Sami und Gülsüm Elvan zeigen ein Foto ihres Sohnes Berkin Elvan. Der 15-Jährige starb am 11. März 2014 nach 269 Tagen im Koma. Der Junge hatte eine schwere Kopfverletzung erlitten, als Polizisten – so vermuten seine Ärzte – aus nächster Nähe eine Tränengasgranate auf ihn schossen.

© 2013 Ole Solvang/Human Rights Watch

Berkin Elvan, ein 15-Jähriger Schüler aus Istanbul, ist nach 269 Tagen im Koma gestorben. Der Junge hatte eine schwere Kopfverletzung erlitten, als Polizisten – so vermuten seine Ärzte – aus nächster Nähe eine Tränengasgranate auf ihn schossen. Der Vorfall ereignete sich am Rande der Proteste, die im Juni 2013 in vielen Teilen Istanbuls und in anderen Städten in der ganzen Türkei ausgebrochen waren, nachdem die Polizei eine Demonstration gegen die Bebauung eines Parks auf dem Istanbuler Taksim-Platz gewaltsam aufgelöst hatte. Die Bilder von Polizisten, die mit exzessiver Gewalt gegen die überwiegend friedlichen Demonstranten vorgehen, gingen um die Welt.

In einem Videointerview (siehe unten, ab 3:15) mit Human Rights Watch erzählten Berkins Eltern anschließend, ihr damals 14-jähriger Sohn sei am morgen des 16. Juni losgegangen, um Brot zu kaufen. Anstatt nach Hause zu kommen, landete ihr Sohn jedoch im Krankenhaus.

Während der Proteste dokumentierte Human Rights Watch immer wieder, wie Demonstranten schwere Kopfverletzungen bis hin zum Verlust des Augenlichts erlitten, weil Polizisten sie aus nächster Nähe mit Tränengasgranaten beschossen und dabei direkt auf sie zielten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befand im Fall Abdullah Yasa u.a. gegen die Türkei, der Tränengaseinsatz durch die türkische Polizei verletze internationale Menschenrechtstandards.

Heute, neun Monate später, warten wir noch immer auf wirksame Ermittlungen gegen die Polizisten, die Berkin Elvan tödlich verletzten und Dutzenden anderen schwere Kopfverletzungen zufügten. Die Beamten der Schnellen Einsatztruppe, die an jenem morgen in Berkins Viertel im Einsatz waren, gaben bei ihrer Befragung durch die Staatsanwaltschaft im Januar und Februar 2014 an, sie erinnerten sich nicht, was genau geschehen sei, wo sie sich zur betreffenden Uhrzeit aufhielten oder ob sie Tränengas einsetzt hätten.

Es muss dringend geklärt werden, welche Beamten Tränengasgeschosse eingesetzt haben und wer auf Berkin geschossen hat. Ferner muss der gesamte Vorfall auch im Hinblick auf die mögliche Befehlsverantwortung der Polizeiführung untersucht werden. Polizeigewalt gegen Demonstranten ist ein weitreichendes Problem in der Türkei. Die Kultur der Straflosigkeit ist tief verwurzelt. Berkin Elvan, der Junge im Koma, der nie wieder aufwachte, ist zum Symbol für die Brutalität und die fehlende Verantwortlichkeit der Polizei in der Türkei geworden. Berkin und seine Familie verdienen Gerechtigkeit.