Frauen in der Näh-Abteilung einer Fabrik in Phnom Penh, Kambodschas Hauptstadt. Etwa 90% der Arbeiter in Kambodschas Textilindustrie sind Frauen.

© 2014 Samer Muscati/Human Rights Watch

(Berlin) – Weltweit operierende, deutsche Bekleidungs- und Schuhmarken sollen die Arbeiterrechte fördern, indem sie öffentlich machen, welche Fabriken ihre Produkte herstellen, so Human Rights Watch. Mit transparenten Lieferketten können die Unternehmen unter Beweis stellen, dass sie sich auf allen Produktionsstufen für gute Arbeitsbedingungen einsetzen.

„Deutsche Bekleidungsunternehmen sollen die Rechte und die Sicherheit der weltweit für sie arbeitenden Menschen fördern, indem sie ihre globalen Lieferketten offenlegen“, so Wenzel Michalski, Deutschland-Direktor von Human Rights Watch. „Adidas, einer der führenden deutschen Markenhersteller, veröffentlicht seit dem Jahr 2007 Listen seiner Zulieferer. Das zeigt, dass Transparenz sowohl möglich als auch erstrebenswert ist.“

In dem kürzlich veröffentlichten Bericht „‘Work Faster or Get Out‘: Labor Rights Abuses in Cambodia’s Garment Industry“ dokumentiert Human Rights Watch, dass die kambodschanische Regierung Arbeitnehmerrechte kaum durchsetzt. Deswegen ist dringend erforderlich, dass Bekleidungsunternehmen ihre Zulieferer besser beaufsichtigen und sich selbst an Standards halten. Für den Bericht untersuchte Human Rights Watch die Arbeitsbedingungen in Fabriken, die unter anderem für Adidas, Armani, Gap, H&M, Joe Fresh und Marks and Spencer produzieren.

Viele Fabriken in Kambodscha stellen immer wieder befristete Arbeitsverträge unterhalb der Zweijahresgrenze aus, um ihren Arbeitnehmern kein Mutterschaftsgeld und andere Zusatzleistungen zahlen zu müssen und um sie einzuschüchtern und zu kontrollieren. Wenn befristet angestellte Arbeitnehmer versuchen, Gewerkschaften zu gründen oder ihre Rechte durchzusetzen, laufen sie Gefahr, keinen Anschlussvertrag zu erhalten. Zahlreiche Markenhersteller gehen nicht konsequent gegen die illegalen Kurzzeitverträge ihrer kambodschanischen Zulieferer vor - auch dann nicht, wenn ihr Lieferantenkodex vorsieht, dass solche Anstellungsverhältnisse vermieden werden sollen.

Wenn die Markenhersteller die Namen ihrer Zulieferer veröffentlichen und regelmäßig aktualisieren, können ihre Lieferketten durch die Öffentlichkeit überprüft werden. Das erleichtert, die Unternehmen darauf aufmerksam zu machen, wenn die Arbeitsbedingungen in den für sie produzierenden Betrieben schlecht sind oder andere Menschenrechtsprobleme bestehen. Darüber hinaus bringt größere Transparenz ans Licht, welche Fabriken berechtigt sind, Kleidung für eine bestimmte Marke zu produzieren - und welche nicht. Manche Zulieferer schließen ohne die Zustimmung oder Kenntnis ihrer Auftraggeber Verträge mit Subunternehmern ab, deren Arbeitnehmer unter gefährlichen oder menschenrechtswidrigen Bedingungen arbeiten müssen. Transparente Lieferketten ermöglichen Monitoring-Gruppen, die Markenhersteller auf solche Missstände aufmerksam zu machen, so dass sie behoben werden können.

