Skip to main content
Jetzt Spenden

Spaltungen innerhalb der Taliban bieten Ansatzpunkte für Rechenschaftspflicht

Die Taliban sind kein monolithischer Machtblock. Internationale Rechenschaftspflicht kann interne Bruchlinien nutzen, Beweise für künftige Gerechtigkeit sichern und gleichzeitig Verbesserungen für Afghan*innen im Hier und Jetzt erreichen.

Veröffentlicht in: Foreign Policy in Focus
Frauen halten bei einer Demonstration ihre Plakate hoch, auf denen sie die Anerkennung ihrer Rechte fordern, in der Nähe der Shah-e-Do-Shamshira-Moschee in Kabul, Afghanistan, am 24. November 2022. © 2022 AFP via Getty Images

Im Oktober 2001 wurden die Taliban infolge der von den USA angeführten Invasion Afghanistans nach den Anschlägen vom 11. September zunächst von der Macht verdrängt. Doch 20 Jahre später, nach einem Krieg mit verheerenden menschlichen Kosten, erlangten sie erneut die Kontrolle über das Land. Die USA und ihre Verbündeten, die ihre eigene Rolle in diesem Konflikt bis heute nicht vollständig aufgearbeitet haben, ringen nun um einen kohärenten Umgang mit Afghanistan.

Afghanistan steckt weiterhin in einer tiefen Menschenrechtskrise. Die Taliban regieren autoritär, unterdrücken Opposition, entrechten Frauen und zwingen religiöse Minderheiten zur Anpassung an ihre Regeln. Die Staaten, die einst die afghanische Regierung unterstützten, sind sich uneinig. Während einige den Dialog mit den Taliban für notwendig halten, um etwa Terrorismus zu bekämpfen und Migration zu kontrollieren, lehnen andere eine Annäherung ab, solange es keine grundlegenden Verbesserungen im Land gibt – Verbesserungen, die unter der Herrschaft der Taliban kaum vorstellbar erscheinen.

Beide Ansätze lassen eine entscheidende Tatsache außer Acht. Auch wenn die oberste Führung der Taliban ein strenges und brutales Regierungssystem durchgesetzt hat, sind die Taliban keineswegs eine monolithische Einheit. Ihre Verordnungen sind drakonisch, werden jedoch nicht von allen Funktionären einheitlich umgesetzt. Ihr oberster Führer und sein engster Kreis mögen scheinbar immun gegen äußeren Druck sein, doch viele Funktionäre auf Provinz- und Bezirksebene sind es nicht.

Diese Kluft ist nicht unerheblich. Es gibt zahlreiche Hinweise auf Uneinigkeit innerhalb der Taliban. Hochrangige Vertreter haben öffentlich Widerstand gegen das Verbot der Schulbildung für Mädchen geäußert, auch wenn die Führung in Kandahar ihre Haltung verschärft hat. Humanitäre Organisationen können – mit unterschiedlichem Erfolg und von Provinz zu Provinz verschieden – über den Zugang verhandeln und Frauen beschäftigen. In einigen Provinzen sehen sich Frauen einer strengeren Durchsetzung der Anforderungen an männliche Vormunde oder der Kleidungsvorschriften gegenüber; in anderen ist die Umsetzung lockerer und hängt von den lokalen Behörden ab.

Diese Entwicklungen sind keineswegs Ausdruck einer Mäßigung der Taliban, bieten jedoch Chancen. Die lokalen Führungskräfte der Taliban treffen Entscheidungen. Sie setzen Befehle um und entscheiden, wie rigoros diese durchgesetzt werden sollen. Diese Umstände können Anreize für Veränderungen schaffen. Das Streben nach Rechenschaftspflicht ist daher nicht nur der Weg, um den Forderungen der Opfer von Misshandlungen nach längst überfälliger Gerechtigkeit nachzukommen – es ist auch ein praktisches Instrument, um Verhaltensänderungen bereits jetzt zu bewirken.

Im Oktober 2025 richtete der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen einen unabhängigen Untersuchungsmechanismus für Afghanistan ein, um Beweise für schwere Verbrechen zu sammeln, zu sichern und zu analysieren sowie Akten für künftige Verfahren vorzubereiten. Der Mechanismus soll Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen das Völkerrecht durch alle Akteure untersuchen, darunter auch Taliban-Funktionäre, die für die Durchsetzung völkerrechtswidriger Verordnungen verantwortlich sind.

Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen den obersten Führer der Taliban, Haibatullah Akhundzada, und den Obersten Richter, Abdul Hakim Haqqani, wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter geschlechtsspezifische Verfolgung, erlassen. Doch auch Provinzgouverneure, Polizeichefs, Richter, Staatsanwälte, Gefängnisbeamte, Mitglieder der Sittenpolizei und Bezirksbehörden dürften sich bewusst sein, dass sie etwas zu verlieren haben, sollten auch sie ins Visier internationaler Strafverfolgung geraten. Viele von ihnen möchten reisen oder künftig politische Funktionen ausüben. Sie sollten wissen, dass Menschenrechtsverletzungen nicht zwangsläufig im Verborgenen bleiben und dass der Verweis auf die Befolgung von Befehlen nicht von der eigenen Verantwortung entbindet.

