Die Streitkräfte der von den USA geführten Koalitionstruppen haben es während der Invasion im letzten Jahr verabsäumt, offizielle Dokumente und Überreste von Opfern in Massengräbern zu sichern, sagte Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. So sind wichtige Beweise für die anstehenden Prozesse gegen Saddam Hussein und andere ehemalige irakische Regierungsmitglieder vermutlich verloren gegangen oder beschädigt worden.

Der 41-seitige Bericht: „Iraq: The State of the Evidence,“ führt auf, was mit manchen der wichtigsten dokumentarischen und forensischen Beweise geschehen ist, die von der USA-geführten Koalition und in jüngerer Vergangenheit von der irakischen Übergangsregierung nicht gesichert wurden.

Im April 2003 ließen ehemalige irakische Regierungsbeamte zahlreiche Dokumente zurück, die kriminelle Taktiken und Praktiken beschrieben. In den vergangenen eineinhalb Jahren wurden mehr als 250 Massengräber identifiziert. Einige von ihnen enthielten die Überreste von Tausenden von Opfern aus der Regierungszeit Saddam Husseins.

„In Anbetracht dessen, was hier auf dem Spiel steht, ist diese Nachlässigkeit alarmierend,“ meinte Sarah Leah Whitson, Direktorin der Naher Osten- und Nordafrika-Abteilung von Human Rights Watch. „Die USA und die irakischen Behörden wussten, dass diesen Dokumenten und Überresten bei der Strafverfolgung von Saddam Hussein und anderen ehemaligen Regierungsmitgliedern eine äußerst bedeutende Rolle zukommen würde, doch es wurde wenig unternommen, um sie zu sichern.“

Human Rights Watch zufolge haben es die Koalitionstruppen verabsäumt, Menschen davon abzuhalten, ungehindert Tausende von offiziellen Dokumenten zu stehlen oder Verwandte von „verschwundenen“ Personen daran zu hindern, die in manchen Massengräbern gefundenen Überreste auszugraben. Die Koalitionskräfte haben es folglich unterlassen, mit entsprechender Expertise und professioneller Hilfe angemessene Klassifizierungen und Exhumierungen vorzunehmen. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass bedeutende Beweise verloren gegangen sind oder beschädigt wurden.

Das Versagen bei der Sicherung der Massengräber hat auch die Hoffnung von Familien zunichte gemacht, das Schicksal von Tausenden von vermissten Verwandten zu bestimmen, die während der Herrschaft Saddam Husseins „verschwunden“ sind.

Human Rights Watch hat die irakische Übergangsregierung mit internationaler Unterstützung dazu gedrängt, eine aus irakischen und internationalen Mitgliedern bestehende Vermisstenkommission einzurichten, die effektive Verfahren zur Sicherung von Massengräbern einsetzen und Exhumierungen durchführen soll. Weiters fordert Human Rights Watch die Schaffung ein ähnliches Gremiums zur Verwaltung der Dokumente der ehemaligen Regierung.

„Dieses Beweismaterial muss dringend gesichert werden. Diese Beweise werden in zukünftigen Prozessverhandlungen von größter Bedeutung sein,“ so Whitson. „Sie werden darüber hinaus auch für Iraker bei ihrem Versuch wichtig sein, die unter der Baath-Regierung erlittenen Gräueltaten genau zu dokumentieren.“