(New York, 2. August 2007) – Die Taliban sollen sofort alle Geiseln freilassen, forderte Human Rights Watch. Die jüngsten Entführungen und Geiselnahmen von mindestens fünf Afghanen, zwei Deutschen und 23 Südkoreanern und die damit verbundenen Morde sind Kriegsverbrechen.

Entführungen von Zivilisten durch die Taliban sind keine Einzelfälle. Vor einigen Monaten wurden der afghanische Journalist Ajmal Naqshbandi und sein Fahrer Sayed Agha brutal getötet, nachdem sie in der Provinz Helmand entführt worden waren. Seit Anfang diesen Jahres haben die Taliban 41 afghanische Zivilisten entführt und davon 23 getötet. Der Verleib von 18 Personen ist noch immer unklar.

„Die Entführungen und Morde der Taliban zeigen deren Geringschätzung für Menschenleben und deren Missachtung des Kriegsrechts“, sagt Joanne Mariner, Leiterin der Abteilung Terrorismus und Anti-Terrorismus von Human Rights Watch. „Geiselnahmen sind Kriegsverbrechen.”

Am 19 Juli wurden in der Provinz Ghazni 23 südkoreanische Mitarbeiter einer Hilfsorganisation entführt. Einen Tag zuvor wurde eine Gruppe von fünf Afghanen und zwei Deutschen in der Provinz Wardak verschleppt. Ein Afghane wurde später freigelassen. Es wird vermutet, dass beide Gruppen Gefangene der Taliban sind.
Am Montag wurden außerdem vier Mitglieder einer afghanischen Hilfsorganisation im Süden Afghanistans für vermisst erklärt; es besteht die Gefahr, dass auch sie entführt wurden.

Der mutmaßliche Taliban-Sprecher, Qari Yousuf Ahmadi, hat mehrfach gedroht, dass die Geiseln umgebracht würden, wenn die afghanische Regierung nicht Taliban-Gefangene freiließe. In den letzten zehn Tagen wurden drei Geiseln getötet. Die südkoreanische Geisel, Bae Hyung-kyu, war letzte Woche ermordet worden. Seine Leiche wurde am 25. Juli mit mehreren Schusswunden aufgefunden. Der von Schüssen durchlöcherte Körper eines zweiten getöteten Koreaners, Shim Sung-min, wurde am Morgen des 31. Juli gefunden.

Letzte Woche wurde auch die Leiche der deutschen Geisel, Rüdiger Diedrich, in der Provinz Wardak gefunden. Die Autopsie in Deutschland hat ergeben, dass Diedrich an Schussverletzungen gestorben ist.

Die Taliban haben wiederholt gedroht, weitere Geiseln umzubringen. Der angebliche Taliban-Sprecher, Qari Yousuf Ahmadi, bestätigte am Dienstag: „Wenn die Regierung in Kabul die Taliban-Gefangenen nicht freilässt, werden wir ab 12 Uhr töten; wir werden koreanische Geiseln umbringen” .Weiter sagte er: „Es kann ein Mann oder eine Frau sein…Es kann nur eine Person sein. Es können zwei Geiseln sein oder vier, es können aber auch alle sein.”
Das Kriegsrecht verbietet Geiselnahmen. Darunter versteht man die Drohung, eine Person zu verletzten oder festzuhalten, um einen Dritten als Bedingung für die Freilassung zu zwingen, etwas zu tun oder etwas zu unterlassen.

Geiselnahmen und Exekutionen von Personen in Gefangenschaft sind laut
Artikel 3 der Genfer Konventionen von 1949 verboten. Die Genfer Konventionen sind ebenso wie das Völkergewohnheitsrecht für nicht-internationale bewaffnete Konflikte in Afghanistan gültig.

Die Taliban bedienen sich offensichtlich in immer stärkerem Maße der Methode, Zivilisten zu entführen. Die Entführung von 23 Koreanern ist eine der schwerwiegendsten Fälle seit der Entmachtung der Taliban im Jahre 2001. In einem Video, das letzte Woche veröffentlicht wurde, sagt ein Taliban-Führer, dass die Entführung von Ausländern eine „sehr erfolgreiche Strategie“ sei.

„Die Taliban denken, dass das Kriegsrecht für sie nicht gilt“, sagt Mariner. „Aber die Welt beobachtet deren Verbrechen.“

Gemäß der „Afghanistan Casualty Database“ von Human Rights Watch wurden im Jahr 2007 mindestens 374 afghanische Zivilisten bei Angriffen durch Taliban-Kämpfer getötet und mindestens 631 Zivilisten verletzt. Das sind mehr als 1000 zivile Opfer innerhalb von sechs Monaten. Seit Anfang diesen Jahres haben die Taliban mehr als 100 Angriffe gegen Zivilisten durchgeführt oder Geiseln exekutiert, darunter waren mindestens 28 Enthauptungen. Diese Angriffe haben mindestens 221 Tote und bis zu 173 Verletzte gefordert.

Human Rights Watch hat in zahlreichen Berichten dokumentiert, dass die Taliban zunehmend Menschenrechtsverletzungen begehen. In dem im April veröffentlichten Bericht „The Human Cost: The Consequences of Insurgent Attacks in Afghanistan“ hat Human Rights Watch geschildert, wie die Taliban und verbündete Gruppen Selbstmordattentate und andere Angriffe 2006 und Anfang 2007 ausgeweitet haben. Dabei haben sie hunderte von Zivilisten getötet. Der im Juli 2006 veröffentlichte Bericht „Lessons in Terror“ dokumentiert die zunehmenden Angriffe der Taliban auf Schulen und Lehrer.