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Ein Teppich aus Körpern: Leidensbericht einer Frau im belarussischen Gewahrsam

Veröffentlicht in: openDemocracy
Katya (Ekaterina) Novikova mehrere Stunden nach ihrer Entlassung aus dem Gewahrsam. Minsk, 12. August 2020. © Human Rights Watch

„Ihr wolltet Veränderung? Hier habt ihr Veränderung! Braucht ihr noch mehr? Nächstes Mal wisst ihr, wann es besser ist, zu Hause zu bleiben!“ Das riefen Polizisten den Männern in einem der zentralen Haftzentren in Minsk zu, während sie erbarmungslos auf sie einschlugen. Diese Szenen zu beobachten, war nur ein kleiner Teil der Tortur, die die 34-jährige Katya Novikova letzte Woche zu durchleben hatte. Sie war eine von beinahe 7.000 Personen, die in Belarus in gerade mal vier Tagen verhaftet worden waren. Ich sprach mit ihr kurz nach ihrer Entlassung.

In ganz Belarus sind Proteste aufgeflammt, nachdem die Behörden den Versuch unternommen hatten, Alexander Lukaschenko, der bereits seit 26 Jahren an der Macht ist, nach einem angeblichen Erdrutschsieg bei den manipulierten Wahlen vom 9. August zum Präsidenten zu erklären. Bei zahlreichen Protesten kam es zu Auseinandersetzungen mit der

Polizei, doch der allergrößte Teil verlief friedlich. Bei den Verhaftungen wandte die Polizei jedoch systematisch äußerste Brutalität an. Polizeibeamte misshandelten und erniedrigten Frauen im Gewahrsam und schlugen die Männer gnadenlos zusammen. Die Gefangenen wurden in kleine Zellen gesperrt, wo sie sich oft nicht einmal hinsetzen konnten, geschweige denn hinlegen, und ihnen wurden Nahrung, Trinkwasser und medizinische Versorgung verweigert.

Als die ersten Verhafteten wieder freigelassen wurden und ihre Erlebnisse publik machten, war die Empörung der Öffentlichkeit derart groß, dass Menschen aus allen Schichten der belarussischen Gesellschaft auf die Straßen strömten. In einigen der großen staatseigenen Betriebe kam es zu Streiks, bei denen gefordert wurde, dass die Polizei zur Rechenschaft gezogen und freie und faire Wiederholungswahlen angesetzt werden.

Novikova blieb zwei Nächte und einen Tag in Gewahrsam. Die Polizei hatte sie am 10. August gegen 19 Uhr im Stadtzentrum von Minsk angehalten, als sie eine Straße überqueren wollte.

In Schwarz gekleidete Beamte hatten die Straße gesperrt und wollten sie nicht durchlassen. Verärgert machte sie den verhängnisvollen Fehler, nach dem Vorgesetzten zu fragen.

„Und dann kam er, dieser ‚Rambo‘-Typ – so nannten sie ihn, Rambo –, er packte mich am Nacken und zog mich in einen normal aussehenden gelben Bus, der in der Nähe parkte.“ Im Bus angekommen, schlug ‚Rambo‘ Katya auf den Kopf und zog sie so an den Haaren, dass es sehr schmerzte, während er sie beleidigte. Dann warf er sie auf den Boden.

Bald bugsierten Polizisten drei weitere Frauen in das Fahrzeug. „Was macht ihr alle auf der Straße?“, schrie Rambo. „Gehört ihr zur Opposition? Falls ja, kommt ihr allesamt ins Gefängnis!“ Als eine der Frauen, nennen wir sie Maria, ca. 20, unkontrolliert schluchzte, schüttete er ihr Wasser über den Kopf. Später warfen Polizeibeamte einen Mann in das Fahrzeug, zwangen ihn zu Boden und legten ihm Handschellen an. Rambo verlangte von ihm das Passwort zu seinem Handy, und als er sich weigerte, trat Rambo ihm in den Rücken und drohte damit, „auf [seine] Nieren zu schlagen“.

