Diese körperlich behinderte Frau bewegt sich auf einem Fahrrad mit Handkurbelantrieb fort. Nach dem 20-jährigen Krieg in Nord-Uganda stellen Heimkehr und Wiedereingliederung für behinderte Frauen eine gewaltige Herausforderung dar. Sie begegnen Vorurteilen und werden Opfer von sexueller Gewalt. Häufig haben sie keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung und Justiz.

© 2010 Martina Bacigalupo für Human Rights Watch

(Kampala, 26. August 2010) – In Nord-Uganda werden behinderte Frauen fortwährend Opfer von Diskriminierung und sexueller sowie geschlechtsspezifischer Gewalt, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Viele Frauen haben keinen Zugang zu grundlegenden staatlichen Leistungen wie Gesundheitsversorgung und Justiz. Ihre Bedürfnisse sind bei den Wiederaufbaumaßnahmen bislang weitgehend unberücksichtigt geblieben.

Der 73-seitige Bericht „‘As if We Weren’t Human’: Discrimination and Violence against Women with Disabilities in Northern Uganda“ beschreibt, wie Frauen und Mädchen mit Behinderung in Nord-Uganda von Familienmitgliedern, Nachbarn und Fremden diskriminiert und häufig missbraucht werden. Für den Bericht befragte Frauen beschrieben es als unmöglich, an grundlegende Bedarfsgüter wie Nahrung und Kleidung zu gelangen oder eine Unterkunft in Flüchtlingslagern oder in ihren Dörfern zu finden. Eine körperlich behinderte Frau, die in einem Flüchtlingslager lebte, schilderte im Gespräch mit Human Rights Watch Beschimpfungen wie: „Du bist nutzlos. Du verschwendest Essen. Du solltest einfach sterben, damit andere dein Essen bekommen können.“ Human Rights Watch untersuchte die Lage in sechs Distrikten in Nord-Uganda, wo mehr als zwei Jahrzehnte lang ein blutiger Konflikt zwischen der Lord Resistance Army und der Regierung getobt hatte.

„Ein wenig beachteter Aspekt des jahrelangen Kriegs in Nord-Uganda ist die Isolation, Vernachlässigung und Misshandlung von Frauen und Mädchen mit Behinderung“, so Shantha Rau Barriga, Expertin für Behindertenrechte von Human Rights Watch. „Die Regierung und Hilfsorganisationen müssen dafür sorgen, dass behinderte Frauen beim Wiederaufbau nicht ausgegrenzt werden.“

Der Bericht stützt sich auf Befragungen von 64 Frauen und Mädchen mit einem breiten Spektrum von Behinderungen, teilweise als Folge von Polio-Infektionen, Landminen oder Schussverletzungen. Einer landesweiten Studie aus dem Jahr 2007 zufolge haben etwa 20 Prozent der Menschen in Uganda eine Behinderung. Es wird angenommen, dass dieser Anteil in Nord-Uganda aufgrund von Kriegsverletzungen und dem eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung und Impfungen noch höher liegt.

Die Recherchen von Human Rights Watch ergaben, dass Frauen mit Behinderung sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt besonders schutzlos gegenüberstehen. Mehr als ein Drittel der von Human Rights Watch befragten Frauen gab an, bereits sexuell oder körperlich misshandelt worden zu sein. Keine der Frauen hatte die Möglichkeit, strafrechtlich gegen die Täter vorzugehen.

„Häufig erhalten Frauen mit Behinderung keinerlei Informationen zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit sowie zu HIV-Infektionen“, so Barriga. „Doch sie benötigen eine sexualmedizinische Versorgung, Schutz vor sexueller Gewalt sowie strafrechtliche Mittel, um gegen Missbrauch vorzugehen.“

Der Bericht weist darauf hin, dass Frauen mit Behinderung besonders anfällig für HIV sind, weil sie oft arm sind und nur schwer den Wunsch nach Schutzmaßnahmen vor sexuell übertragbaren Krankheiten äußern bzw. durchsetzen können. Zudem fehlt ihnen der Zugang zu Informationen, und ihr Risiko, missbraucht oder vergewaltigt zu werden, ist besonders hoch. Viele behinderte Frauen können nicht zu den häufig weit entfernt liegenden Gesundheitszentren oder Polizeistationen gelangen oder können Einrichtungen nicht nutzen, weil Gebärdendolmetscher, Kennzeichnungen in Brailleschrift oder Rampen für Rollstuhlfahrer fehlen. Manche Frauen stießen auf Vorurteil des Personals, andere erhielten selbst von Familienangehörigen keine Unterstützung.

