machen aber 76 Prozent der neuen HIV-Fälle aus.

„HIV fordert einen verheerenden Tribut in Mississippis afroamerikanischen Communities“, so McLemore.

Human Rights Watch interviewte ein Ehepaar, beide sind HIV-positiv. Der Mann sitzt im Rollstuhl, sein Körper ist durch Aids geschwächt. Die beiden leben ständig mit der Angst vor einer Zwangsräumung, da ihr begrenztes Einkommen gerade für die Miete reicht. Obwohl die Wohnsituation für den Erhalt der Gesundheit von Menschen mit HIV nachweislich von entscheidender Bedeutung ist und obwohl nach Schätzungen des Bundesstaates Mississippi der Bedarf für die Unterbringung von 3.500 Menschen mit HIV in den nächsten fünf Jahren nicht gedeckt werden kann, werden keine Mittel für die Unterbringung dieser Menschen bereitgestellt.

„Wir überleben, weil Gott uns gnädig ist, aber das war es auch schon“, so Sheila R. (Pseudonym) über ihren täglichen Kampf um grundlegende Bedürfnisse.

Mississippi ist einer der ärmsten Bundesstaaten in den USA und hat deshalb Anspruch auf beträchtliche staatliche Fördermittel, mit denen die Wohnsituation und die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit HIV/AIDS gefördert werden könnten. Der Bundesstaat hat diese Mittel jedoch vielfach nicht ausgeschöpft. Erst kürzlich reichte Mississippi Klage gegen das nationale Gesundheitsreformgesetz ein, durch das künftig auch viele Menschen mit HIV über das staatliche, in erster Linie von der Bundesregierung finanzierte Gesundheitsprogramm Medicaid krankenversichert wären. Dem Bericht von Human Rights Watch zufolge trägt die mangelnde Bereitschaft, staatliche Unterstützung für die mit HIV infizierte Bevölkerung anzunehmen, dazu bei, dass die Todesfälle durch AIDS weit über dem nationalen Durchschnitt liegen.

Zudem hält Mississippi an erfolglosen Strategien zur HIV- und Sexualaufklärung fest. Mississippi gehört zu den Bundesstaaten mit den höchsten Raten an sexuell übertragbaren Krankheiten wie Chlamydieninfektionen, Gonorrhoe oder Syphilis, die das Risiko einer HIV-Infektion wesentlich erhöhen. Dennoch hat der Senat von Mississippi wiederholt Programme mit umfassenden und präzisen Informationen zu HIV und Schwangerschaftsprävention abgelehnt und beharrt stattdessen auf dem wirkungslosen „Abstinence-only“-Programm an öffentlichen Schulen, der Erziehung zur Enthaltsamkeit. Mit dem Ergebnis, dass den Jugendlichen potenziell lebensrettende Informationen vorenthalten werden und sie unnötigerweise dem Risiko einer HIV-Infektion ausgesetzt werden.

Die Gesetze und politischen Maßnahmen in Mississippi tragen zu der extremen Stigmatisierung von Menschen mit HIV bei, was für viele beängstigender ist als die Krankheit selbst. Eine Frau berichtete Human Rights Watch, sie habe ihre AIDS-Medikamente weggeworfen, als sie bei Verwandten zu Besuch war, aus Angst, sie könnten herausfinden, dass sie HIV-positiv ist.

Gesetze und politische Maßnahmen in Mississippi verschärfen das Problem zusätzlich, indem sie Vorurteile und die Diskriminierung von Menschen mit HIV-Risiko fördern. Homosexuelle Männer werden durch zahlreiche Rechtsvorschriften und Verfassungsänderungen benachteiligt, Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender im Sexualkundeunterricht marginalisiert. In einigen Fällen haben Mitarbeiter im öffentlichen Gesundheitswesen HIV-positiv getestete Personen schikaniert und bedroht.

Human Rights Watch berichtet zudem über die negativen Folgen von Gesetzen in Mississippi, die es unter Strafe stellen, eine Person möglicherweise zu gefährden, sich mit dem HI-Virus zu infizieren. Nationale und internationale Gesundheitsorganisationen forderten die Ablehnung solcher Gesetze, weil sie die Bemühungen zur HIV-Prävention untergraben. Solche Gesetze leisten unkorrekten Informationen zur Übertragung von HIV Vorschub. Sie bringen beispielsweise Verhalten wie Spucken oder Beißen mit der Verbreitung des Virus in Zusammenhang. Zudem gefährden sie die Gesundheit und Sicherheit von Frauen mit HIV, die möglicherweise Gewalt oder andere negative Konsequenzen zu befürchten haben, wenn sie ihren Status offenlegen. Diese Gesetze benachteiligen diejenigen, die ihren Status kennen, und schaffen dadurch nicht gerade einen Anreiz, einen HIV-Test machen zu lassen.

Am schnellsten breitet sich die HIV-Epidemie in Mississippi unter Männern aus, die Sex mit Männern haben, eine Gruppe, die meist im Verborgenen bleibt und für das öffentliche Gesundheitswesen nicht erreichbar ist. Dem Bericht zufolge verschärfen die Gesetze oder Verfassungsänderungen in Mississippi, die Adoptionen durch Homosexuelle oder Homo-Ehen verbieten, sowie weitere Gesetze und politische Maßnahmen gegen Homosexuelle das Problem, indem sie Vorurteile und Stigmatisierung Vorschub leisten. Ein Mann berichtete: „Als Homosexueller mit HIV in Mississippi zu leben, ist wie ein böser Fluch.“

„Mississippis AIDS-Strategie funktioniert nicht“, so McLemore. „Mississippi muss seine Politik auf den neuesten Stand bringen, die Bereitstellung adäquater Mittel garantieren und die Menschenrechte achten.“