(London, 25. Mai, 2005) – Vor einem Jahr wurden bei gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Muslimen und Christen in Nord- und Zentralnigeria rund 900 Menschen getötet. In einem neuen Bericht kritisiert Human Rights Watch, dass die nigerianische Regierung bis heute die Verantwortlichen für diese Gräueltaten nicht strafrechtlich verfolg hat.

Der 75seitige Bericht “Revenge in the Name of Religion: The Cycle of Violence in Plateau and Kano states” (Rache im Namen der Religion: Die Gewaltspirale in den Staaten Plateau und Kano) bietet zum ersten Mal eine detaillierte Analyse der Vorfälle. Er zeigt auf, welche Faktoren die Sicherheitslage in Zentral- und Nordnigeria weiterhin belasten. Ebenfalls dokumentiert werden zwei besonders verheerende Vorfälle: Ein Gewaltausbruch im Februar und Mai 2004, der sich in der Stadt Jelwa im Bundesstaat Plateau ereignete, und den darauf folgenden Vergeltungsschlag im Mai 2004 in der nördlichen Stadt Kano.

Am 24. Februar 2004 ermordeten bewaffnete Muslime mehr als 75 Christen aus Jelwa, einer Stadt im Zentrum Nigerias, die genau zwischen dem hauptsächlich muslimischen Norden und dem größtenteils christlichen Süden des Landes liegt. Mindestens 48 der Opfer befanden sich zu dem Zeitpunkt auf Kirchengrund. Als Vergeltung umstellten bewaffnete Christen am 2. und 3. Mai die Stadt von verschiedenen Ausgangspunkten aus und töteten rund 700 Muslime. Außerdem entführten sie viele Frauen von denen einige auch vergewaltigt wurden. In dem Bericht heißt es, dass es sich auf beiden Seiten um gut organisierte Angriffe handelte und die Opfer in beiden Fällen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit angegriffen wurden.

Eine Woche später reagierten Muslime aus Kano auf die Berichte über die Bluttaten in Jelwa und griffen am 11. und 12. Mai ihre christlichen Mitbürger an. 200 Christen kamen im Verlauf dieser Unruhen ums Leben. Laut dem Bericht verschlimmerten die zur Stabilisierung der Lage ausgesandten Polizeibeamten und Soldaten die Situation noch, indem sie einfach Dutzende von Menschen ohne jede Legitimation erschossen. Augenzeugen beschrieben Human Rights Watch, dass sich darunter auch Leute befunden hätten, die mit den Unruhen überhaupt nichts zu tun hatten.

“Die nigerianische Regierung trägt eine große Mitschuld an diesen religiös motivierten Massenmorden”, erklärte Peter Takirambudde, Leiter der Afrika Abteilung von Human Rights Watch. “Als in Jelwa Hunderte von Menschen massakriert wurden ließen sich die Sicherheitskräfte nicht blicken. In Kano dagegen erschossen sie wahllos Passanten, anstatt gefährdete Einwohner zu schützen und die Täter dingfest zu machen.”

Im Bundesstaat Plateau haben sich während der letzten vier Jahren noch einige andere gewaltsame Vorfälle ereignet. Der erste geschah im September 2001 in der Stadt Dschos, wo in weniger als einer Woche rund 1.000 Menschen ihr Leben lassen mussten. In den Jahren 2002 und 2003 schwappte dann die Gewalt auch in andere Teile des Bundesstaats über. Human Rights Watch schätzt, dass sich die Zahl der Todesopfer aus den innerstädtischen Konflikten in Plateau seit 2001 insgesamt auf zwischen 2.000 und 3.000 belaufe.

“Die Zeichen standen schon lange auf Sturm”, kritisierte Takirambudde. “Aber die Regierung hat erst eingegriffen, als die Situation außer Kontrolle geriet.”

Am 18. Mai 2004, etwa zwei Wochen nach dem Massaker von Jelwa, rief Präsident Olusegun Obasanjo im Bundesstaat Plateau den Notstand aus und entließ dessen Gouverneur. Die Übergangsverwaltung rief ein ehrgeiziges Programm zur Friedenserhaltung ins Leben und schaffte es die Wogen voräufig zu glätten.

Der Notstand konnte zwar sechs Monate später, im November, aufgehoben werden, aber das Friedensprogramm scheine völlig zu stagnieren, kritisierte Human Rights Watch. Einige der während des Notstands angeregten Initiativen – vor allem die Einrichtung eines Ehrlichkeits- und Versöhnungskomitees wären bis jetzt nicht umgesetzt. Der Bericht besagt, dass man zwar Dutzende von Leuten verhaftet, aber die Verantwortlichen für die Planung und die Organisation der Gewaltsausbrüche bis jetzt noch nicht vor Gericht gestellt hätte. Das gleiche gälte für die Polizisten und Soldaten, die die wahllosen Morde in Kano begangen haben.

“Die Regierung muss noch viel mehr zur Friedenserhaltung in den betroffenen Gebieten tun”, so Takirambudde. “Die Behörden müssen eindeutige Signale senden, dass sie die Verbrecher verhaften und strafrechtlich zur Verantwortung ziehen wird. Die Tatsache, dass die Täter bisher straflos ausgegangen sind, hat die Bereitschaft zur Gewalt nur noch mehr angestachelt.”

Der Bericht enthält auch Hintergrundinformation über die Ursachen der Gewalt in Plateau. Er erklärt, wie sich zwischen ethnischen Gruppen örtliche Streitereien um politische Kontrolle, Grundbesitz und wirtschaftlichen Resourcen allmählich zu einem ausgewachsenen religiösen Konflikt entwickelten, der weit über die Grenzen des Bundesstaats hinaus geht.

“Sowohl Muslime als auch Christen haben gemerkt, dass sich unter Berufung auf die Religion eine große Anzahl von Leuten mobilisieren lässt”, erklärte Takirambudde. “Auf beiden Seiten haben Gemeindevorstände die Religiosität der Menschen auf schamlose Weise und mit katastrophalen Folgen ausgenützt.”

Laut dem neuen Bricht liege die Crux des Problems in der Unterscheidung zwischen den sogenannten “Einheimischen” – den Menschen, die sich als die ursprünglichen Bewohner des Gebietes ansehen – und denen, die von ihnen als “Siedler” bezeichnet werden. Das Konzept des einheimisch Seins werde nun ausgenutzt, um die “Siedler” zu unterdrücken.

“Die nigerianische Regierung darf die Trennung zwischen “Einheimischen” und “Siedlern” nicht länger aufrechterhalten”, forderte Takirambudde. “Solange die Unterscheidung offiziell anerkannt wird, können die Konflikte jederzeit neu ausbrechen.”

Human Rights Watch forderte die nigerianische Regierung dazu auf, die momentane Ruhe in Plateau und Kano zur die Umsetzung weiterer Maßnahmen zu nutzen, mit denen ein Wiederaufflammen des Konflikts verhindert werden kann. Vor allem müssten die nigerianischen Behörden die Hintermänner der Gewaltausbrüche ausfindig machen und zur Rechenschaft ziehen. Auch müsste es möglich werden, geeignete Sicherheitstruppen rechtzeitig in ein Spannungsgebiet zu entsenden, ohne dass diese selbst zu Gewalt greifen