Ein Standbild aus einem YouTube Video, das von IS veröffentlicht wurde, zeigt ein zum Teil begrabenes Opfer einer Hinrichtung nahe des Wasserpalasts in Tikrit.

(Arbil) – Neue Beweise über Hinrichtungen durch den Islamischen Staat (IS) in Tikrit, nachdem die Stadt im Juni 2014 eingenommen worden war, belegen eine dreimal höhere Opferzahl und zeigen weitere Hinrichtungsorte.

Informationen von einem Überlebenden sowie Video- und Satellitenbildanalysen haben bestätigt, dass an drei weiteren und damit insgesamt fünf Stätten Massenhinrichtungen stattgefunden haben. Insgesamt starben zwischen 560 und 770 Männer, alle oder die meisten offensichtlich Soldaten der irakischen Armee, die gefangengenommen worden waren.

„Dies ist ein weiteres Teil dieses grausamen Puzzles, in dem nun viele weitere Exekutionen bestätigt sind”, so Peter Bouckaert, Leiter der Abteilung für Krisenregionen von Human Rights Watch. „Die Barbarei des Islamischen Staates verletzt jegliches Gesetz und ist ein massiver Angriff gegen das soziale Gewissen.“

Kämpfer des Islamischen Staates, früher bekannt als Islamischer Staat im Irak und Sham (ISIS), haben zwischen 160 und 190 Männer an den zwei Hinrichtungsorten getötet, die Human Rights Watch vor einiger Zeit indentifiziert hat. Die Zahl der Todesopfer wird sich wahrscheinlich noch erhöhen, da immer wieder neue Beweismittel auftauchen.   

Kämpfer des Islamischen Staates haben am 11. Juni Tikrit unter ihre Kontrolle gebracht. Am nächsten Tag gaben sie bekannt, 1.700 „schiitische Armeeangehörige“ hingerichtet zu haben. Auf Videos zeigten sie Hunderte gefangene Männer in zivil, die sich angeblich nahe des irakischen Militärlagers „Speicher“ ergeben hätten. 

In den sozialen Medien wurden später Fotos gepostet, die IS-Kämpfer zeigen, die Gefangene in zivil auf Lastwagen heben und sie zwingen, sich in drei flache Gräben mit gebundene Händen zu legen. Einige Bilder zeigen maskierte Bewaffnete, die auf diese Männer schießen.

Die Analyse von Satellitenbildern und Fotos, die zum damaligen Zeitpunkt zugänglich waren, hat Human Rights Watch am 27. Juni zu dem Schluss geführt, dass zwei der Gräben in einem Feld 100 Meter nördlich des Wasserpalasts in Tikrit lagen. Wo sich der dritte Graben befand, konnte nicht festgestellt werden.

Nach der Analyse von einem kürzlich vom Islamischen Staat veröffentlichten Video mit der Hinrichtung von Gefangenen und Satellitenbildern konnte Human Rights Watch drei neue Hinrichtungsorte aus der damaligen Zeit identifizieren. Es wurden zwischen 285 und 440 weitere Opfer gezählt. Zwei der Hinrichtungsorte konnten durch die Bilder und Augenzeugenberichte identifiziert werden. Über den dritten Ort gibt es nur ungefähre Angaben von einem Überlebenden.

Der größte der drei neu identifizierten Hinrichtungsorte ist eine Betonplatte an der nördlichen Seite des Saladdin Al Ayubi-Gebäudes, das innerhalb des Präsidentenpalasts von Tikrit liegt. Videobilder, die mit Satellitenbildern verglichen wurden, weisen darauf hin, dass zwischen 250 und 400 Männer am 12. oder 13. Juni gegen 9:30 Uhr an diesem Ort hingerichtet wurden. Satellitenbilder vom 16. Juni zeigen keine Leichen wie in dem Video, aber es sind offensichtlich Blutflecken auf dem Beton sichtbar, die vermutlich von der Massenhinrichtung stammen.

Auf den Satellitenbildern ist auch zu sehen, dass Erdbaugerät auf einem Feld nahe der Betonplatte eingesetzt wurde. Die Analyse von Human Rights Watch hat auch ergeben, dass an verschiedenen Orten Erde ausgehoben wurde, was für Massengräber spricht.

Der zweite neu identifizierte Hinrichtungsort war bei dem Gebäude der Wasserpolizei nahe der Brücke der Straße 24. Videoaufzeichnungen der Hinrichtungen zeigen Kämpfer des Islamischen Staates, wie sie am 12. Juni mit Pistolen an diesem Ort  mindestens 25 bis 30 Männer zwischen 18:30 und 19 Uhr hinrichten und die Leichen in den Tigris werfen. Insgesamt düfte die Zahl der Opfer höher liegen.