Gegen Mitternacht wurden Katya und Maria in einem Polizeibus zum Haftzentrum an der Okrestina-Straße im Zentrum von Minsk gebracht. „Sie schoben uns in den Innenhof“, sagte Katya, „und dort sah ich all diese Männer, die mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lagen, während Spezialeinheiten mit Schlagstöcken auf sie einschlugen und wahllos auf sie eintraten. Sie schrien vor Schmerz. Es waren so viele, dass der Boden aussah, als wäre er mit einem Teppich ausgelegt. Am Tor standen weitere Männer in einer Reihe, manche von ihnen hatten bereits Wunden und waren blutüberströmt. Schwarz gekleidete Beamte der Spezialeinheiten zwangen sie, Kniebeugen zu machen. Sie verhöhnten sie, und wer nicht mithalten konnte, wurde geschlagen. Dann stieß mich [eine Wache] ins Gebäude und in die Halle, wo noch mehr Männer waren, nackt auf Knien und Ellenbogen kauernd, während die Spezialeinheiten sie zusammenschlugen.“

Der Boden in der Halle war rutschig vor lauter Blut. Die Wachen stießen Katya und Maria in einen Raum, der an die Halle angrenzte, wo ein Beamter sie mit einem Schlagstock auf den Rücken schlug und sie zwang, lange Zeit in kniender Haltung zuzuhören, wie die Männer vor Schmerz aufschrien und stöhnten.

Schließlich führten die Wachen Katya und Maria in eine Zelle, die bereits mit 19 anderen Frauen belegt war, die meisten von ihnen waren jung. Manche hatten an den Protesten teilgenommen, andere waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen – eine hatte kurz etwas einkaufen wollen, eine andere wollte die Straßenkatzen füttern.

Die Zelle, die offenbar für vier Insassen ausgelegt war, hatte vier Betten, einen Tisch, eine verstopfte Toilette und einen Wasserhahn. „Das war kein Trinkwasser – es hatte diesen unangenehmen Geruch. Manche der Frauen tranken dennoch daraus, weil es sonst nichts zu trinken gab. Ich hatte Sorge vor einer Vergiftung, weshalb ich die Finger davon ließ und praktisch zwei Nächte und einen Tag nichts trank. Obgleich wir 21 Frauen waren, war es dennoch möglich, auf einem der Betten oder auf dem Tisch zu sitzen oder sich sogar für eine Weile auf dem Boden auszustrecken. Am nächsten Tag quetschten sie jedoch 30 weitere Frauen in unsere Zelle. Diese waren in einer Nachbarzelle gewesen, aber scheinbar benötigten sie [die Polizei] die Zelle, weil mehr Verhaftete gebracht wurden. Von da an konnten wir nur noch kerzengerade stehen, eine neben der anderen. Es gab kein Belüftungssystem, und obgleich eins der Fenster einen Spalt offenstand, konnten wir kaum atmen.“

Katya bekam Kopfschmerzen und nach mehreren Stunden in der überfüllten, stickigen Zelle fühlte sie sich schwindelig und nicht mehr in der Lage, geradeaus zu denken. Sie fürchtete, eine Gehirnerschütterung erlitten zu haben, und rief nach einem Arzt. Die Wachen ignorierten sie, aber sie wiederholte die Bitte beharrlich, bis eine Wache schließlich das Guckloch öffnete und sie anwies, nach draußen zu schauen. Dort sah sie einen schwarzen Gummiknüppel. „Wenn du weiter so rumschreist, bekommst du das in deinen Arsch geschoben“, drohte ihr die Wache.

