(New York, 31. Oktober 2007) – Die burmesische Regierung zwangsrekrutiert zahlreiche Kinder für die Armee wegen einer Personalkrise in den Streitkräften, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Einige der Kinder sind nicht älter als 10 Jahre.

Für die burmesische Armee arbeitende Rekrutierer sind besonders an Kindern interessiert, weil aufgrund der kontinuierlichen Erweiterung der Armee, der hohen Anzahl an Deserteuren und des Mangels an Freiwilligen neue Soldaten stark benötigt werden. Kindersoldaten werden auch von regierungsunabhängigen bewaffneten Gruppen wie den Rebellen bestimmter Volksgruppen rekrutiert und eingesetzt, jedoch in wesentlich geringerem Ausmaß.

„Die Brutalität der burmesischen Militärregierung geht über ihr gewalttätiges Vorgehen gegen friedliche Demonstranten hinaus“, erklärt Jo Becker, Advocacy Direktorin in der Kinderrechtsabteilung von Human Rights Watch. „Rekrutierer betreiben praktisch einen Handel mit Kindern, damit genügend Soldaten für die bewaffneten Streitkräfte Burmas gefunden werden.“

Der 135-seitigen Bericht „Sold to be Soldiers: The Recruitment and Use of Child Soldiers in Burma“ beruht auf Ermittlungen in Burma, Thailand und China. Er dokumentiert, dass Rekrutierer der Armee und zivile Vermittler für jeden neuen Soldaten Bargeld und andere Zuwendungen erhalten. Dies soll selbst dann der Fall sein, wenn bei der Rekrutierung klar gegen die Vorschriften über Mindestalter oder Gesundheitszustand verstoßen wird.

Ein Junge teilte Human Rights Watch mit, dass er mit elf Jahren zwangsrekrutiert wurde, obwohl er damals erst 1,30 Meter groß war und weniger als 31 Kilogramm wog. In Rekrutierungszentren werden regelmäßig falsche Angaben gemacht, um das gesetzliche Mindestalter von 18 Jahren zu umgehen.

Häufig werden Kinder an Bahnhöfen und Busstationen, auf Märkten oder an anderen öffentlichen Orten von Rekrutierern angesprochen. Wenn sie der Armee nicht beitreten wollen, droht man ihnen mit Haft. Manchmal werden Kinder auch so lange geschlagen, bis sie sich „freiwillig“ bereit erklären.

„Von den hohen Militärs der Regierungsarmee wird diese radikale Rekrutierungspraxis in Kauf genommen, und es wird nichts dafür getan, dass die Beteiligen strafrechtlich verfolgt werden“, meint Becker. „Angesichts dieser Umstände können Armeerekrutierer sorglos mit Kindern handeln.“

Kindersoldaten werden gewöhnlich 18 Wochen lang militärisch auf ihren Einsatz vorbereitet. Einige werden aber schon wenige Tage nach Einteilung in ihr Bataillon in Kampfsituationen eingesetzt. Manchmal werden Kindersoldaten gezwungen, sich an Menschenrechtsverstößen zu beteiligen. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn Dörfer niedergebrannt oder Zivilisten als Zwangsarbeiter genutzt werden. Versucht jemand, zu entwischen oder Fahnenflucht zu begehen, wird er geschlagen, erneut zwangsrekrutiert oder inhaftiert.

Von den früheren Soldaten, die Human Rights Watch befragt hat, gaben alle an, dass sich in ihren Trainingseinheiten auch Kinder befanden. In der Armee werden insgesamt Tausende Kinder eingesetzt; ihr Anteil ist jedoch von Bataillon zu Bataillon unterschiedlich. Besonders von einigen erst kürzlich gegründeten Bataillonen wurde berichtet, dass ein hoher Prozentsatz der neuen Soldaten Kinder sind.

Human Rights Watch befürchtet, dass durch die jüngsten Übergriffe der Armee auf Mönche und zivile Demonstranten vielleicht bald noch mehr Kinder rekrutiert werden.

