Laut einem heute veröffentlichten Bericht von Human Rights Watch, werden eher jordanische Frauen, die von sogenannten „Ehrenverbrechen“ bedroht sind, eingesperrt als die männlichen Verwandten, die sie bedrohen. Wenn Frauen im Zusammenhang mit einem Ehrenverbrechen ermordet werden, erwartet die Täter nur eine minimale Strafe.

Der 37-seitige Bericht: “Honoring the Killers: Justice Denied for 'Honor' Crimes in Jordan,“ dokumentiert die Ermordung oder versuchte Ermordung von Frauen durch männliche Verwandte, die den Tod der Frau zum Schutz der „Familienehre“ rechtfertigen. Der Bericht geht auch auf Fälle ein, in denen bedrohte Frauen viele Jahre im Gefängnis – in Schutzhaft – schmachten.

Frauen in Jordanien laufen bereits Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden, wenn sie mit einem nicht verwandten Mann sprechen, wenn sie ohne die Zustimmung der Familie heiraten, vorehelichen Geschlechtsverkehr haben oder außerehelich schwanger werden. Presseberichten zufolge wurden 2004 schon 4 Frauen der Familienehre wegen ermordet. Im Jahr 2003 waren es 17 und 22 im Jahr 2002. Die Dunkelziffer liegt jedoch viel höher.

Bedrohte Frauen werden von den Behörden oft „zu ihrem eigenen Schutz” inhaftiert. Das Gefängnis dürfen sie erst dann wieder verlassen, wenn ein männliches Familienmitglied offiziell ihre Sicherheit garantiert. Laut jordanischen Presseberichten befinden sich zur Zeit ungefähr 40 Frauen wegen schon erfolgter oder angedrohter Ehrenverbrechen durch die Familie in Schutzhaft.

„Die jordanische Regierung löst das Problem der Ehrenverbrechen dadurch, dass sie die bedrohten Frauen einsperrt, anstatt gegen die Männer, die sie bedrohen, vorzugehen,“ kritisiert LaShawn R. Jefferson, Direktorin der Frauenrechtsabteilung von Human Rights Watch. „Zudem werden die Morde an Frauen von den Gerichten nur mit außergewöhnlich geringen Strafen geahndet.“

Gemäß dem jordanischen Strafgesetzbuch können für „im Affekt“ begangene Straftaten, die z.B. als Reaktion auf „eine vom Opfer zuvor verübte gesetzwidrige oder gefährliche Handlung“ begangen wurden, reduzierte Strafen verhängt werden. In der Rechtspraxis wenden die Gerichte solche mildernden Umstände auch bei Männern an, die behaupten, ihre Ehre sei verletzt worden. Im Allgemeinen akzeptieren die Richter das Argument, das Opfer hätte die Familienehre besudelt und die Tat sei deshalb „im Affekt“ begangen worden. Mit dieser Verteidigungsstrategie werden auch reduzierte Strafen in Fällen erwirkt, in denen ein Ehrenverbrechen Wochen oder gar Monate nach dem unehrenhaften Verhalten des Opfers vorsätzlich verübt wird.

“Die Polizei und die Gerichte sympathisieren mit den „Ehrenmördern“ und billigen routinemäßig ihre Ausrede, im Affekt gehandelt zu haben,“ so Jefferson. „Die Botschaft der jordanischen Regierung ist eindeutig: Männer handeln rechtmäßig, wenn sie weibliche Familienmitglieder ermorden.“

Human Rights Watch sprach mit Frauen, die im Jweideh Strafvollzugs- und Rehabilitationszentrum für Frauen in Amman inhaftiert sind, der einzigen nationalen Strafanstalt. Ähnlich wie in dem nachfolgend genauer beschriebenem Fall saßen manche Frauen bis zu 10 Jahre im Gefängnis. Viele Frauen machten klar, sie würden solange im Gefängnis bleiben, bis die Familienmitglieder von denen sie bedroht werden, sterben oder das Land verlassen.

In Behördenkreisen oder in der königlichen Familie wird zwar immer wieder Kritik an der Praxis der Ehrenmorde laut, aber die Regierung hat bisher wenig unternommen, um sich dem Problem anzunehmen. Derzeit existieren Vorschläge zur Einrichtung eines Zufluchtsortes für Opfer häuslicher Gewalt. Jedoch bleibt unklar, ob auch von Ehrenverbrechen bedrohte Frauen dort Schutz suchen dürfen.

Human Rights Watch hat die jordanische Regierung dazu aufgerufen, Ehrenverbrechen zu vermeiden und in bereits begangene Straftaten zu ermitteln und die Täter einem vollständigen Verfahren auszusetzen. Außerdem sollte die Regierung unverzüglich Maßnahmen einleiten, die es den „zu ihrem eigenen Schutz“ inhaftierten Frauen ermöglichen, das Gefängnis auf eigenen Wunsch zu verlassen und nach ihrer Freilassung unfangreiche Sicherheit gewährleisten.

Human Rights Watch verlangte ebenfalls, dass das Justizministerium die Anwendung des Strafgesetzbuches überwachen müsse, um dem Missbrauch der „im Affekt“- Verteidigungsstrategie bei Ehrenverbrechen ein Ende zu setzen. Die Regierung sollte angemessene Untersuchungen einleiten und diejenigen bestrafen, die Ehrenverbrechen oder andere Gewalt gegen Frauen gutheißen oder tolerieren – dies gilt auch für Stammesführer und Ortsvorsteher.

R. Ahmed (Pseudonym)

R. Ahmed war zum Zeitpunkt des Interviews 28 Jahre alt und seit 1994 inhaftiert. Mit 18 zwang ihre Familie sie, ihren Cousin zu heiraten. Kurze Zeit später verliebte sie sich in einen libanesischen Nachbarn und plante mit ihm die Flucht nach Syrien. Das Paar wurde jedoch von Onkeln, die misstrauisch geworden waren, bis zu einem Haus verfolgt. Als sich R. weigerte mit den Männern nach Hause zu kommen, schossen sie mehrmals auf sie und verschwanden, nachdem sie glaubten, die Nichte getötet zu haben. Beim Interview waren die Schussnarben an Schulter und Brust noch immer sichtbar. Fünf Monate lang musste die Frau im Krankenhaus liegen, um sich von den Wunden zu erholen.

Im Krankenhaus wurde sie von Wächtern beschützt und ihren Onkeln verweigerte man den Zutritt. Trotzdem gelang es ihnen, das Opfer durch eine Tante dazu zu bringen, auf eine Anklage zu verzichten. R. Ahmed nahm an, dass die Männer sie in Ruhe lassen würden, wenn sie sie nicht anzeigte. Als sie jedoch nach ihrer Genesung zum Verwaltungsgouverneur von al-Salt (ihrer Heimatprovinz) geschickt wurde, waren auch ihre Onkel dort zugegen und schworen nach wie vor, man werde sie umbringen. Der Gouverneur entschied, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als sich in „Schutzhaft“ zu begeben. Ihr Geliebter wurde später in den Libanon abgeschoben.