Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton bei einer Pressekonferenz in Brüssel am 3. März 2014.

© 2014 Reuters

Ein Bericht des russischen Fernsehsenders RT (ehemals „Russia Today“) über ein abgehörtes Telefonat zwischen der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton und Estlands Außenminister Urmas Paet erregt momentan Aufsehen. Doch der Beitrag leistet kaum mehr, als zu unterstreichen, wie wenig wir über den tatsächlichen Verlauf der gewaltsamen Zusammenstöße in Kiew am 19. und 20. Februar wissen.

Das Telefonat ist offenbar durch eine Sicherheitslücke bei der EU an die Öffentlichkeit gelangt und wurde mittlerweile als echt bestätigt. Darin sagt Paet, eine leitende Ärztin der Maidan-Bewegung habe festgestellt, dass die Scharfschützen, die während der blutigen Unruhen in Kiew am 19. und 20. Februar angeblich „Leute auf der Straße“ erschossen hatten, auch Polizisten ins Visier nahmen. Während der rund einminütigen Unterhaltung zu dieser Frage erklärt Paet, die Ärztin stütze ihre Schlussfolgerung auf die Art der Schussverletzungen bei den Getöteten und auf die allgemeine „Handschrift“ der Taten.

Paet fährt fort, es gebe ein wachsendes „Verständnis“ dafür, dass „hinter den Scharfschützen nicht [der gestürzte Ex-Präsident Viktor] Janukowitsch steht, sondern jemand aus der neuen Koalition“ und dass die Koalition nicht ermitteln wolle. Dies ist jedoch keine Schlussfolgerung der Ärztin, sondern Paets Mutmaßung. Paet stritt später ab, der neuen Koalition die Schuld für den Scharfschützeneinsatz zugewiesen zu haben. Er warnte Journalisten, seine Worte nicht aus dem Zusammenhang zu reißen.

Die Ärztin dementierte später gegenüber Paet gesagt zu haben, Polizisten und Demonstranten hätten die gleichen Wunden davongetragen. Sie habe nur verletzte oder getötete Demonstranten untersucht und keinen Zugang zu verletzten oder getöteten Polizisten gehabt.

Während das abgehörte Telefonat für medialen Wirbel sorgt, bleibt eines unverändert: Die Morde vom 19. und 20. Februar müssen gründlich und von unabhängigen Experten untersucht werden. Die OSZE ist gut geeignet dafür, um ein Team von Menschenrechtsbeobachtern zu entsenden, um die Gewaltakte während der Unruhen zu untersuchen. Dies sollte so bald wie möglich geschehen.