„Selbst vor den Ausschreitungen lehnten viele Jugendliche den Militärdienst wegen der schlimmen Bedingungen, der niedrigen Bezahlung oder Misshandlungen durch Vorgesetzte ab“, erklärt Becker. „Nach dem Einsatz der Soldaten gegen buddhistische Mönche und andere friedliche Demonstranten wird es der Regierung wohl noch schwerer fallen, Freiwillige zu finden.“

Im Jahr 2004 gründete die Militärregierung, auch „Staatsrat für Frieden und Entwicklung genannt, einen hochrangigen Ausschuss, dessen Aufgabe darin besteht, die Rekrutierung von Kindern für die Armee zu verhindern. Human Rights Watch stellte jedoch fest, dass dieser Ausschuss das Problem nicht wirksam bekämpft und sich darauf konzentriert hat, externe Berichte über die Rekrutierung von Kindern abzustreiten. Erst im September haben regierungstreue Medien bekannt gegeben, dass die Regierung daran arbeitet, alle Anschuldigungen über den Einsatz von Kindersoldaten vollständig zurückzuweisen.“

„Den Regierungsausschuss zur Bekämpfung der Rekrutierung von Kindern ist eine Schande“, meint Becker. „Anstatt sich nur damit zu beschäftigen, glaubwürdige Berichte über die Rekrutierung von Kindersoldaten zurückzuweisen, sollte die Regierung das Problem besser direkt angehen. Es müssen sämtliche Kinder aus der Armee entlassen und es dürfen von nun an keine Minderjährigen mehr rekrutiert werden.

Die meisten der mindestens 30 regierungsunabhängigen bewaffneten Gruppen Burmas setzen ebenfalls Kindersoldaten ein. Der Anteil ist dort allerdings wesentlich geringer. Human Rights Watch untersuchte die Strategien und die Praxis von zwölf bewaffneten Gruppen und stellte dabei fest, dass einige Gruppen - zum Beispiel die Karenni-Armee und die Nationale Befreiungsarmee der Karen - bereits Maßnahmen ergriffen haben, um die Anzahl an Kindersoldaten zu verringern. Andere Gruppen wie die Demokratische Buddhistische Armee der Karen, die Vereinte Armee des Wa-Staats und die Volksbefreiungsfront der Karenni rekrutieren hingegen weiterhin Kinder und setzen sie ein. Manchmal fordern sie Dörfer dazu auf, eine bestimmte Quote von Kindern zur Verfügung zu stellen. In den bewaffneten Armeen dieser Gruppen werden manchmal Kinder als Soldaten eingesetzt, die erst elf oder zwölf Jahre alt sind. In einigen bewaffneten Gruppen leisten Kindersoldaten nur in den Lagern Dienst; in anderen geraten sie aber auch in Kampfsituationen.

Im November wird die Arbeitsgruppe für Kinder und bewaffnete Konflikte des UN-Sicherheitsrats die in Burma begangenen Verletzungen von Kinderrechten untersuchen. Dabei wird es auch um die Rekrutierung und den Einsatz von Kindersoldaten gehen. Der UN-Generalsekretär hat bereits in vier aufeinander folgenden Berichten an den Sicherheitsrat festgestellt, dass die bewaffneten Streitkräfte der burmesischen Regierung gegen das Völkerrecht verstoßen haben, gemäß dem der Einsatz von Kindersoldaten untersagt ist. Auch hat der Generalsekretär mehrere bewaffnete Oppositionsgruppen aufgeführt, die ebenfalls gegen das Völkerrecht verstoßen haben.

Der Sicherheitsrat hat mehrmals darauf hingewiesen, dass für die auf der Liste des Generalsekretärs aufgeführten Parteien gezielte Sanktionen in Erwägung gezogen werden, wenn diese den Einsatz von Kindersoldaten nicht einstellen. Dazu zählen ein Waffenembargo und ein Verbot für andere militärische Unterstützung. Bisher sind für Burma jedoch noch keine Maßnahmen ergriffen worden.

