Mukuma Hamad, eine freiwillige Helferin,   trägt einen Behälter mit Folsäure, die einzige Möglichkeit, wie sie Schwangeren helfen kann, die in die abgelegene Klinik im Dorf Hadara, in der von den Rebellen kontrollierten Region Süd-Kordofan, kommen.

© 2016 Skye Wheeler/ Human Rights Watch

(Nairobi) – Die meisten Frauen und Mädchen im von Rebellen kontrollierten Nuba-Gebirge im Sudan haben keinen Zugang zu reproduktionsmedizinischer Versorgung, einschließlich geburtsmedizinischer Notfallbehandlung, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Die Not der Frauen ist eine der wenig bekannten, aber weitreichenden Folgen der jahrelangen Behinderung der humanitären Hilfe in die Region, sowohl durch die sudanesische Armee als auch durch die bewaffnete Opposition.

Der 61-seitige Bericht „No Control, No Choice: Lack of Access to Reproductive Healthcare in Rebel-Held Southern Kordofan“ dokumentiert, dass Frauen und Kinder nicht an Verhütungsmittel gelangen und nur eingeschränkt Zugang zu medizinischer Versorgung haben, wenn während der Schwangerschaft oder bei der Geburt Komplikation auftreten. Beide Konfliktparteien der seit sechs Jahren andauernden Feindseligkeiten, die sudanesische Regierung und die Rebellen der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA Nord), haben unabhängige humanitäre Hilfe behindert.

„Frauen und Mädchen im Nuba-Gebirge leiden und sterben wegen des jahrelangen Mangels an lebensrettender humanitärer Hilfe“, so Skye Wheeler, Emergencies Researcher in der Abteilung Frauenrechte von Human Rights Watch. „Die sudanesische Regierung und die bewaffnete Opposition müssen die Menschen an die erste Stelle setzen und unverzüglich den Weg dafür ebnen, dass unparteiische und unabhängige Hilfsorganisationen in das Gebiet gelangen können.“

Die sudanesische Regierung behindert seit langem die humanitäre Hilfe in Konfliktgebiete. Bevor die US-Regierung sich im Januar 2017 bereit erklärte, die Wirtschaftssanktionen aufzuheben, hatte sie versprochen, den Zugang für Hilfslieferungen im ganzen Land zu verbessern. Während die Regierung in einigen Landesteilen offenbar Einschränkungen gelockert hat, haben sich weder sie noch die Rebellen auf Bedingungen geeinigt, um Hilfslieferungen in die Rebellengebiete in den Bundesstaaten Süd-Kordofan und Blauer Nil durchzulassen.

Die Vereinten Nationen und ihre Mitgliedstaaten sollen die Behinderung unabhängiger Hilfe durch beide Konfliktparteien als Völkerrechtsverletzung verfolgen. Die UN und andere Akteure sollen zudem Sanktionen gegen Kommandeure und Anführer prüfen, denen eindeutig die Behinderung humanitärer Hilfe oder andere schwere Völkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen nachgewiesen wurden.

Die beiden Konfliktparteien bekämpfen sich in Süd-Kordofan und in Blauer Nil schon seit 2011. Die völkerrechtswidrigen, schreckenerregenden Luftangriffe der Regierung auf bewohnte Gebiete und die Lebensmittelknappheit veranlassten mehr als 200.000 Menschen zur Flucht in die Flüchtlingslager im Südsudan und ließen Hunderttausende weitere zu Binnenflüchtlingen innerhalb des Sudan werden.

Im Dezember 2016 befragten Mitarbeiter von Human Rights Watch in den Verwaltungsbezirken Heiban, Delami und Um Dorien im Nuba-Gebirge 25 Frauen über ihren Zugang zu medizinischer Versorgung. Sie interviewten zudem 65 Vertreter der lokalen Behörden, humanitäre und medizinische Helfer sowie andere Zivilisten.

