(New York)- Sudanesische Dschandschaweed-Milizen gemeinsam mit tschadischen Kämpfern ermordeten mehr als 100 Menschen im Osten des Tschad, wie Human Rights Watch dokumentiert.

Augenzeugen führten Ermittler von Human Rights Watch an einen der Tatorte. Das Massaker fand in vier benachbarten Dörfern etwa 70 Kilometer westlich der sudanesischen Grenze statt. Die Zeugen bestätigten zudem, dass am 12. und 13. April insgesamt 118 Menschen getötet wurden. Zu diesem Zeitpunkt führten von Darfur aus operierende tschadische Rebellengruppen eine Westoffensive in Richtung der tschadischen Hauptstadt N’Djamena durch. (Fotos und ein Video des Ortes, an dem sich das Massaker zutrug, sind über die unten aufgeführten Quellen erhältlich.)

„Sudanesische Milizen dringen immer weiter in den Tschad vor und plündern und töten dabei tschadische Dorfbewohner“, so Peter Takirambudde, Direktor der Afrika-Abteilung von Human Rights Watch. „Viele der Angreifer trugen sudanesische Uniformen, sie sind jedoch vor Ort Allianzen eingegangen, und Tschader beteiligen sich ebenfalls an den Angriffen.“

Überlebende berichteten, dass unbewaffnete Dorfbewohner von Milizen, die blaue sudanesische Militärbekleidung und Turbane trugen, umringt und dann entweder erschossen oder mit Macheten zu Tode gehackt worden waren. Sie gaben zudem bekannt, dass die Angreifer zu den Dschandschaweed gehörten und auch Tschader unter ihnen waren, die kürzlich in den Sudan übergesiedelt waren.

Diese vor kurzem durchgeführten militärischen Angriffe im Tschad scheinen Teil wachsender grenzübergreifender Gewalt zu sein, die von Human Rights Watch schon seit einigen Jahren dokumentiert wird. Während dieser Zeit wurde die Situation in der sudanesischen Region West-Darfur, die eine über 500 Kilometer lange Grenze vom Tschad trennt, immer instabiler. Entlang dieser durchlässigen Grenze sind mehr als ein Dutzend bewaffnete Gruppen aktiv, zu denen vier Splittergruppen der Rebellenbewegungen um Darfur, mehrere von der sudanesischen Regierung unterstützte Milizengruppen und tschadische Rebellengruppen gehören. Übergriffe auf Viehherden sind weit verbreitet, doch die im April gegen vier tschadisch Dörfer durchgeführten Angriffe waren aufgrund der hohen Todesrate außergewöhnlich.

„Hinsichtlich dieser Angriffe gibt es noch viele unbeantwortete Fragen, aber die Schlussfolgerung ist klar: Die tschadische Zivilbevölkerung ist dringend auf Schutz angewiesen“, sagt Peter Takirambudde.

Die Ermittler von Human Rights Watch haben umfangreiches Beweismaterial von Augenzeugen zusammengetragen, als sie im Mai den Tatort aufsuchten.

Die Gewalttaten des 13. April konzentrierten sich auf Djawara, ein im Osten des Tschad gelegenes Dorf. Dabei wurden angeblich innerhalb weniger Stunden 75 Menschen getötet. Als sich Ermittler von Human Rights Watch Anfang Mai in Djawara aufhielten, fanden sie dort auf einer von Bäumen und Büschen bewachsenen Stelle etwa 500 Meter vom Dorf entfernt mehr als ein Dutzend ausgetrockneter Blutlachen. Dort hatten sich Dorfbewohner zum Gebet eingefunden, als der Angriff begann. Es lagen überall Patronenhülsen, Gewehrmagazine, Kleidungsstücke und Amulette herum, die gewöhnlich zum Schutz vor Kugeln getragen werden.

Dorfbewohner zeigten Human Rights Watch sechs in der Nähe gelegene Massengräber, wo sie nach eigenen Angaben insgesamt 25 Menschen begraben hatten. Weitere zwölf Körper wurden zu einem Graben geschleppt und dort teilweise mit Strohmatten bedeckt liegen gelassen. Ein Körper, bei dem der Fäulnisprozess bereits eingesetzt hat, wurde am Fuße eines nahe gelegenen Baumes entdeckt. Weitere 37 Männer wurden angeblich an einer anderen Stelle des Dorfes umgebracht.