Human Rights Watch hat dem Sicherheitsrat empfohlen, beispielsweise folgende Maßnahmen zu ergreifen: Verbot von Waffenlieferungen und militärischer Unterstützung, Reiseeinschränkungen für die Leiter des „Staatsrats für Frieden und Entwicklung“ und Einschränkungen der Finanztransaktionen des Staatsrats.

„Der Sicherheitsrat sollte seine Versprechen einhalten und dadurch diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die durch die Rekrutierung und den Einsatz von Kindersoldaten gegen Gesetze verstoßen haben“, fordert Becker. „Bedenkt man, wie miserabel der Ruf Burmas im Hinblick auf Kindersoldaten ist, sind Sanktionen gegen die burmesische Militärregierung sicherlich gerechtfertigt.“

Zeugenaussagen aus dem Bericht

„Sie füllten die Formulare aus und fragten mich nach meinem Alter. Als ich sagte, dass ich 16 sei, schlug mich einer der Männer und er sagte ‚du bist 18. Sag, dass du 18 bist.‛ Dann fragte er mich erneut nach meinem Alter, und ich antwortete ‚Aber wenn ich doch wirklich erst so alt bin.‛ Daraufhin fragte mich der Stabsunteroffizier, weshalb ich in die Armee eintreten wolle. Ich antwortete ‚Das ist gegen meinen Willen. Ich wurde festgenommen.‛ Dann sagte er ‚Gut, dann halte deinen Mund‛ und füllte das Formular aus. Ich wollte eigentlich nur wieder nach Hause gehen und habe ihnen das auch gesagt, aber sie ließen mich nicht gehen. Ich bat sie, ein einziges Telefongespräch führen zu dürfen, aber auch das lehnten sie ab.“
— Maung Zaw Oo beschrieb, wie er 2005 zum zweiten Mal für die Armee zwangsrekrutiert wurde.

„Die Rekrutierer sind korrupt, und die Bataillone brauchen neue Leute. Darin besteht das Geschäft. Die Rekrutierer werden also von der Armee bestochen. Dabei werden überwiegend Minderjährige eingestellt, aber die Rekrutierer tragen einfach in die Formulare ein, dass sie 18 sind.“
— Than Myint Oo wurde als Kind zweimal zwangsrekrutiert.

„Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie alt ich war, als ich das erste Mal gekämpft habe. Vielleicht 13. Dabei gerieten wir in einen Hinterhalt der Karenni, und es kamen vier Soldaten ums Leben. Ich hatte Angst, weil ich noch so jung war, und versuchte zurückzulaufen, aber der Kapitän rief ‚Lauf’ nicht zurück! Wenn du zurückläufst, erschieße ich dich höchst persönlich!”
— Aung Zaw beschrieb seine erste Kampferfahrung.

„Einige wollen der Armee wirklich beitreten, aber andere werden zwangsverpflichtet. Jeder Teil des Dorfes muss jedes Mal zehn Personen schicken. Dabei wechselt man sich ab, wodurch einige Eltern auch Jungen unter 18 schicken. Schließlich müssen sie ihrer Verpflichtung nachkommen. Tun sie dies nicht, kann ihnen die Demokratische Buddhistische Armee der Karen ganz schön Probleme machen. Sie wollen weder Verrückte noch Kranke, ist man aber normal, müssen selbst die gehen, die noch keine 18 sind. Das Alter ist ihnen egal.”
— Offizier niedrigen Rangs der Demokratischen Buddhistischen Armee der Karen.

„Wir müssen die Anschuldigungen [wegen Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten] stets systematisch zurückweisen … [und] der internationalen Gemeinschaft immer vermitteln, dass der Ausschuss entsprechende Maßnahmen ergreift und die Anschuldigungen unbegründet sind.”
— Generaladjutant Thein Sein in seiner Abschlussrede vor dem Ausschuss zur Vermeidung der Armeerekrutierung von Minderjährigen, 2005.