„Ich darf nicht in der Nähe anderer Leute baden“, erzählte Candace, eine mit HIV infizierte Frau, die durch eine Landmine ein Bein verloren hat, im Gespräch mit Human Rights Watch. „Meine Nachbarn glauben, in meinem Urin sei HIV. Sie sagen, ich würde das ganze Dorf krank machen, wenn ich dass Wasser berührte. In meinem Dorf hat es zwar Aufklärungsmaßnahmen über HIV gegeben, doch die Haltung der Menschen hat sich kaum verändert.“

Der Bericht empfiehlt der ugandischen Regierung unter anderem, die Bedürfnisse behinderter Frauen und Mädchen im Rahmen der Wiederaufbaupläne und Programme angemessen zu berücksichtigen. Er appelliert zudem an die Regierung, dafür zu sorgen, dass Frauen mit Behinderung Zugang zu etablierten staatlichen Programmen haben, insbesondere im Bereich sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt, reproduktiver Gesundheit und HIV.

Die Recherchen von Human Rights Watch ergaben, dass die meisten humanitären Hilfsorganisationen keine speziellen Programme für Menschen mit Behinderung betreiben. Der Bericht empfiehlt den Hilfsorganisationen, die Zusammenarbeit mit Behindertenverbänden zu suchen, damit Informationen über den Wiederansiedlungsprozess und die verfügbaren Hilfsleistungen auch zu behinderten Menschen gelangt.

Ein Schlüsselproblem in diesem Zusammenhang ist das Fehlen genauer Zahlen zu behinderten Frauen in Nord-Uganda und der Mangel an Daten über deren Zugang zu Hilfsangeboten. Die Regierung und die Hilfsorganisationen sollen solche Daten erheben und auf ihrer Grundlage Programme entwickeln, die behinderte Frauen besser einbeziehen.

Die ugandische Regierung ist durch internationales und regionales Recht sowie durch die ugandische Verfassung und andere nationale Gesetze verpflichtet, die Rechte von Menschen mit Behinderung zu achten. Als Vertragsstaat der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen muss Uganda gewährleisten, dass Frauen mit Behinderung die gleichen Rechte genießen wie alle anderen Bürger. In der Praxis bedeutet dies, dass die ugandische Regierung ihre eigenen Gesetze entschlossener umsetzen muss, um Frauen mit Behinderung in Nord-Uganda vor Gewalt zu schützen und ihnen den Zugang zu grundlegenden staatlichen Leistungen zu garantieren.

„Der Krieg hat die Isolation und Diskriminierung von Frauen und Mädchen mit Behinderung gleichzeitig verschärft und in den Hintergrund gedrängt“, so Barriga. „Jetzt hat die Regierung die Gelegenheit – und die besondere Verantwortung – ihre Not zu lindern.“

Ausgewählte Aussagen aus dem Bericht:

„Wir waren zu zwölft im Haus, als es [von der LRA] niedergebrannt wurde. Alle, die in der Nähe der Tür waren, überlebten. Ich lag auf dem Bauch und schützte mein Herz. Ich wurde am Kopf verbrannt und wurde blind. Außerdem höre ich seitdem schlecht.“

– Edna, eine 29-jährige Frau, die im Jahr 2004 aus ihrem Dorf in die Stadt Lira floh. Edna ist HIV positiv.

„Vor einer Woche wurde ich in diesem Haus dreimal vergewaltigt. Die Männer kamen in der Nacht und ich konnte sie nicht erkennen. Ich habe niemandem davon erzählt, nicht einmal meiner Mutter. Ich habe darüber nachgedacht, eine panga [Machete] mit ins Bett zu nehmen für den Fall, dass sie wieder kommen. Ich glaube, dass ich meinen HIV-Status wissen muss, wenn ich Anzeige erstatten will. Ich würde gerne einen HIV-Test im Gesundheitszentrum machen, aber ich habe keine Möglichkeit, um in die Stadt zu kommen. Das Krankenhaus ist weit weg und mein Fahrrad [mit Handkurbelantrieb] ist kaputt. Manche Leute im Dorf sagen, ich sei selbst schuld und treibe mich mit Männern herum.“

– Angela, eine 20-jährige Frau mit einer angeborenen Körperbehinderung, Distrikt Amuru

„Wenn ich nach Hause zurückkehre, werde ich wie ein Kind leben, das darauf warten muss, gefüttert zu werden.“

– Mary, eine körperlich behinderte Frau, die in einem Flüchtlingslager lebt, Distrikt Amuru

„Die Liegen für die Entbindung sind sehr hoch und haben Rollen. Die Schwestern sagen dir, du sollst dich auf die Liege legen. Dann versuchst du es, doch die Liege rollt weg. Sie sagen: ‚Leg dich hin! Wie bist du denn auf das Bett gekommen, in dem du schwanger wurdest?‘“

– Hon. Nalule Safia Juuko, eine Parlamentsabgeordnete, die sich für die Rechte Behinderter einsetzt

„Die Nachbarn schlugen meine Kinder. Wenn sie mit den Nachbarskindern spielten, wurden sie fortgeschickt. Man sagte ihnen: ‚Eure Taubheit wird auf meine Familie überspringen.‘“

– Erica, eine gehörlose Frau, die eines ihrer Kinder bei der Geburt verlor, weil die Schwester ihr nicht gesagt hatte, dass sie Zwillinge bekommen würde, Distrikt Lira