Regierungen sollten Amtsträger identifizieren, die diese missbräuchlichen Maßnahmen durchsetzen. Sie sollten Maßnahmen zur Beweissicherung unterstützen, die Menschenrechtsverletzungen mit bestimmten Entscheidungsträgern auf Provinz- und Bezirksebene in Verbindung bringen. Und sie sollten ihre diplomatischen Botschaften koordinieren, damit die lokalen Behörden aus mehreren Hauptstädten dieselbe Warnung erhalten: Menschenrechtsverletzungen haben persönliche Konsequenzen.

Human Rights Watch und andere Menschenrechtsorganisationen haben dokumentiert, wie die Straffreiheit auch vor der Machtübernahme durch die Taliban im Jahr 2021 einflussreiche Persönlichkeiten schützte, darunter Asadullah Khalid, ehemaliger Leiter der Nationalen Sicherheitsdirektion und ehemaliger Verteidigungsminister; Atta Mohammad Noor, ehemaliger Gouverneur von Balkh; Ismail Khan, ehemaliger Gouverneur von Herat; sowie Abdul Rashid Dostum, ehemaliger Vizepräsident.

Diese Geschichte der Straflosigkeit bestärkt die heutigen Machthaber in ihrer Überzeugung, niemals zur Rechenschaft gezogen zu werden. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, braucht es eine umfassende und unparteiische Justiz, die sich sowohl mit den Verantwortlichen für schwere Verbrechen der jüngeren Vergangenheit befasst als auch mit jenen Amtsträgern, die heute Menschenrechtsverletzungen begehen.

Was viele Diplomat*innen der betroffenen Staaten beunruhigt, ist die Erkenntnis, dass sie einerseits Rechenschaft für die Übergriffe der Taliban fordern, andererseits aber nicht ignorieren können, dass auch internationale Streitkräfte und Vertreter der ehemaligen afghanischen Regierung schwere Menschenrechtsverletzungen und in einigen Fällen Kriegsverbrechen begangen haben – und dass einige der mutmaßlich Verantwortlichen heute möglicherweise innerhalb ihrer eigenen Landesgrenzen leben. Ein selektiver Ansatz, der sich ausschließlich auf die Taliban konzentriert, würde voraussichtlich pragmatischere Amtsträger – jene also, die möglicherweise zu einer Mäßigung ihrer Politik bereit wären – in die Arme der Hardliner treiben.

Eine Strategie, die auf Rechenschaftspflicht für frühere Verbrechen setzt, wird die Unterdrückung durch die Taliban nicht über Nacht beenden. Doch in einem Land, in dem Mädchen der Zugang zu weiterführender Bildung verwehrt wird und Frauen ihrer Rechte weitgehend beraubt sind, können selbst kleine Fortschritte einen spürbaren Unterschied machen. Eine Klinik, die Frauen beschäftigen darf, kann weibliche Patientinnen versorgen. Ein Hilfsprogramm, das Frauen einstellen kann, erreicht auch Haushalte, die von Frauen geführt werden.

Die Taliban-Führung möchte der Welt ein Bild geschlossener Einheit vermitteln. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Die uneinheitliche Durchsetzung ihrer eigenen Verordnungen zeigt, dass internationaler Druck Wirkung entfalten kann. Nun gilt es, diesen Druck gezielt einzusetzen: die afghanische Zivilgesellschaft zu unterstützen, den neuen Untersuchungsmechanismus angemessen auszustatten, sicherzustellen, dass er Verstöße aller Akteure untersucht, Beweise zu sichern und jeder regionalen Behörde sowie ehemaligen Amtsperson deutlich zu machen, dass die Welt nicht nur beobachtet, welche Verordnungen die Taliban erlassen, sondern auch, wer sie umsetzt.

Regierungen sollten internationale Bemühungen zur Rechenschaftspflicht, wie etwa den Internationalen Strafgerichtshof, unterstützen und sich zudem im eigenen Land für Gerechtigkeit bei schweren Verbrechen in Afghanistan einsetzen, indem sie die mögliche Verantwortung ihrer eigenen Staatsangehörigen prüfen – wie es einige bereits tun – oder mittels dem Weltrechtsprinzip Anklage gegen diejenigen erheben, die in Menschenrechtsverletzungen verwickelt sind und sich in ihrem eigenen Land aufhalten.

Dies ist kein Aufruf zu blindem Optimismus. Der Weg vor uns ist lang und voller Hindernisse. Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, ist es jedoch ein Aufruf zum Handeln: jede Möglichkeit zu nutzen, das Leben der Menschen in Afghanistan zu verbessern.

Every piece on our website is resource intensive. If you donate whatever you can today, we will use it to continue investigating abuses and advocate for change in 100+ countries.

Region/Land