Wie sehr es an Transparenz fehlt, verdeutlichte am 24. April 2013 der Einsturz des Rana Plaza-Komplexes in Dhaka in Bangladesch, der mehrere Textilfabriken beherbergte. Bei dem Unglück starben mehr als 1.100 Arbeiter, Tausende wurden verletzt. In der Folge sammelten Gewerkschaften und Arbeitergruppen in den Trümmern Marken-Label der Kleidung, die in dem Komplex produziert wurde. Sie forderten, dass diese Unternehmen in einen Opferentschädigungsfonds einzahlen und weitergehende Reformmaßnahmen unterstützen. Allerdings war die mangelnde Lieferkettentransparenz ein Hauptgrund dafür, dass die Probleme in Rana Plaza bis zur Katastrophe ignoriert wurden.

Gewerkschaftler und Arbeitsrechts-Aktivisten werfen KiK, eine der führenden deutschen Bekleidungsmarken, vor, in Fabriken in Rana Plaza produziert haben zu lassen. KiK behauptete in einer Pressemitteilung vom 2. April 2014, das Unternehmen hätte keine direkten Geschäftsbeziehungen zum Zeitpunkt des Unfalls unterhalten und teilte Human Rights Watch schriftlich mit, Gelder in den Entschädigungsfond eingezahlt zu haben. Arbeitern zufolge ließ KiK auch in der Tazreen-Fabrik in Bangladesch produzieren, in der im November 2012 ein Feuer ausbrach und 117 Arbeiter tötete. Laut der Clean Cothes Campaign bestätigte KiK im Dezember 2012, dass in Tazreen Bekleidung für das Unternehmen hergestellt wurde. Im April 2013 versprach KiK zusammen mit einigen anderen Markenherstellern, Mittel für den Opferentschädigungsfond zur Verfügung zu stellen. Ein weiteres Feuer brach im September 2012 in der Ali Enterprises-Fabrik im pakistanischen Karachi aus, dort starben 262 Menschen. Die Angehörigen dieser Opfer haben KiK vor deutschen Gerichten auf Schadensersatz verklagt, weil für das Unternehmen dort zum Zeitpunkt des Unglücks Bekleidung produziert worden sei.

Die Bekleidungsunternehmen sollen anerkennen, dass transparente Lieferketten es Gewerkschaften und Arbeitnehmerrechtsaktivisten ermöglichen, auf unsichere Arbeitsbedingungen und mögliche Probleme in den Produktionsstätten aufmerksam zu machen. Darüber hinaus sollen die Markenhersteller eine Reihe weiterer Maßnahmen ergreifen, um die Arbeiterrechte und die Sicherheit in ihren Zulieferfabriken zu verbessen. Dazu zählt, die Verwendung von Kurzzeitverträgen einzudämmen, physischer und sexueller Misshandlung vorzubeugen und gewerkschaftsfeindlichen Praktiken entgegenzutreten. Viele Markenhersteller haben Verhaltenskodizes, die Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in ihren Zulieferfabriken verbieten. Allerdings überprüfen sie die Bedingungen vor Ort nicht ausreichend und gewährleisten nicht, dass ihre Regeln dort eingehalten werden.

Unter den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sind Unternehmen dafür verantwortlich, „negative Auswirkungen auf die Menschenrechte zu verhindern oder abzumildern, die durch ihre Geschäftsbeziehungen in direkter Verbindung stehen mit ihren Geschäften, Produkten oder Dienstleistungen, auch dann, wenn sie zu diesen Auswirkungen nicht aktiv beigetragen haben“. Weiter wird in den Leitprinzipien betont, dass „Wirtschaftsunternehmen überall, wo sie feststellen, dass sie negative Auswirkungen verursacht oder zu ihnen beigetragen haben, durch legitime Prozesse für Widergutmachung sorgen oder diese unterstützen sollen“.

„Deutsche Bekleidungsunternehmen können ein Zeichen setzen, indem sie von ihren Zulieferern weltweit fordern, Arbeiterrechte zu wahren und ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das internationalen Sicherheitsstandards entspricht“, sagt Michalski. „Auch die deutschen Verbraucher können einen Beitrag leisten, indem sie die Markenhersteller auffordern, offenzulegen, wo und unter welchen Bedingungen ihre Produkte hergestellt werden. Nur so können wir fundierte Kaufentscheidungen treffen.“