Lalita B., 17, had an arranged marriage at the age of 12 with a 37-year-old man. She became pregnant soon after marriage and two of her newborns died. Lalita's third child survived. Lalita's husband abandoned her in 2015 and married another woman. April 25, 2016.  

(Kathmandu) – Die Regierung Nepals unternimmt nicht genug, um Kinderehen ein Ende zu setzen. Darunter leiden Mädchen und Jungen im ganzen Land, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Im Juli 2014 hatte die nepalesische Regierung versprochen, Kinderehen bis zum Jahr 2020 ein Ende zu bereiten. Mittlerweile hat sie dieses Ziel ins Jahr 2030 verschoben. Bislang hat sie keine konkreten Maßnahmen ergriffen, um diese beiden Zielmarken zu erreichen.

Viele Kinder in Nepal – sowohl Mädchen als auch Jungen – werden durch Kinderehen ihrer Zukunft beraubt. Die nepalesische Regierung verspricht zwar Reformen, doch in den Städten und Dörfern im ganzen Land hat sich nichts verändert.

Heather Barr

Frauenrechtsexpertin

Der 118-seitige Bericht „‘Our Time to Sing and Play’: Child Marriage in Nepal“ dokumentiert, welche wirtschaftlichen und sozialen Zwänge für Kinderehen verantwortlich sind und welche verheerenden Auswirkungen diese haben. Der Anteil der Mädchen, die vor Vollendung des 18. Lebensjahres heiraten, liegt in Nepal mit 37 Prozent am dritthöchsten in Asien. Zehn Prozent der Mädchen heiraten bereits vor ihrem 15. Geburtstag. Das nepalesische Recht schreibt für Eheschließungen ein Mindestalter von 20 Jahren vor, das sowohl für Frauen als auch für Männer gilt. Schätzungsweise 11 Prozent aller männlichen Jugendlichen in Nepal heiraten mit weniger als 18 Jahren. Die nepalesische Regierung hat zwar Anstrengungen unternommen, um diese Praxis zu beenden, doch ein seit langem angekündigter nationaler Aktionsplan kommt nur schleppend voran.

„Viele Kinder in Nepal – sowohl Mädchen als auch Jungen – werden durch Kinderehen ihrer Zukunft beraubt“, so Heather Barr, Frauenrechtsexpertin von Human Rights Watch. „Die nepalesische Regierung verspricht zwar Reformen, doch in den Städten und Dörfern im ganzen Land hat sich nichts verändert.“

Many children in Nepal are seeing their futures stolen from them by child marriage. Nepal’s government promises reform, but in towns and villages across the country, nothing has changed.

Human Rights Watch befragte 149 Personen aus verschiedenen Landesteilen, darunter 104 verheiratete Kinder bzw. junge Erwachsene, die minderjährig geheiratet hatten. Die Befragten gehörten verschiedenen Volksgruppen, Religionen und Kasten an. Die Mehrheit bildeten Angehörige indigener Bevölkerungsgruppen wie der Dalits. Dies spiegelt die Tatsache wider, dass Kinderehen häufiger in marginalisierten Bevölkerungsteilen bzw. in unteren Kasten auftreten. Human Rights Watch befragte auch Aktivisten, Dienstleister, medizinische Fachkräfte, Lehrer, Polizeibeamte und Experten.

Kinderehen sind in Nepal seit 1963 illegal. Dennoch zeigen die Recherchen von Human Rights Watch, dass die Polizei nur selten zur Prävention von Kinderehen aktiv wird oder dagegen vorgeht. Dies geschieht praktisch nur, wenn Dritte Anzeige erstatten. Die Behörden beurkunden Kinderehen sogar häufig, obwohl diese eine Straftat darstellen.

Kinderehen werden vor allem durch Armut, mangelhaften Zugang zu Bildung, Kinderarbeit, sozialen Druck und die Praxis der Mitgift begünstigt. Die Human Rights Watch-Experten stießen zudem auf einen besorgniserregenden Anstieg freiwilliger „Liebeshochzeiten“ bei 12- bis 13-Jährigen. Diese sind häufig eine Reaktion auf Vernachlässigung und Missbrauch im Elternhaus, den Wunsch, einer Zwangsheirat mit einem weniger bevorzugten Partner zu entgehen, die fehlende Aufklärung über Verhütungsmittel bzw. der fehlende Zugang zu Verhütungsmitteln oder auf sozialen Druck. Kinderehen haben zahlreiche negative Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und ihre Familien: Sie verhindern häufig den Schulbesuch, führen zu schweren Gesundheitsschäden durch frühe Schwangerschaften bis hin zum Tod, und sie begünstigen häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt und das spätere Verlassenwerden durch den Partner.