In den Rebellengebieten hat seit Ausbruch des Konflikts niemand Zugang zu staatlichen Gesundheitsangeboten oder uneingeschränkter humanitärer Hilfe. Mitte 2014 bombardierte das sudanesische Militär mit offenbar gezielten Luftschlägen mehrere medizinische Einrichtungen sowie ihre Umgebung. Dies führte zur Schließung zweier wichtiger Einrichtungen, die geburtsmedizinische Notversorgung sowie Verhütungsmittel angeboten hatten. Auf schätzungsweise mehr als 900.000 Menschen kommen nur fünf Ärzte und zwei funktionierende Krankenhäuser, beide im Bezirk Heiban, welcher für viele Menschen bis zu zwei Tagesreisen entfernt liegt. Umkämpfte Frontlinien lassen die Krankenhäuser bisweilen unerreichbar werden. In den Rebellengebieten gibt es zudem keine Krankenwagen und nur wenige Privatautos.

Die meisten schwangeren Frauen erhalten keine pränatale Versorgung oder sind auf unqualifizierte Geburtshelfer bzw. Hebammen ohne angemessene Ausrüstung angewiesen. Frauen und Mädchen, die während der Wehen Komplikationen bekommen, können manchmal erst nach Stunden behandelt werden, weil sie auf Motorrädern, zwischen zwei Männern eingekeilt, oder in ihrem Bett transportiert werden müssen.

Der mangelhafte Zugang zu pränatalmedizinischer Versorgung, geschulten Geburtshelfern und einer geburtsmedizinischen Notversorgung ist ein Risikofaktor im Hinblick auf die Müttersterblichkeit. Laut der aktuellsten Statistiken der sudanesischen Regierung aus dem Jahr 2006 liegt die Müttersterblichkeit in Süd-Kordofan bei 503 pro 100.000 Lebendgeburten, verglichen mit 91 im Bundesstaat Northern State und 213 im Nachbarstaat Nord-Kordofan.

Die wenigen verfügbaren Daten legen nahe, das die Müttersterblichkeit nach wie vor hoch ist. Vertreter der Lokalbehörden gaben an, dass im Jahr 2016 rund 350 Frauen starben, und sie äußerten die Vermutung, dass die meisten von ihnen schwanger waren. Das Krankenhaus der Dizöse El Obeid Mutter der Gnade dokumentierte zwei Todesfälle von Müttern im Jahr 2016 und drei im Jahr 2015, bei 260 bzw. 280 Geburten im Gesamtjahr. Die Organisation Cap Anamur (Deutsche Not-Ärzte e.V) verzeichnete in ihrem Krankenhaus im Jahr 2016 zwei Todesfälle bei insgesamt 193 Geburten sowie im Umkreis ihrer Hilfsstationen sechs Fälle, in denen Schwangere zu Hause starben. Alle von Human Rights Watch befragten Gesundheitshelfer sagten, sie gingen davon aus, dass die meisten Todesfälle während der Schwangerschaft oder bei Geburten zu Hause stattfänden, fernab jeder Hilfe.

Angebote zur Familienplanung sind so gut wie nicht verfügbar, was es Frauen und Männern erschwert, sich vor sexuell übertragenen Infektionen zu schützen, und Frauen die Möglichkeit nimmt, ihre Fruchtbarkeit zu kontrollieren. Drei Organisationen und Lokalbehörden berichteten, dass die Zahl der Syphilis- und Gonorrhö-Diagnosen ansteige. So schoss die Zahl der Gonorrhö-Fälle in einer Einrichtung von 39 im Jahr 2013 auf 896 im Jahr 2016. Das Krankenhaus Mutter der Gnade in Gidel, welches über die größte geburtsmedizinische Abteilung in der Region verfügt, vermeldete, dass dort 20 Prozent der schwangeren Frauen positiv auf Hepatitis B getestet worden seien.
 

Die Zivilverwaltung der Rebellengruppe SPLA/M-Nord unterhält rund 175 Kliniken in der Region. Diese verteilen jedoch nicht regelmäßig Verhütungsmittel. Cap Anamour ist die einzige Organisation, die konsequent Verhütungsmittel in den Rebellengebieten anbietet. Regionale Bestimmungen verpflichten Frauen jedoch, dafür die Erlaubnis des Ehemannes einzuholen.

