Vlad Zhukovsky, Schmerzpatient, in seinem Bett.

© 2010 Scott Anger & Bob Sacha für die Open Society Foundation

(Kiew, 12. Mai 2011) – In der Ukraine leiden jährlich Zehntausende Patienten mit Krebs im fortgeschrittenen Stadium unter starken Schmerzen, weil sie keine wirksamen, sicheren und kostengünstigen Schmerzmittel bekommen können, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht.

Der 93-seitige Bericht „Uncontrolled Pain: Ukraine’s Obligation to Ensure Evidence-Based Palliative Care“ beschreibt, wie die Politik der ukrainischen Regierung dazu führt, dass in ländlichen Regionen lebende Krebspatienten nicht die erforderlichen Schmerzmittel erhalten. In den Städten haben die meisten Krebspatienten zwar eingeschränkten Zugang zu Medikamenten, sie werden aber unzureichend versorgt, und ihre Schmerzen können nur vorübergehend gelindert werden.

„Es ist nicht einzusehen, dass ein Mensch am Ende seines Lebens unter unerträglichen Schmerzen leiden muss“, so Diederik Lohman, Gesundheitsexperte bei Human Rights Watch. „Starke Schmerzen sind nicht unabwendbar. Die Ukraine muss ihre Gesundheitspolitik und ihre Arzneimittel-Richtlinien neu regeln, damit Menschen, die sichere und wirksame Schmerzmedikamente benötigen, auch Zugang dazu haben.“

Der Bericht stützt sich auf ausführliche Interviews mit 20 Patienten, 35 medizinischen Fachkräften und einem Dutzend für die Arzneimittelüberwachung zuständigen Beamten des Gesundheitswesens. Die relevanten Vorschriften und Richtlinien wurden ebenfalls überprüft.

Die Zahl der Krebssterbefälle in der Ukraine deutet darauf hin, dass jedes Jahr mindestens 80.000 Krebspatienten unter starken Schmerzen leiden. Auch viele andere Patienten leiden unter starken akuten oder chronischen Schmerzen, darunter Menschen mit HIV, Tuberkulose und anderen Infektionen oder Krankheiten.

Der Weltgesundheitsorganisation zufolge „könnten die meisten, wenn nicht sogar alle krebsbedingten Schmerzen gelindert werden, wenn das vorhandene medizinische Wissen und die entsprechenden Therapien umgesetzt würden.“ Orale Morphinpräparate sind günstig und können von den Patienten oder Familienangehörigen wie jedes andere oral verabreichte Medikament gehandhabt werden.

In dem Bericht werden drei Faktoren genannt, die einer angemessenen Schmerztherapie in der Ukraine im Weg stehen:

Fehlende orale Morphinpräparate. Orale Morphinpräparate sind seit Jahrzehnten eine tragende Säule in der Krebsschmerztherapie. Die Weltgesundheitsorganisation hält sie für unverzichtbar. Doch die ukrainische Regierung stellt die Medikamente bisher nicht über das öffentliche Gesundheitssystem zur Verfügung. Auch in privaten Kliniken sind sie nicht verfügbar. Nur in zwei weiteren europäischen Ländern, Armenien und Aserbaidschan, sind orale Morphinpräparate ebenfalls nicht erhältlich.

Arzneimittel-Richtlinien. In ihren Bemühungen gegen Drogenmissbrauch vorzugehen, hat die Ukraine eine der weltweit restriktivsten Arzneimittel-Richtlinien verabschiedet, ohne dabei den medizinisch notwendigen Bedarf angemessen zu berücksichtigen. Diese Richtlinien haben massive Auswirkungen auf die medizinische Verfügbarkeit von Medikamenten wie Morphin.

Ausbildung von medizinischen Fachkräften. Medizinstudenten und junge Ärzte erhalten keine adäquate Ausbildung in modernen Methoden der Schmerztherapie.

Diese drei Faktoren tragen dazu bei, dass Patienten keine adäquate medizinische Behandlung erhalten. So schreiben die Arzneimittel-Richtlinien in der Ukraine vor, dass Morphininjektionen – die einzige im Land verfügbare Darreichungsform – dem Patienten von einer medizinischen Fachkraft verabreicht werden müssen. Da die meisten Krebspatienten in der Ukraine zuhause im Sterben liegen, die Wirkung von Morphin aber nur vier bis sechs Stunden anhält, müsste eine medizinische Fachkraft den Patienten sechsmal täglich aufsuchen. Die Untersuchungen von Human Rights Watch haben ergeben, dass die meisten Patienten täglich nur ein bis zwei oder überhaupt keine Morphininjektionen verabreicht bekommen. Wären orale Morphinpräparate verfügbar, könnten die Patienten die verordnete Dosis selbst zuhause einnehmen.

Human Rights Watch hat mit Beamten der für die Arzneimittelüberwachung zuständigen Behörden über die Ergebnisse dieser Untersuchung gesprochen. Sie sind der Meinung, dass die aktuellen Richtlinien unnötig restriktiv sind und eine Reform notwendig ist.

Außerdem empfiehlt der Bericht, dass medizinische Fachkräfte auch in Schmerztherapie ausgebildet werden.

„Die Patienten erzählten uns, ihre Schmerzen seien so stark, dass sie lieber sterben würden, als weiter zu leiden“, so Lohman. „Die ukrainische Regierung muss dringend orale Morphinpräparate zulassen und ihre unausgewogenen Arzneimittel-Richtlinien reformieren.“

Ausgewählte Aussagen von Patienten

„Ich wollte einfach nur mit dem Kopf voran hinunterstürzen und sofort tot sein, damit die Schmerzen endlich ein Ende haben.“
- Vlad Zhukovsky über einen missglückten Selbstmordversuch

„Es war, als würde mein Körper zerbersten, so schlimm waren die Schmerzen. Wir haben alle zwei bis drei Stunden einen Krankenwagen gerufen, weil ich es nicht aushalten konnte.“
- Konstantin Zvarich über seine Schmerzen in einem Dorf in der Umgebung von Poltawa

„Bei jeder Bewegung hatte er unerträgliche Schmerzen, die wegen des pathologischen Prozesses im Hüftgelenk mit jedem Tag heftiger wurden. Die Schmerzen wirkten sich auf seinen Schlaf, seinen Appetit und seine psychische Verfassung aus. Er wurde sehr empfindlich, nichts konnte ihm mehr Freude bereiten. Schon Husten oder Niesen verursachten schreckliche Schmerzen... Wenn man an die Wand klopfte, und er lag auf der anderen Seite, konnte man ihn [vor Schmerzen] schreien hören…“
- Natasha Malinovska über die Schmerzen ihres Ehemanns, eines Nicht-Krebspatienten