Polizeibeamte manipulierten Bodycams und waren für schwerwiegende Versäumnisse bei den Ermittlungen zu einer Operation verantwortlich, bei der angeblich Bandenmitglieder in einem einkommensschwachen Viertel von Rio de Janeiro festgenommen werden sollten. Die Operation fand am 28. Oktober 2025 statt.
- Eine einjährige Untersuchung von Human Rights Watch kam zu dem Schluss, dass die Polizei während der „Operation Containment“ Anordnungen des Obersten Gerichtshofs und ihre eigenen Einsatzprotokolle verletzte. Die Operation schien von vornherein auf tödliche Gewalt ausgelegt zu sein.
- Bundes- und Landesstaatsanwälte sollten straf- und zivilrechtliche Verfahren einleiten, um die Verantwortlichen für die Verstöße zu belangen, einschließlich ranghoher Beamte und Polizeikommandeure.
(Rio de Janeiro, 28. Oktober 2026) – Polizeibeamte haben bei einem Einsatz in einem einkommensschwachen Viertel in Rio de Janeiro, Brasilien, am 28. Oktober 2025 Bodycams manipuliert und es versäumt, wesentliche Ermittlungsmaßnahmen zu ergreifen, so Human Rights Watch in einer heute veröffentlichten Untersuchung. Beweise deuten darauf hin, dass die Polizei unverhältnismäßige Gewalt angewendet und möglicherweise vorsätzlich Dutzende Männer und Jungen getötet hat.
Die Recherche „Tod als Strategie: Die Recherche zum tödlichsten Polizeieinsatz in der Geschichte Brasiliens“ dokumentiert die Operation „Containment“ (Operação Contenção), bei der insgesamt 122 Menschen getötet wurden. Darunter waren zwei Kinder und vier Polizeibeamte, die an diesem Tag ums Leben kamen, sowie ein fünfter Polizeibeamter, der später seinen Verletzungen erlag. Zwei weitere Männer wurden am frühen Morgen vor dem offiziellen Beginn des Einsatzes getötet. 85 Prozent der Opfer der Razzia im Oktober 2025, die keine Polizisten waren, waren Schwarz.
Keine der Tötungen wurde in den mehreren tausend Stunden an Bodycam-Aufnahmen festgehalten, die die Militärpolizei von Rio de Janeiro an die Staatsanwaltschaft übermittelt hatte und die Human Rights Watch nach Zugangserteilung auswertete.
„Human Rights Watch hat tausende Stunden Bodycam-Aufnahmen ausgewertet und Videos, offizielle Ermittlungsakten sowie Obduktionsberichte aller Todesopfer analysiert. Und trotzdem bleiben entscheidende Fragen offen, weil die Polizei die Tötungen nicht ordnungsgemäß dokumentiert, Tatorte nicht gesichert und wichtige Beweise nicht erhoben hatte“, so Sophia Jones, Open-Source-Ermittlerin im Digital Investigations Lab von Human Rights Watch. „Die Angehörigen aller Getöteten, einschließlich der getöteten Polizisten, haben Anspruch auf Antworten und Rechenschaft. Dafür braucht es eine gründliche, unabhängige Untersuchung.“
Human Rights Watch befragte 41 Zeug*innen, Angehörige und Expert*innen und wertete 4.400 Stunden Bodycam-Aufnahmen, 9.000 Seiten offizieller Ermittlungsakten, 122 Obduktionsberichte, Gerichtsakten sowie Hunderte von Videos und Fotos aus. Human Rights Watch analysierte die Daten mithilfe mehrerer intern entwickelter maschineller Lernmodelle, gefolgt von einer manuellen Überprüfung und Bewertung durch das Forschungsteam.
Basierend auf einer Analyse von Human Rights Watch, die sich auf Daten des in Rio ansässigen Sicherheitsforschungslabors GENI (Grupo de Estudos dos Novos Ilegalismos) und des nichtstaatlichen Thinktanks Fórum Brasileiro de Segurança Pública (Brasilianisches Forum für öffentliche Sicherheit) sowie der unabhängigen Sicherheitsbeobachtungsorganisation Fogo Cruzado (Crossfire) und Medienberichten stützt, war die „Operation Containment“ der tödlichste bekannte eintägige Polizeieinsatz in einem Land, in dem die Polizei jährlich mehr als 6.000 Menschen tötet.
Human Rights Watch besuchte sechs Monate nach dem Einsatz den „Complexo da Penha“, den Ort der Razzia, und stellte fest, dass die kriminelle Vereinigung „Red Command“ (Comando Vermelho) – das eigentliche Ziel des Einsatzes – ihren Einfluss auf die dort lebenden Menschen weiterhin ausübte.
Trotz des erklärten Ziels, 100 Haftbefehle gegen mutmaßliche Mitglieder des Roten Kommandos zu vollstrecken, zeigen interne Polizeidokumente, dass die Polizei nur 17 der Personen festnahm, gegen die entsprechende Haftbefehle vorlagen. Unklar ist jedoch, ob es sich dabei um die Haftbefehle handelte, mit denen die Operation begründet wurde, oder um andere noch ausstehende Haftbefehle. Die Polizei betrat das Haus des örtlichen Anführers des Roten Kommandos, gegen den ein Haftbefehl vorlag, nicht, wie ein Kommandant der Zivilpolizei den Staatsanwälten mitteilte, obwohl Aufnahmen der Bodycams zeigen, dass sich die Polizei um das Haus herum bewegte.