Zwischen dem 12. und dem 13. April griffen die Dschandschaweed-Milizen laut Berichten drei weitere in der Nähe gelegene Dörfer an: Gimeze, Singatao und Korkosanyo. Dabei sollen 43 Menschen getötet worden sein. Die Ermittler von Human Rights Watch konnten aufgrund der weiterhin schlechten Sicherheitssituation in diesen Dörfern keine intensiven Nachforschungen anstellen. Berichte, dass Singatao teilweise abgebrannt sei, wurden jedoch bestätigt, und die Einwohner von Singatao, Djawara und Gimeze haben ihre Dörfer verlassen.

Am 23. April kehrten einige ehemaligen Dorfbewohner von Djawara für eine Beerdigung in ihr Dorf zurück. Sie wurden jedoch beschossen, bevor die Beerdingung beendet war. Wer für diesen Angriff verantwortlich ist, ist unbekannt.

Dorfbewohner aus Djawara berichteten, dass einige Tage vor dem Angriff „Boten“ der Dschandschaweed davor warnten, dass es bald zu einem Angriff kommen würde. Daraufhin wurden viele Frauen und Kinder in ein nahe gelegenes Dorf geschickt. Pfeile, die in Djawara inmitten von Patronenhülsen gefunden wurden, lassen darauf schließen, dass sich die Dorfbevölkerung mit primitiven Waffen gegen ihre Angreifer zu wehren versuchte. Mitglieder einer Selbstverteidigungsgruppe des Dorfes bestätigten, dass sie sich gegen den Angriff wehrten. Dazu wurden überwiegend Pfeil und Bogen sowie Macheten verwendet; einige wenige hatten aber auch automatische Waffen. Nach einem kurzen Gefecht war der Widerstand der Selbstverteidigungsgruppe gebrochen und 75 Dorfbewohner wurden entweder erschossen oder zu Tode gehackt.

Als Hauptgrund für die Übergriffe der Milizen im Tschad gilt weithin der Viehdiebstahl. Bei dem Massaker in Djawara könnte es sich um eine Vergeltungsmaßnahme für ein früheres Ereignis gehandelt haben, als die Selbstverteidigungsgruppe des Dorfes versucht hatte, gestohlenes Vieh zurückzuholen. In der Gegend von Modoyna, 60 Kilometer nördlich von Djawara, wurden im September angeblich Dutzende von Menschen getötet, als Dorfbewohner versuchten, Vieh zurückzuerobern, das ihnen zuvor von sudanesischen Milizen gestohlen worden war. Informationsquellen vor Ort schätzen, dass bei den Angriffen im September zwischen 53 und 72 Zivilpersonen umgebracht wurden. In den Medien wurde meist von 36 Toten berichtet.

Zeugenaussagen aus Djawara (unter Verwendung von Pseudonymen):

„Sie kamen auf Pferden und zu Fuß ... Die in das Dorf vordringenden Dschandschaweed begannen, auf uns zu schießen. Wir haben uns so gut wie möglich verteidigt. Wir hatten nur vier Kalaschnikows [Angriffswaffen] und Pfeile. Es waren zu viele, und wir stellten schnell fest, dass wir keine Chance hatten. Die Dschandschaweed schossen, plünderten und zerstörten.“
– Ibrahim, ein 45-jähriger Einwohner aus Djawara

„Ich rann weg, eine Gruppe von Dschandschaweed fing mich aber wieder zusammen mit anderen ... Bei mir waren zehn weitere Einwohner meines Dorfes. Sie versuchten, uns mit Macheten und Messern umzubringen. Jemand hat mich auf den Kopf geschlagen ... Und dann hat der Kerl seine Kalaschnikow in die Hand genommen und geschossen. Wir fielen alle zu Boden. Ich erlitt zuvor eine Schusswunde im Arm. Dann überprüfte ein Dschandschaweed, ob ich tot sei. Ich stellte mich tot und bewegte mich nicht. Nach ein paar Minuten gingen sie.“
– Abdul, ein 45-jähriger Einwohner aus Djawara

„Als Menschen beim Angriff von Kugeln getroffen wurden und zu Boden gingen, sah ich, wie acht bis zehn Personen zu ihnen hinüber rannten und mit Macheten auf sie losgingen. Diese Szene sah ich mehr als zehnmal. Manchmal waren es fünf, manchmal aber auch acht oder zehn Personen, die auf sie zu rannten. Sie sahen unterschiedlich aus [trugen unterschiedliche Kleidung], manche hatten also militärische und andere zivile Kleidung an. Der Angriff war von viel Lärm begleitet: Pistolenschüsse, Schreie ... Die Angreifer schrieen beispielsweise „Hierher! Dorthin! Sie entkommen dort!“ oder „Wir müssen sie umbringen!“ oder „Djaoub al nubia!“ [Bringt die Nuba um!].“
– Osman, ein 20-jähriger Einwohner aus Djawara