Angeischts des Versagens der Regierung beim Gesetzesvollzug sind Kinderehen für arme Familien ein gängiger Mechanismus zur Bewältigung sozialer Schwierigkeiten. So suchen Eltern, die ihre Kinder nicht ernähren können, ihren Töchtern häufig nur deshalb einen Ehemann, damit diese etwas zu essen haben. Mädchen aus armen Verhältnissen brechen zudem häufig die Schule ab und beginnen zu arbeiten, weil ihre Familien sich die mit dem Schulbesuch verbundenen Kosten nicht leisten können – obwohl Bildung eigentlich „kostenlos“ ist  – oder weil es keine gesetzliche Schulpflicht gibt. Bei Mädchen ist die Heirat dann häufig eine unmittelbare Folge des Schulabbruchs.

Aufgrund sozialer Zwänge, etwa der in vielen Bevölkerungsgruppen herrschenden Erwartung, dass Mädchen mit Beginn ihrer Menstruation bzw. sogar schon davor heiraten sollten, werden Kinderehen in vielen sozialen Milieus nicht nur akzeptiert, sondern erwartet. Der mangelhafte Zugang zu sexueller und reproduktiver Aufklärung sowie die fehlende Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln setzt viele Kinder der Gefahr aus, als Reaktion auf eine außereheliche Schwangerschaft bzw. als Reaktion auf eine solche, übereilt zu heiraten.

Verheiratete Mädchen werden häufig rasch schwanger, was auch von ihnen erwartet wird. Die frühen und häufig dicht aufeinanderfolgenden Schwangerschaften haben schwerwiegende gesundheitliche Folgen. So liegt die Säuglingssterblichkeit bei frühen Schwangerschaften deutlich höher. Viele der von Human Rights Watch befragten Mädchen sagten, unter Gewalt, insbesondere sexueller Gewalt, zu leiden.

„Meine Hochzeit wurde arrangiert, ich hatte dabei nichts zu sagen. - Auch beim Schwangerwerden hatte ich kein Mitspracherecht“, so Nutan C., 21, die schon als 16-Jährige verheiratet wurde. Zum Zeitpunkt ihrer Befragung durch Human Rights Watch war die Mutter einer 4-jährigen Tochter und eines 18 Monate alten Sohnes im sechsten Monat schwanger.

Auf dem internationalen „Girl Summit“ in London im Jahr 2014 hatte Nepals Ministerium für Frauen, Kinder und soziale Sicherheit versprochen, ein Ende aller Kinderehen bis zum Jahr 2020 anzustreben. Als Nepal im Jahr 2016 seinen eigenen „Girl Summit“ in Kathmandu abhielt, hatte sich diese Zielmarke ins Jahr 2030 verschoben, dem Endtermin der UN-Ziele zur Nachhaltigen Entwicklung.

Gemeinsam mit der UN, Nichtregierungsorganisationen und anderen Partnern arbeitet die nepalesische Regierung an der Entwicklung einer Nationalen Strategie zur Beendigung von Kinderehen. Diese soll die Grundlage für einen detailierten nationalen Aktionsplan, einschließlich zweckgebundener Mittel zu dessen Umsetzung, bilden. Doch die Ausarbeitung des Plans kommt nur schleppend voran und die Nationale Strategie selbst ist nicht konkret genug, um als Fahrplan zur Beendigung von Kinderehen bis zum Jahr 2030 zu dienen.

Auf kommunaler Ebene bestehen kaum Anzeichen dafür, dass die Regierung sich um ein Ende von Kinderehen und um die Begrenzung ihrer Schäden bei den betroffenen Kindern bemüht. Die wenigen bestehenden Aufklärungsprogramme sind zumeist die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen. Es gibt keine staatlich vorgeschriebene Schulpflicht, und viele Kinder, besonders Mädchen, besuchen die Schule überhaupt nicht. Viele Heranwachsende erhalten keinerlei Aufklärung zu Sexualität und Reproduktivgesundheit, wie sie eigentlich in den Schulen vermittelt werden sollte. Staatliche Gesundheitseinrichtungen verfügen über kostenlose Angebote zur Familienplanung, doch viele junge Menschen – verheiratet oder unverheiratet – wissen nicht, dass diese Angebote existieren, oder sie können die Hilfsangebote kaum in Anspruch nehmen, weil sie zu weit entfernt sind, stigmatisiert werden oder familiärer Druck sie daran hindert.

„Wir sprachen mit einer erschreckend hohen Zahl jugendlicher Mädchen, die um ihre verstorbenen Säuglinge trauerten“, so Barr. „Diese Geschichten sind unerträglich, doch sie wären in den meisten Fällen vermeidbar gewesen. Um Kinderehen in Nepal ein Ende zu setzen, braucht es Reformen in Gesetzgebung, Polizeiarbeit und Kommunalpolitik, bei der standesamtlichen Beurkundung von Geburten und Eheschließungen sowie im Schulsektor und im Gesundheitssystem. Die Regierung hat Veränderungen versprochen. Diese Veränderungen müssen jetzt beginnen.“