(London, 21. Juli 2004) – Im Punjab, der traditionellen Hochburg des Militärs in Pakistan, ermorden und foltern die mit der Armee zusammen arbeitenden Paramilitärs Bauern, die sich weigern, Verträge zu unterzeichnen, durch die sie ihr Recht auf Land an die Armee abtreten würden, sagte Human Rights Watch heute. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer trifft heute zu einem dreitägigen Besuch in Pakistan ein.

Der 54-seitige Bericht: „Soiled Hands: The Pakistan Army’s Repression of the Punjab Farmers’ Movement“ dokumentiert, wie das pakistanische Militär die Bauernbewegung in der Provinz Okara im Punjab, aus der die pakistanischen Streitkräfte die Mehrheit ihrer Mitglieder rekrutiert, brutal unterdrückt. In den letzten zwei Jahren haben sich Zehntausende Farmpächter in Okara gegen die Versuche des Militärs gewehrt, den Anspruch der Bauern auf Teile des fruchtbarsten Ackerlands in Pakistan, das ihre Familien oft seit Generationen bestellt haben, zu untergraben.

„Das pakistanische Militär und die Paramilitärs gehen gewaltsam gegen ihre eigenen Leute im Punjab vor, anstatt sie zu beschützen“, meinte Brad Adams, Direktor der Asien-Abteilung von Human Rights Watch. „Es ist ein gefährlicher Zeitpunkt in Pakistan, wenn sich das Militär gegen diejenigen wendet, die es am stärksten unterstützen.

Obwohl sich die pakistanische Armee als Eigentümer des Landes in Okara wähnt, wird dieser Anspruch von den meisten Rechtsexperten, Pächtern und der Provinzregierung im Punjab, die sich trotz wiederholter Anfragen der mächtigen Streitkräfte geweigert hat, das Land dem Militär zu überschreiben, angefochten.

Als Reaktion darauf haben die pakistanischen Paramilitärs die Bauern zur Zielscheibe einer Kampagne des Mordens, willkürlicher Festnahmen, Folter, „Zwangsscheidungen“ und willkürlicher Entlassungen gemacht. Zweimal haben die Paramilitärs Dörfer im umstrittenen Gebiet im wahrsten Sinne des Wortes belagert und somit wochenlang verhindert, dass Menschen, Nahrungsmittel oder öffentliche Leistungen in die Dörfer gelangen oder die Dörfer verlassen konnten.

Die für den Großteil der Misshandlungen der Bauern verantwortliche bewaffnete Einheit sind die Pakistan Rangers, eine normalerweise zur Grenzsicherung eingesetzte paramilitärische Gruppe. Um die Bauern zum Unterzeichnen neuer Pachtverträge zu zwingen, haben die Rangers „Folterzellen“ eingerichtet, ein in Pakistan von Regierungsbeamten und der Bevölkerung gleich häufig verwendeter Begriff, um Bereiche in Strafanstalten zu beschreiben, die für Zwangsverhöre von Verdächtigen genutzt werden.

Aussagen von 30 von Human Rights Watch befragten Kindern zufolge haben die Rangers die Kinder von Bauern gefoltert, um diese zum Unterzeichnen der Pachtverträge zu zwingen. Da die Rangers die Kinder von widerspenstigen Bauern zu Zielen von Entführungen und Folter gemacht haben, bleiben die Schulen in den betroffenen Gebieten immer wieder geschlossen.

In manchen Fällen haben die Paramilitärs junge Paare durch das Foltern der Ehemänner oder anderer männlicher Verwandter sogar dazu gezwungen, sich scheiden zu lassen, um das Ansehen ihrer Familien so öffentlich zu beflecken. Auf Farmen des Militärs wurden Verwandte von Bauern, die sich weigerten, neue Verträge zu unterzeichnen, entlassen oder von der Arbeit ausgeschlossen und mit Folter bedroht.

„Der Disput in Okara zeigt, dass in Pakistan tatsächlich eine militärische Regierung an der Macht ist“, meinte Adams. „Das Militär bemüht sich sehr, den Menschen zu vermitteln, dass jeder, der sich der wirtschaftlichen Kontrolle des Militärs widersetzt, schwer bestraft wird.

Grundbesitz bleibt eine der bedeutsamsten Quellen des Wohlstandes und des gesellschaftlichen Ansehens in Pakistan. Die Armee ist vermutlich der größte Grundbesitzer in Pakistan und das Militär verteilt Land normalerweise als Zeichen der Gunst an Bürger oder als Vergünstigung für Beamte aus eigenen Reihen.

Obwohl die Rangers offiziell unter der Zuständigkeit des föderalen Innenministers Pakistans stehen, beziehen sie ihren Kader aus dem Militär und arbeiten eng mit und oft auf Anordnung der pakistanischen Armee.

In Okara haben Beamte aus Militär und Politik entweder an den Übergriffen teilgenommen oder diese zugelassen. In manchen Fällen hat die Polizei den Rangers bei den Übergriffen geholfen.

„Beide Seiten glauben, sie können es sich nicht leisten, in diesem Disput zu verlieren“, meine Adams. „Für das pakistanische Militär ist die Kontrolle des Grundbesitzes unerlässlich, um seine Rolle in der politischen Struktur des Landes zu sichern. Für Farmpächter bedeutet der Zugang zu Land oft den Unterschied zwischen einem vollen Magen und Hunger.“

Der Bericht basiert auf mehr als 100 Interviews mit Farmpächtern, ihren Kindern und einigen der mutmaßlichen Täter.