Obwohl es gesetzliche Vorschriften auf Bundesstaatsebene und eine Anordnung des Obersten Gerichtshofs gibt, wonach Polizeibeamte Bodycams tragen müssen, taten dies laut Angaben der Regierung von Rio de Janeiro nur etwa 23 Prozent der 2.500 zivilen und militärischen Polizeibeamten, die an diesem Einsatz beteiligt waren.
Die Analyse von Human Rights Watch der Aufnahmen der 527 Militärpolizisten, die mit Bodycams ausgestattet waren, ergab, dass es in großem Umfang zu Manipulationen und Behinderungen bei deren Einsatz kam. Die Beamten ließen die Kameras vor Beginn des Einsatzes laufen, sodass die Akkus leer wurden; sie verdeckten die Objektive; sie platzierten die Kameras so, dass sie die Handlungen der Beamten nicht aufzeichnen konnten; und einige ließen die Kameras in den Einsatzfahrzeugen zurück.
Diese Manipulationen fanden laut den Forscher*innen zu entscheidenden Zeitpunkten statt – bei Festnahmen, Schusswechseln oder während Polizeibeamte Häuser stürmten. Die meisten Manipulationen betrafen Kameras, die von Beamten getragen wurden, deren Einheiten an Einsätzen an vorderster Front beteiligt waren, wie beispielsweise das Spezialeinsatzkommando der Militärpolizei – die Einheit, die in dem Waldgebiet im Einsatz war, in dem die meisten Tötungen stattfanden. Die Forscher*innen stellten fest, dass 36 Prozent der auf den Kameras hörbaren Schussserien zu einem Zeitpunkt auftraten, als die Kameras verdeckt waren.
Aufnahmen der Bodycams zeigen, wie Polizeibeamte Festgenommene, darunter auch ein Kind, tätlich angreifen und mit dem Tod bedrohen. Dabei zwingen sie das Kind, sich neben eine Leiche zu legen, während sie es fotografieren. In einer anderen Aufnahme weist ein Beamter seine Kollegen an, Festgenommene in die Beine zu schießen, falls diese fliehen sollten. In einem dritten Clip äußert ein Beamter seine Frustration darüber, dass die Bodycams sie daran hindern, Verdächtige zu töten.
Darüber hinaus analysierten oder überprüften das Forschungsteam Hunderte Videoaufnahmen und Fotos, die an jenem Tag von der örtlichen Bevölkerung aufgenommen worden waren. In einer Reihe von verifizierten Videos sieht man, wie Polizisten Leichen – von denen bei einigen die Genitalien entblößt sind – unter Scherzen in ein gepanzertes Polizeifahrzeug stapeln. „Schau mal, wie toll“, sagte ein Polizist. „Das gefällt uns.“
Auch wenn die Polizei behauptete, sie habe den Einsatz monatelang geplant, gab es keine Anhaltspunkte dafür, dass sie im Vorfeld Vorkehrungen zur Sicherung der Tatorte und zur Durchführung kriminaltechnischer Untersuchungen getroffen hatte. Zudem versäumte es die Zivilpolizei, für alle bis auf zwei der 117 Opfer, die keine Polizeibeamten waren, grundlegende Informationen zu erfassen, wie beispielsweise die Namen der Polizeibeamten und Anwohner*innen, welche einige der Opfer in ein Krankenhaus gebracht hatten.
Nur sieben Verdächtige wurden in ein Krankenhaus gebracht und anschließend festgenommen, während 117 Menschen von der Polizei getötet wurden. Dieses auffallend hohe Verhältnis von Getöteten zu Verletzten (17 zu 1) wirft ernsthafte Fragen darüber auf, ob die Polizei tödliche Gewalt der Festnahme von Verdächtigen vorgezogen hat.
Auch die Auswertung aller Obduktionsberichte der Opfer spricht dafür. Über 40 Prozent der nicht zur Polizei gehörenden Opfer in den analysierten Berichten wurden in den Kopf geschossen, über 60 Prozent wurden viermal oder öfter niedergeschossen und fast 75 Prozent wurden mindestens einmal in den Rücken geschossen. Ein Mann wurde erschossen und anschließend enthauptet.
Laut forensischen Expert*innen der Independent Forensic Expert Group des International Rehabilitation Council for Torture Victims, die von Human Rights Watch konsultiert wurden, sprechen die Beweise dafür, dass zahlreiche Menschen gezielt und vorsätzlich getötet wurden. In vielen Fällen verliefen die Schusswunden von unten nach oben, was auf eine Hinrichtung hindeuten kann, beispielsweise wenn eine Person im Liegen oder in einer anderen hilflosen Lage erschossen wird.
Die brasilianischen Behörden sollten eine gründliche und unabhängige Untersuchung der Planung und der Entscheidungen hochrangiger Beamter und Polizeikommandanten gewährleisten, die zu diesem tödlichen Einsatz geführt haben. Der neue Gouverneur von Rio de Janeiro, der am 6. Januar 2027 sein Amt antreten wird, sollte einen Gesetzentwurf einbringen, um die kriminaltechnischen Dienste von der Zivilpolizei zu trennen.