Eine der vielen Frauen in der Zelle war Diabetikerin. Sie benötigte mit Unterstützung der anderen Insassinnen der Zelle eine Stunde, um die Wachen davon zu überzeugen, dass sie ihr das Insulin aus der zuvor konfiszierten Tasche bringen. Katya berichtete, die Frau sei zu dem Zeitpunkt, als die Wachen das Insulin schließlich brachten, kaum noch bei Bewusstsein gewesen.

Am 11. August um circa 18 Uhr riefen die Wachen die Frauen einzeln auf, um die Anschuldigungen zu unterschreiben. „Zuerst sagten sie, wir würden einem Richter vorgeführt, doch es war kein Richter da – nur ein Polizeibeamter mit einem Stapel Papiere, die gleichlautende Zitate enthielten, wie etwa ‚Ich nahm an einer nicht genehmigten Demonstration teil und rief Parolen gegen die Regierung …‘. [Unten auf meinem Papier] schrieb ich, dass ich nicht einverstanden bin, dass ich verletzt wurde und keine medizinische Behandlung erhalten habe – woraufhin der Polizeibeamte erwiderte, dass mir das keinesfalls helfen würde und ich freigelassen worden wäre, wenn ich kooperiert hätte, aber so würden sie mich noch länger behalten“, so Katya.

Etwa um 4 Uhr morgens holten die Wachen Katya und eine weitere Frau aus ihrer Zellen und führten sie zum Hof, um „ihnen eine weitere Lehre zu erteilen“, die darin bestand, noch mehr Männern dabei zuzuschauen, wie sie geschlagen, getreten und mit Knüppeln traktiert wurden. „Was an eurem Leben gefällt euch nicht? Was wollt ihr? Wollt ihr wie sie werden? Wollt ihr einfach mal durchgeprügelt werden?“, fragte ein Polizeibeamter kategorisch.

Es war kurz nach 5 Uhr morgens, als Polizisten die Frauen zum Ausgangstor führten und sie sprichwörtlich hinauswarfen. Katya versuchte noch, sie dazu zu bringen, ihr ihren Geldbeutel auszuhändigen, da sie unmöglich ohne Schlüssel, Geld oder Handy würde nach Hause kommen können. Sie sagte auch, dass sie Angst hätte, ohne Pass durch die Straßen zu laufen, vor allem angesichts der großen Polizeipräsenz in der Stadt. Aber die Beamten meinten nur, dass sie ihre Sachen in fünf Tagen würde abholen können und sie sich glücklich schätzen solle, überhaupt laufen gelassen zu werden. „Wir kennen deine Adresse und alles andere, benimm dich also, denn sonst…“, rief ihr noch einer drohend hinterher.

Katya ging schnurstracks zu einem Krankenhaus, wo sie ihren Kopf untersuchen und ein ärztliches Attest ausstellen ließ, das ich lesen konnte und auf dem eine Verletzung der Weichteile attestiert wurde. Mit dem Attest in der Hand versuchte sie, bei der nächsten Polizeiwache Beschwerde einzulegen, doch deren Türen waren verschlossen. Sie klopfte weiter. Schließlich öffnete ein Beamter, aber nur um ihr zu sagen, dass niemand ansprechbar sei, weil „unsere Leute bis 3 Uhr morgens arbeiten mussten, weshalb jetzt alle schlafen“. Katya beharrte darauf, dass sie dringend Unterstützung bräuchte, um ihre Dokumente, Schlüssel und weitere Habseligkeiten aus dem Haftzentrum zu holen, aber der Beamte weigerte sich der Aufforderung Folge zu leisten.

„Hier bin ich also, ohne Schlüssel, ohne Telefon, ohne Pass und ohne Geld“, sagte Katya mit einem kläglichen Lächeln im Gesicht. „Zu Hause warten zwei Katzen auf mich, die mittlerweile bestimmt rasend vor Hunger sind. Ich mache mich lieber auf den Weg ins Büro, das bereits offen hat und wo ich in der Schublade Ersatzschlüssel haben müsste.“ Sie trank ihren Kaffee aus und machte sich auf den Weg.

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