(New York) - Burundische Rebellen und nicht die der Bluttat beschuldigten Hutu- und Mai-Mai-Kämpfer waren für das Massaker am 13. August verantwortlich, bei dem mehr als 150 Zivilisten im Flüchtlingslager von Gatumba ermordet wurden, beteuerte Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Informationspapier.

Das 33-seitige Informationspapier: „Burundi: The Gatumba Massacre: War Crimes and Political Agendas“ dokumentiert, wie ungefähr 100 Kämpfer der National Liberation Force (FNL) etwa 800 schlafende Flüchtlinge angriffen, wobei sie religiöse Lieder sangen, auf Trommeln schlugen und auf Pfeifen bliesen. Sie durchlöcherten die Zelte der Flüchtlinge mit Kugeln und warfen Brandgranaten, die Duzende Menschen verbrannten.

Sie griffen ausschließlich Zelte der Banyamulenge an, einer kongolesischen Bevölkerungsgruppe, die normalerweise mit den Tutsi aus Ruanda in Verbindung gebracht werden, und ließen von den nahe gelegenen Zelten der burundischen Hutu ab. Die FNL ist eine Rebellenbewegung, die vorwiegend aus Angehörigen der Hutu besteht und gegen die Regierung Burundis kämpft.

Die unweit des Lagers in der Hauptstadt stationierten UNO-Friedenstruppen kamen den Flüchtlingen nicht zu Hilfe, da sie erst im Nachhinein von dem Angriff erfuhren. Politische Führer in der Region haben dieses Versäumnis seither als einen weiteren Beweis dafür angeführt, dass die Vereinten Nationen der Zivilbevölkerung keinen Schutz biete, selbst wenn sie das Mandat dazu habe. Sie erwähnen nicht, dass örtliche Behörden, die selbst für die Sicherheit der Flüchtlinge verantwortlich sind, die Vertreter der UNO erst über den Angriff informierten, als es bereits zu spät war.

Die Vorwürfe, die UNO sei unfähig, breiteten sich bis in die benachbarte kongolesische Stadt Uvira aus, aus der viele der ermordeten Flüchtlinge stammten, und lösten dort letzte Woche eine Anti-UNO-Demonstration aus. Nachdem angeblich unter dem Schutz der UNO-Friedenstruppen stehende Zivilisten im Juni in der kongolesischen Stadt Bukavu ermordet wurden, griffen Banden, welche die Vereinten Nationen der Untätigkeit beschuldigten, Einrichtungen der UNO im gesamten Kongo an.

Unmittelbar nach dem Massaker in Gatumba bezeichneten Führer aus Burundi und Ruanda die Morde als „Genozid“ und bezichtigten einige kongolesische Regierungsbeamte der Mittäterschaft. Einige Tage lang drohten sie dem Kongo mit Krieg. Die Zivilbevölkerung des Kongo fürchtet die erneute Präsenz von ruandischen Soldaten in ihrem Land und fordert besseren Schutz durch die Vereinten Nationen.

„Die Angst der Tutsi vor einem Genozid wächst. Doch Angehörige anderer ethnischer Gruppen fürchten sich zunehmend vor einem Krieg, der unter dem Vorwand geführt werden könnte, einen Genozid zu verhindern“, meinte Alison Des Forges, leitende Beraterin der Afrika-Abteilung von Human Rights Watch. „In diesem Kontext der wachsenden Angst müssen wir mit den Krisen angemessen umgehen.“ Auf das Massaker von Gatumba muss mit Gerechtigkeit reagiert werden, nicht mit mehr Gewalt.“

Eine kleine Anzahl von Kämpfern anderer bewaffneter Gruppen, entweder aus Ruanda oder aus dem Kongo, haben sich eventuell am Blutbad von Gatumba beteiligt. Doch einer weit verbreiteten Version der Vorkommnisse zufolge spielte die FNL in dem Massaker nur eine untergeordnete Rolle. Die Haupttäter waren gemäß dieser Version die kongolesischen Mai-Mai und die „Interahamwe“, eine ruandische Rebellengruppe, die mit den Milizen, die für den Genozid in Ruanda im Jahr 1994 verantwortlich waren, in Verbindung stehen.

„Diese akzeptierte Version der Ereignisse stellt den Genozid in Ruanda in den Vordergrund und führt zu einer wesentlich gespannteren Lage“, meinte Des Forges. „Doch diese Version der Ereignisse ist falsch.“

Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht des UNO-Generalsekretärs, Kofi Annan, erwähnt die Möglichkeit, dass der Kongo an dem Massaker beteiligt gewesen sein könnte. Dies rief eine erboste Reaktion kongolesischer Vertreter hervor, welche die Vereinten Nationen beschuldigten, Ruanda dem Kongo vorzuziehen.

Die Vereinten Nationen müssen außergewöhnlich vorsichtig sein, wie sie dieses Massaker interpretieren und mit welchen Worten sie es beschreiben.

„Was wie nur ein weiteres Massaker in einem Flüchtlingslager aussieht, könnte zu einem erneuten Krieg in Zentralafrika führen“, meinte Des Forges.

Die FNL hat sich offiziell zu dem Angriff bekannt, behauptet jedoch, dass sich ihre Kämpfer gegen Soldaten und Polizeikräfte richteten, die angeblich in das Flüchtlingslager geflohen waren.

„Die Angreifer wussten genau, dass sie Zivilisten umbrachten“, sagte Des Forges. „Es handelt sich eindeutig um ein Kriegsverbrechen und die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“

Die burundische Regierung hat Haftbefehle gegen zwei Anführer der FNL erlassen, jedoch niemanden festgenommen.

Mehr als 100 burundische Soldaten und Polizisten warteten den Angriff in ihren eigenen Lagern in der Nähe ab und reagierten nicht auf die durchdringenden Schreie in der Nacht. Die Kommandanten behaupten, ihre Lager wurden ebenfalls angegriffen und sie hatten nicht genug Männer, um den Flüchtligen zu helfen. Doch in der Radiokommunikation mit dem Hauptquartier wurde keine Verstärkung angefordert.