Ali, ein 23-jähriger Überlebender einer der Hinrichtungen, berichtete Human Rights Watch, dass er am 12. Juni mit Tausenden anderen Männern gefangengenommen wurde, als sie auf der Hauptstraße aus dem Militärcamp „Speicher“ fliehen wollten. Andere Soldaten und Offiziere hatten ihnen geraten, zivile Kleidung zu tragen, um von den Kämpfern des Islamischen Staates nicht entdeckt zu werden.   

Videoaufzeichnungen des Islamischen Staates unterstützen die Zeugenaussagen, dass Tausende gefangene Männer nach Tikrit geführt und dabei von IS-Kämpfern begleitet wurden. Ali lief am Anfang der Gruppe und berichtete Human Rights Watch, dass eine Gruppe von etwa 100 IS-Kämpfern die gefangenen Männer nahe der Universität von Tikrit stoppten. Ihnen wurde gesagt, dass sie unversehrt nach Hause zurückgebracht würden.

Stattdessen nahmen die IS-Kämpfer den Männern ihre Mobiltelefone und ihr Geld ab und wurden zu einem, wie Ali sagte, palastartigen Gebäude gebracht. Dort wurde er mit 100 anderen Festgenommenen, von denen zwei wegen der Enge und glühenden Hitze starben, für sechs Stunden in einen Transportkontainer gesteckt. Ali berichtete, dass der IS ihn und andere um 17 Uhr aus dem Kontainer ließ, sie in kleinere Gruppen unterteilte und jede Gruppe an einen anderen Ort gebracht wurde.

Er war in einer Gruppe mit neun anderen Männern und hörte Gewehrfeuer von anderen Hinrichtungsstätten, auch in der Nähe des Gebäudes der Wasserpolizei. Die Kidnapper des IS banden seine Hände und die Händ anderer Gefangener hinter ihren Rücken zusammen und bedeckten ihre Augen. Dann mussten sie sich vornüber beugen. Jeder Mann hielt das T-Shirt des vor ihm stehenden mit den Zähnen fest, und so marschierten sie dann zum Ufer des Tigris. Dann mussten sich jeweils zehn Männer aufstellen und wurden mit einer Pistole erschossen, einer nach dem anderen. Ali sah unter seiner Augenbinde den Mann neben sich voller Blut zu Boden fallen. Doch er wurde irgendwie nicht getroffen. So ließ er sich zu Boden fallen, stellte sich bis zum Einbruch der Dunkelheit tot und konnte in der Dunkelheit fliehen.

Zudem zeigt das kürzlich vom Islamischen Staat veröffentlichte Video mindestens zwei bis jetzt noch nicht bekannte Exekutionen am Wasserpalast mit zwischen 115 und 140 Toten. Damit wurden vom Islamischen Staat auf der Basis seiner eigenen Videoaufzeichnungen mindestens zwischen 235 und 285 Männer an diesem Ort hingerichtet. Die tatsächliche Zahl der Opfer könnte jedoch weit größer sein. Der Islamische Staat hat bekanntlich mindestens vier getrennte Massenexekutionen am Wasserpalast durchgeführt.

Das von Human Rights Watch untersuchte Beweismaterial bestätigt offensichtlich auch die Existenz eines Massengrabs am Wasserpalast mit mindestens 35 bis 40, doch wahrscheinleich mit 235 bis 285 Leichen durch IS-Hinrichtungen.

Das jetzt vom Islamischen Staat veröffentlichte Video weist auch darauf hin, dass IS-Kämpfer nach jeder Hinrichtung Planierraupen benutzt haben, um die Leichen unter Erdhügeln zu bedecken, bevor die nächste Gruppe zu dem Ort gebracht wurde. In einem Fall zeigt das Video, dass IS 40 bis 45 Männer erschoss, als sie sich an das Massengrab anderer getöteter Gefangener lehnten, die von IS davor erschossen und etwa eine Stunde vor der Aufnahme mit Erde bedeckt worden waren. In einer Videosequenz ist der Torso des Opfers einer früheren Exekution sichtbar, der aus dem Boden ragt.

Weitere Orte, Fahrzeuge und gefangene Männer, die in den IS-Videos gezeigt werden, lassen vermuten, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigen wird, wenn neue Beweise vorliegen und analysiert worden sind.