Unterstützt von der sudanesischen Regierung verüben Janjaweed-Milizen auch Anschläge im Nachbarstaat Tschad. Sie greifen sowohl Dorfbewohner im Tschad als auch Flüchtlinge aus Darfur an und berauben sie, erklärte Human Rights Watch heute. Trotz eines Waffenstillstands in Darfur begehen Regierungstruppen und Janjaweed-Milizen weiterhin Schreckenstaten in der westsudanesischen Region.

Seit Anfang Juni hat Human Rights Watch mindestens sieben Übergriffe der Janjaweed-Milizen über die Grenze zum Tschad verzeichnet. Die Janjaweed überfallen Dörfer im Nachbarland genauso wie Flüchtlinge aus Darfur und stehlen Vieh. Die Bewohner der Grenzregionen im Tschad sowie in Darfur gehören den gleichen arabischen und afrikanischen Bevölkerungsgruppen an.

Inzwischen haben sich nahe der Grenze lebende Tschader in Selbstverteidigungsgruppen organisiert, um ihre Familien und ihr Vieh vor den Überfällen durch die Janjaweed zu schützen. Berichten zufolge ist es zwischen diesen Selbstverteidigungsgruppen und der Janjaweed-Miliz wiederholt zu Zusammenstößen gekommen.

„Die sudanesische Regierung trägt die volle Verantwortung für die Überfälle der Milizen im Tschad,“ meinte Jemera Rona, Sudan-Expertin von Human Rights Watch. „Die Janjaweed sind die Miliz der Regierung und die Regierung in Khartum hat sie mit Waffen versorgt und sie befähigt, in Darfur eine „ethnische Säuberung“ durchzuführen.“

Am Samstag, dem 19. Juni, ordnete der sudanesische Präsident Omar el-Bashir die Entwaffnung der Janjaweed an. Doch ein ähnliches, im Zuge des Waffenstillstandsabkommens mit den Rebellen in Darfur am 8. April gegebenes Versprechen, die Miliz zu „neutralisieren“, hat keine Verbesserungen nach sich gezogen. In den zwei Monaten seit Beginn des Waffenstillstands haben die Regierungstruppen und die Janjaweed-Milizen weiter Angriffe auf die Zivilbevölkerung in Darfur verübt und so die Zahl der zerstörten Dörfer, die sich bereits auf hunderte beläuft, und die der gewaltsam Vertriebenen, die bei einer Million Menschen liegt, erhöht.

Im Norden Darfurs überfielen die Janjaweed am 3. Juni acht Dörfer in der Jebel Mun-Region im Westen Darfurs und töteten 13 Dorfbewohner -ausschließlich Zivilisten-, von denen einige versuchten, sich mit Waffen gegen die Übergriffe zur Wehr zu setzen. Die sudanesische Regierung bombardierte daraufhin die Region. Anfang Juni bombardierten sudanesische Kampfflugzeuge auch nahe der Grenze zum Tschad gelegene Orte in Darfur, darunter Birak, wobei eine unbekannte Zahl von Menschen um Lebens kam. Ende Mai bombardierten Regierungstruppen die südlich von El Fashir gelegene Stadt Tabit in Darfur. Dabei kamen mindestens 12 Menschen auf einem Markt zu Tode.

Human Rights Watch untersuchte auch, wie die Janjaweed und die Regierungssoldaten Frauen der drei afrikanischen ethnischen Gruppen, die Ziel der ethnischen Säuberung in Darfur sind, vergewaltigten. Im Zuge der Vergewaltigungen sind die Frauen oft entmenschlichenden Beleidigungen ausgesetzt, die verdeutlichen, dass die von den Janjaweed und der Regierung gemeinsam durchgeführte Kampagne ethnisch motiviert ist. Die Vergewaltiger bezeichnen die Frauen, die hauptsächlich den Bevölkerungsgruppen der Fur, Masalit und Zaghawa angehören, als „Sklavinnen“ oder „schwarze Sklavinnen“.

„Vergewaltigung ist ein Kriegsverbrechen. Diese Frauen und Mädchen wurden bereits von ihrem Land vertrieben und nun sind sie fürchterlichen sexuellen Übergriffen ausgesetzt,“ meinte Rone.

Der Konflikt in Darfur fordert nun eine neue Gruppe von Opfern -wie z. B. Bewohner des Tschads oder vertriebene Frauen- während sich die humanitäre Krise, die eine Million von der sudanesischen Regierung und den Janjaweed vertriebene Menschen betrifft, zuspitzt. Mitarbeiter der U.S. Agency for International Development (USAID) haben gewarnt, dass 350.000 Zivilisten in den nächsten Monaten verhungern oder an Krankheiten sterben könnten, wird humanitären Hilfseinrichtungen nicht ungehinderter Zugang gewährt.

Die sudanesische Regierung hat widerwillig beschränkten Zugang für humanitäre Hilfe gewährt, doch nicht genug, um ausreichend Nahrungsvorräte für die Hunderttausende in die Region zu schaffen, die demnächst von der Notversorgung abgeschnitten sein werden. Die Regenzeit, die die trockenen Flussbette überschwemmen und den Hilfsfahrzeugen ein Verteilen der Nahrungsmittel unmöglich machen wird, hat bereits begonnen.

In der vergangenen Woche kündigte die Regierung des Tschad an, dass sie auf Grund der Angriffe der Janjaweed im Tschad ihre Vermittlerrolle in den Gesprächen in Darfur möglicherweise zurücklegen wird. Am Freitag, dem 18. Juni, beschuldigte der Sprecher von Idriss Déby, dem Präsidenten des Tschads, die Janjaweed-Milizen, ethnischen Spannungen anzuheizen, indem sie ausschließlich Mitglieder der arabischen Bevölkerung im Tschad rekrutieren. Der Sprecher des Präsidenten beschuldigte die Janjaweed ferner, die regierungsfeindliche Rebellengruppe Renewed National Front of Chad (Front National du Tchad Rénové oder FNTR), die seit 2002 untätig war, erneut zu mobilisieren.

Mitte Mai kam es im Tschad zu einem Putschversuch, von dem angenommen wird, dass er von Angehörigen der Bevölkerungsgruppe der Zaghawa im Tschad organisiert wurde, die unglücklich über Débys Zusammenarbeit mit der sudanesischen Regierung im Kampf gegen sudanesische Zaghawa-Rebellen in Darfur waren.