(New York, 5. Februar 2005) – Darfur-Milizen greifen fast täglich Dörfer im benachbarten Tschad an. Sie töten Zivilisten, brennen Dörfer nieder und stehlen Rinder. Diese Angriffe haben ethnische Hintergründe.

Mitarbeiter von Human Rights Watch beobachteten seit Anfang Dezember zahlreiche grenzüberschreitende Überfälle im Osten des Tschad. Die betroffenen Orte liegen zwischen Adré, Adé und Modoyna. Sudanesische und tschadische Milizen führten die meisten Angriffe durch – anscheinend mit Unterstützung der sudanesischen Regierung, unter anderem mit Kampfhubschraubern.

"Man könnte glauben, dass sich die Lage in Darfur nicht mehr verschlechtern kann. Doch sie ist schlimmer geworden", erklärte Peter Takirambudde, Leiter der Afrikaabteilung von Human Rights Watch. "Der Sudan hat Milizen bewaffnet und sie einfach losgelassen. Und die Grenze kann sie nicht aufhalten. Zivilisten sind ihren Angriffen schutzlos ausgeliefert, in Darfur genauso wie im Tschad."

Aufgrund der Gewalt gibt es im Tschad bereits Zehntausende Binnenflüchtlinge. Die meisten Opfer sind Dadscho und Masalit, die auf beiden Seiten der Grenze leben. In den betroffenen Gebieten im Tschad leben auch Araber, sie scheinen von den Angriffen jedoch verschont zu bleiben. Trotzdem haben viele ihre Häuser verlassen und sind in den Sudan geflüchtet – anscheinend aus Angst vor Vergeltungsschlägen.

Im Tschad gibt es Human Rights Watch zufolge auch einen neuen Zustrom an Flüchtlingen aus Darfur. Dabei handelt es sich um Personen, die 2003 durch die Angriffe in Darfur vertrieben wurden und in den Lagern Mornei und Misterei in West-Darfur untergebracht waren. Viele von ihnen sagten gegenüber Human Rights Watch, dass sie den Angriffen auf Flüchtlingslager durch die Dschandschaweed Milizen, die von der sudanesischen Regierung unterstützt werden, entkommen wollten.

Laut Human Rights Watch sollte es nicht nur in Darfur eine verstärkte internationale Einsatztruppe geben, sondern auch im tschadischen Grenzgebiet. Ihr Mandat sollte den Schutz von Zivilisten und die Entwaffnung der Milizen umfassen.

Anfang der Woche appellierte Human Rights Watch an den UNO-Sicherheitsrat, die Truppen der Afrikanischen Union in eine UNO-Mission zu überführen. Dieser Einsatz sollte ein klares Mandat bekommen, die eigene Truppe und Zivilpersonen, wenn nötig auch unter Anwendung von Gewalt, zu verteidigen und sudanesische Milizen zu entwaffnen und aufzulösen.

Nachdem tschadische Rebellen am 18. Dezember 2005 Adré angegriffen hatten, wurde das Grenzgebiet südlich der Stadt unsicherer. Tschads Regierung zog nach dem Angriff ihre Truppen aus dieser Region ab. Dadurch sind die Gebiete entlang der Grenze den Milizen ausgeliefert, die in den vergangenen sechs Wochen zahlreiche Dörfer plünderten. Die Stützpunkte der Rebellen befinden sich in Darfur.

Da die Region auch für internationale Hilfsorganisationen immer unsicherer geworden ist, sind nur mehr wenige von ihnen in dem Gebiet tätig. Im Tschad leben viele der Vertriebenen am Rande von Dörfern in provisorischen Strohhütten und sind auf die Almosen der Bewohner angewiesen. Es wird eine Nahrungsmittelknappheit befürchtet, da die Lebensmittellager fast leer sind.

"Der Osten des Tschad ist mit West-Darfur eng verbunden. Ohne Präventivmaßnahmen sind auch die Flüchtlingslager im Tschad in Gefahr", betonte Takirambudde. "Der Sicherheitsrat muss sofort handeln, um die Menschen im Tschad vor dem Albtraum zu bewahren, der im Nachbarland vor sich geht."

In der Region Borota, südlich von Adré, haben die Dschandschaweed 40 der 85 Dörfer überfallen. 16 Personen wurden dabei getötet und sechs weitere verletzt. Alle angegriffenen Orte sind verlassen. Die ehemaligen Dorfbewohner sind jetzt obdachlos. Die zentrale Stadt in der Region, Borota, hat 6.850 Einwohner. Doch seit dem Beginn der Attacken ist die Bevölkerung auf über zehntausend angewachsen. Der Ort hat nur eine funktionierende Quelle und die Nahrungsvorräte sind fast aufgebraucht.

Ungefähr zehntausend Personen haben in Koloy Zuflucht gesucht, ein Dorf mit normalerweise 1.904 Einwohnern, 45 Kilometer südöstlich von Adé.

Dutzende Augenzeugen beschrieben die Angreifer als Araber, die sich von der lokalen Bevölkerung nicht nur durch ihre sudanesischen Khakihosen unterscheiden, sondern auch, weil sie sudanesisches Arabisch sprechen.

Anfang Dezember griffen sudanesische Soldaten 22 Dörfer in der Region Goungor an, 45 Kilometer südlich von Adré. Das Gebiet mit 8.315 Einwohnern wurde insgesamt viermal angegriffen, sowohl von der sudanesischen Armee zusammen mit den Dschandschaweed Milizen als auch nur von den Dschandschaweed. Zwei Todesfälle konnten bestätigt werden. Human Rights Watch wurde von 45 weiteren Toten berichtet, was bisher jedoch nicht überprüft werden konnte.