Edward Snowden bei seinem Treffen mit Menschenrechtlern und russischen Funktionären auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo am 12. Juli 2013.

© 2013 Tanja Lokschina/Human Rights Watch

Als ich am Donnerstagnachmittag eine Email von einem gewissen „Edward Snowden“ bekam, war ich natürlich skeptisch. Die Einladung – angeblich von einer der meistgesuchten Personen der Welt – hatte etwas von einem Spionagethriller aus der Zeit des Kalten Kriegs. Die Email wies mich an, in die Ankunftshalle des Flughafens Scheremetjewo zu gehen, wo „jemand vom Flughafenpersonal auf Sie warten wird, um Sie mit einem Schild, auf dem ‚G9‘ steht, zu empfangen“. Was hätten Sie an meiner Stelle gedacht?

Selbst als ich schon mit Presseanfragen überflutet wurde, glaubte ich noch, dass das ganze wohl ein Scherz sei. Ich fütterte im Wechsel meine Tochter mit Karottenpüree und den BBC-Mitarbeiter am Telefon mit Informationen – Journalisten und Babies sind ähnlich anspruchsvoll. Dass es wirklich zu einem Treffen kommen würde, wollte ich immer noch nicht so recht glauben.

Und dann klingelte mein Telefon.

Es war die Flughafensicherheit, die mir weitere Details mitteilte und sich nach meiner Ausweisnummer erkundigte. Erst in diesem Moment wurde es mir klar: Der meistgesuchte Mann der Welt wollte sich tatsächlich mit mir treffen.

Mein Telefon klingelte pausenlos, bis ich Angst hatte, das Treffen zu verpassen. Die Anrufe prassekten so heftig auf mich ein, dass ich kaum die Zeit fand, mich anzuziehen und loszugehen. Schließlich nahm ich mich zusammen, ging los und schaffte es gerade noch pünktlich zum Flughafenexpress.

Im Zug erreichte mich ein weiterer Anruf, diesmal von ganz anderer Stelle: Am Apparat war die die US-Botschaft. Ob ich die Position der USA verstehe? Dass Snowden kein Menschenrechtsverteidiger sei, sondern ein Gesetzesbrecher, der zur Rechenschaft gezogen werden müsse? Ich antwortete, dass Human Rights Watch schon vor Wochen eine offizielle Erklärung zu dem Fall abgegeben habe. Der Botschaftsmitarbeiter sagte, die Stellungnahme sei der Botschaft bekannt, man bitte mich jedoch, Snowden auch die offizielle US-Position persönlich mitzuteilen. Obwohl die Bitte mich verwunderte, beschloss ich Snowden davon zu erzählen, denn ich hielt es für richtig, dass er von dem Anruf erfährt.

Meine Ankunft am Flughafen stellte alles, was ich bisher erlebt hatte in den Schatten. Ich bin Menschenmengen gewohnt und ich kenne mich mit Journalisten aus, doch was ich hier sah, war aberwitzig. Ein Gewirr aus schreienden Menschen, Mikrofonen, unzähligen Kameras, russischen und internationalen Journalisten. Ich hatte Angst, in dem Wirrwarr unterzugehen.

Ich schlug mich zum Mitarbeitereingang des Terminals F durch und stieß dort tatsächlich auf einen Mann mit einem Schlid, auf dem „G9“ stand, genau wie die Email es angekündigt hatte. Gemeinsam mit acht anderen Personen – unter ihnen der russische Ombudsmann, ein Parlamentsabgeordenter und Vertreter anderer Menschenrechtsorganisationen – wurde ich in einem Bus gesetzt und zu einem anderen Eingang gebracht. Wir gingen hinein und da war er: Herr Snowden, flankiert von einem Übersetzer und jemandem von Wikileaks.

Das erste, was mir auffiel, war sein jugendliches Aussehen – er sah fast wie ein Schuljunge aus.

Es gelang mir zwei Fotos zu schießen und sie an Kollegen in der Twitter-Redaktion von Human Rights Watch zu schicken, noch bevor erklärt wurde, wir sollten keine Fotos machen.

Das Treffen dauerte eine Stunde. Snowden las seine Erklärung vor und stellte sich dann unseren Fragen. Er bat uns, die USA und europäische Staaten aufzufordern, seine Freizügigkeit nicht zu stören. Unter den gegebenen Umständen, so Snowden weiter, bleibe ihm nichts anderes übrig, als in Russland Asyl zu beantragen. Er sagte, seine Lebensbedingungen gäben keinen Anlass zur Klage, er fühle sich gesund, doch er könne nicht unbegrenzt auf dem Moskauer Flughafen bleiben. Die einzige Möglichkeit, seine Sicherheit in Russland zu garantieren, sei es, Asyl zu beantragen. Deshalb die zweite Bitte: Wir sollten uns beim Kreml für eine Anerkennung seines Asylantrags einsetzen. Er betonte immer wieder, er wolle nach Südamerika weiter reisen und bezeichnete Russland nur als Zwischenstation.

Dann gingen wir auf dem gleichen Weg, auf dem wir gekommen waren, durch Korridore und noch einmal durch den unfassbaren Medienzirkus. Jetzt ist es Mitternacht in Moskau und ich habe immer noch nicht gefrühstückt.

Tanja Lokschina ist Leiterin des Russlandprogramms von Human Rights Watch. Sie twittert als @TanyaLokshina.