Human Rights Watch konnte im Rahmen der Untersuchungen feststellen, dass die israelischen Streitkräfte weißen Phosphor auf mindestens drei Arten eingesetzt haben. Erstens haben die israelischen Streitkräfte weißen Phosphor mindestens drei Mal über dicht besiedelten Gebieten abgefeuert. Am 15. Januar wurde weißer Phosphor beispielsweise über Wohngegenden des dicht besiedelten Stadtteils Tel al-Hawa in Gaza-Stadt abgefeuert, dabei wurden mindestens vier Menschen getötet. Am gleichen Tag wurde ein Krankenhaus von Phosphorgranaten getroffen.

Ebenfalls am 15. Januar schlugen mindestens drei Phosphorgranaten im Hauptquartier des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) im Zentrum von Gaza-Stadt ein, drei Menschen wurden verletzt. Die Granaten verursachten einen Brand, bei dem vier Gebäude und medizinische Hilfsgüter im Wert von mehr als 3,7 Millionen US-Dollar zerstört wurden. Vertreter des UN-Hilfswerks berichteten Human Rights Watch, sie hätten mit Offizieren der israelischen Armee gesprochen und darum gebeten, die Angriffe einzustellen. UN-Angaben zufolge hatten zum Zeitpunkt der Angriffe rund 700 Zivilisten auf dem UNRWA-Gelände Schutz gesucht.

Bei den Angriffen auf das UNRWA-Gelände sowie auf die UN-Schule in Beit Lahiya, in der 1.600 Zivilisten Zuflucht gesucht hatten, gab es den Ermittlungen von Human Rights Watch zufolge keinen ersichtlichen Grund für den Einsatz von weißem Phosphor, da sich zu jenem Zeitpunkt keine israelischen Truppen in der Gegend befanden.

Zweitens setzten die israelischen Streitkräfte weißen Phosphor in der Nähe besiedelter Gebiete ein, wahrscheinlich um das Vordringen ihrer Truppen zu verschleiern. Bei einigen dieser Einsätze – beispielsweise am 4. Januar in Siyafa, einem Dorf im Norden des Gazastreifens, und am 10. und 13. Januar in Khuza’a im Süden – gingen beträchtliche Mengen von weißem Phosphor innerhalb von Wohngegenden nieder. Mindestens sechs Zivilisten wurden getötet, Dutzende wurden verletzt. Der Einsatz von weißem Phosphor in der Nähe von Wohngebieten stellt einen Verstoß gegen die Verpflichtungen des Kriegsrechts dar, wonach bei militärischen Operationen sämtliche Vorkehrungen zur Minimierung ziviler Schäden ergriffen werden müssen.

Drittens setzten die israelischen Streitkräfte weißen Phosphor im offenen Gelände entlang der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen ein. Human Rights Watch konnte nicht nachprüfen, inwieweit die Zerstörung ziviler Objekte im Verhältnis zu dem erhofften militärischen Vorteil stand, da der Zugang zu diesem Gebiet aus Sicherheitsgründen verboten war.

Zeugenaussagen aus dem Bericht „Rain of Fire“

Ahmad Abu Halima, 22, aus Siyafa im Norden des Gazastreifens verlor seinen Vater, drei Brüder und eine Schwester, als eine Artillerie-Granate mit weißem Phosphor am 4. Januar direkt in seinem Haus explodierte:

„Ich unterhielt mich gerade mit meinem Vater, als die Granate einschlug. Sie traf meinen Vater und trennte ihm den Kopf ab. Es war eine gewaltige Explosion, der Geruch war unerträglich. Die Detonation verursachte ein großes Feuer. Die einzelnen Teile [der Granate] brannten und wir konnten sie nicht löschen.“

Majidal-Najjar aus Khuza’a im Süden des Gazastreifens verlor seine Frau Hanan und seine Kinder erlitten Verletzungen, als eine Granate mit weißem Phosphor am 10. Januar in seinem Haus einschlug:

„Zuerst gingen Stücke mit weißem Phosphor nieder. Wir haben die Alten evakuiert und dann schlug die Granate im Haus ein... Ich habe die Granate gesehen und gehört, also lief ich zurück. Ich sah, wie die Kinder und einige Männer aus dem Haus kamen, einige waren verletzt. Meine kleine Tochter Aya hatte Brandverletzungen und ihr rechter Arm war gebrochen. Mein Sohn Ahmad hatte Verbrennungen am rechten Fuß und mein Sohn Moaz kratzte sich am Handgelenk und am Kopf – er ist 12 Jahre alt.“

Ismail Khadr, ein 50-jähriger Landwirt, beschrieb, was am 13. Januar während eines Angriffs der Israelis auf Khuza’a passiert ist:

„Als der Phosphor niederging, befanden wir uns auf einer Insel aus Rauch. Überall war Feuer, es erreichte Hüfthöhe. Die Teile waren wie Schaum. Mein Hof ist zum Teil niedergebrannt.“

Scott Anderson, leitender Angestellter beim UN-Hilfswerk in Gaza und ehemaliger US-Offizier, erzählte, wie er Kontakt zur israelischen Armee aufnahm, als die Granaten am 15. Januar immer näher am UNRWA-Hauptquartier niedergingen:

„Ich bin mir nicht sicher, wann genau die erste Granate bei uns einschlug, aber gegen 8:00 Uhr schlugen die Granaten bereits in der Nähe ein. Ich rief die Koordinierungseinheit der IDF in Erez an, damit sie den Beschuss einstellen. Er begann über dem Gaza Training College, im Westteil des UNRWA-Geländes, und verlagerte sich dann nach Westen und über das ganze Gelände. Das Gelände selbst war rund eine Stunde lang unter Beschuss.“