„Viele Frauen, mit denen wir sprachen, wollten nur in bestimmten Zeitabständen Kinder bekommen, unter anderem weil sie Angst vor Nahrungsmittelmangel hatten“, so Wheeler. „Die meisten Frauen, die wir interviewten, wussten nicht, was ein Kondom oder Verhütungsmittel ist, und sie hatten auch noch nie eines gesehen.“

Der Sudan erklärte im Juni 2016 einseitig einen Waffenstillstand für Süd-Kordofan, welcher anschließend auf alle Konfliktgebiete ausdehnt wurde. Seit 2017 hat der Sudan offenbar alle Luftangriffe eingestellt. Die vorläufige Aufhebung der Wirtschaftssanktionen durch die USA soll ab Juni dauerhaft gelten, sofern der Sudan in einer Reihe von Punkten Fortschritte nachweist, insbesondere auch beim Zugang für humanitäre Helfer. Die USA sollen diese Entscheidung solange aufschieben, bis der Sudan weitere Fortschritte gezeigt hat, und die Vereinigten Staaten sollen ein breiteres Spektrum von Menschenrechtsaspekten prüfen.

Die UN sollen ihr Engagement in dem Konflikt verstärken. Der UN-Sicherheitsrat hatte im Mai 2012 eine Resolution verabschiedet, die Strafmaßnahmen androhte, falls die Konfliktparteien nicht dafür sorgten, dass humanitäre Hilfe ungehindert nach Süd-Kordofan und Blauer Nil gelangen kann. Er ergriff jedoch keine weiteren Maßnahmen.

„Die Aufmerksamkeit des UN-Sicherheitsrats für den Sudan in den Jahren 2011 und 2012 ist Schweigen und Tatenlosigkeit gewichen“, so Wheeler. „Die UN und die internationalen Geber sollen die Konfliktparteien drängen, die dringend benötigte Nothilfe für die Zivilbevölkerung durchzulassen, insbesondere auch zu den Frauen und Mädchen in dieser seit langem vernachlässigten Krise.“

Ausgewählte Fälle und Aussagen aus dem Bericht

Hasina Soulyman:

Vor vier Jahren, nachdem die 14-jährige Hassina Soulyman aus dem Dorf Hadara im Bezirk Delami bereits zwei Tage zu Hause in den Wehen gelegen hatte und wegen des Blutverlusts immer wieder bewusstlos geworden war, setzte ihre Familie sie auf ein Motorrad – das einzige Transportmittel in dem Dorf. Während der zweistündigen Fahrt in ein größeres Dorf wurde sie von zwei Männern gehalten. Dort angekommen, mussten sie auf ein Auto warten, mit dem das Mädchen in eines der beiden Krankenhäuser im Rebellengebiet im südsudanesischen Bundesstaat Süd-Kordofan gebracht werden sollte. Als sie endlich dort ankam, entband ein Arzt ihr totgeborenes Baby per Kaiserschnitt und informierte Hassina darüber, dass ihr Muttermund zu eng für eine vaginale Geburt sei.

Da sie keine angemessene gesundheitliche Aufklärung erhielt und keinen Zugang zu Verhütungsmitteln hatte, wurde Hassina zwei weitere Male schwanger. Ihr zweites Baby kam im Krankenhaus zu Welt, starb jedoch, bevor es sechs Monate alt wurde. Während der letzten Wochen ihrer dritten Schwangerschaft, im Alter von 18 Jahren, mussten Hassina und ihre Familie vor den Luftangriffen der Regierung fliehen. Hassinas Wehen setzten ein, als die Familie  in einem Flussbett Zuflucht gesucht hatte. Sie konnte erst nach drei Tagen erschwerter Wehen, in denen der Körper des Babys aus dem Geburtskanal kam, der abgetrennte Kopf jedoch noch in ihrem Unterleib steckte, in ein Krankenhaus gebracht werden. Bis Dezember 2016 hatte Hassina noch immer keinen Zugang zu Familienplanung.

Amal Tutu:

„Ich hatte eine Fehlgeburt im fünften Monat. Zwillinge. Sie kamen heraus und dann gab es viel Blut, große Schmerzen. Es gab kein Auto, keine Schmerzmittel. Ich musste zum Krankenhaus laufen, weil die Blutung nicht aufhörte.“
— Amal Tutu, 30, aus einem Dorf im Bezirk Heiban, einen Tag Fußmarsch vom nächstgelegenen Krankenhaus entfernt.

Aisha Hussein:

„Meine Tante starb bei der Entbindung. Man brachte sie in ein Krankenhaus, aber sie starb unterwegs mit dem Baby im Bauch. Die Autofahrt dauerte eine Stunde.“

Aisha Hussein, 41, aus dem Dorf Tongoli im Bezirk Delami