Frauen stehen an einer Quelle außerhalb von Harare für Wasser an. Das Trinkwasser- und Abwassersystem in Zimbabwe ist infolge der Wirtschaftskrise zusammengebrochen.

© 2007 Dirk-Jan Visser

„Nachdem sie mich ausgepeitscht und mit einer Eisenstange geschlagen hatten, wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte und dass ich fort musste, um zu überleben. Also kam ich nach Südafrika”, erzählte eine Frau namens Grace dem Human Rights Watch-Mitarbeiter Gerry Simpson, der die Probleme der zimbabwischen Flüchtlinge in Südafrika untersucht.

Grace gehört zu den schätzungsweise 1,5 Millionen Zimbabwern, die in den letzten Jahren über die Grenze geflohen sind, weil ihr Land in eine wirtschaftliche Katastrophe und eine Phase grausamer politisch motivierter Gewalt stürzte. Zimbabwe leidet unter einer Inflationsrate von über 100.000 Prozent, einer Arbeitslosenquote von 80 Prozent und einer Choleraepidemie. Neben häufigen Morden und Festnahmen kam es im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen 2008 auch zur Folter Hunderter Oppositioneller.

Grace ist 43 Jahre alt und gezeichnet von den Strapazen ihrer Vergangenheit. Sie floh vor drei Jahren, als die Regierung im Rahmen der so genannten Operation „Weg mit dem Schmutz“ ihr Haus und weitere 700.000 Wohnungen in der Hauptstadt Harare abreißen ließ. Grace, ihre Mutter und ihre Tochter verloren alles, was sie hatten. Sie wurden verhaftet, mussten Geldstrafen bezahlen und wurden von der Polizei verprügelt. Schließlich flohen sie nach Südafrika.

„Wir trafen Menschen, die vor einem Albtraum geflohen waren und in Südafrika auf Ablehnung stießen“, so Simpson. „Zimbabwer bekamen weder Arbeitserlaubnis noch Unterkunft. Viele waren HIV-positiv, hatten aber keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Sie lebten unter erschütternden Bedingungen.“ Simpsons Ermittlungen ergaben, dass jede Woche etwa 5.000 Zimbabwer, die in Südafrika keinen Rechtsstatus besitzen, nach Zimbabwe abgeschoben wurden. Viele von ihnen stünde eigentlich der Flüchtlingsstatus zu.

Simpson traf Grace in einer Methodistenkirche in Johannesburg, wo sie mit 1.300 weiteren Flüchtlingen in großer Enge lebte. „Hunderte Menschen, darunter Frauen und Kinder, schliefen auf Treppen, lebten unter schrecklichen unhygienischen Bedingungen und in der ständigen Angst, von den Behörden abgeschoben zu werden“, so Simpson. „In dieser Kirche zeigte sich nicht nur das Elend dieser schutzlosen Menschen, sie war auch ein Symbol für die Hunderttausenden Zimbabwer, die vor der Unterdrückung fliehen, in Südafrika um ihr Überleben kämpfen und deren Schicksal niemanden zu interessieren scheint.“

Drei Monate später räumte die südafrikanische Polizei die Kirche und verhaftete ca. 800 Menschen. Im Mai 2008 starben mindestens 62 Menschen bei Gewaltakten gegen Ausländer (aber auch gegen Südafrikaner) in vielen Landesteilen. Die Gewalt forderte zudem 670 Verletzte und zwang Zehntausende Ausländer zur Flucht aus Südafrika.

In dieser Atmosphäre veröffentlichte Human Rights Watch seinen Bericht „Neighbors in Need: Zimbabweans Seeking Refuge in South Africa“. Dieser empfahl den Behörden, den Zimbabwern zu erlauben, in Südafrika zu bleiben, so lange sie in Zimbabwe um Leib und Leben fürchten mussten.
Dies war der Wendepunkt.

Nachdem Simpson dem UN-Hochkommissar für Flüchtlinge (UNHCR) eine vorläufige Fassung des Berichts vorgelegt hatte, erneuerte das Kommissariat seinen Appell an Südafrika, die Abschiebungen nach Zimbabwe zu beenden. Der UNHCR schloss sich auch der Einschätzung von Human Rights Watch an, dass zimbabwische Flüchtlinge in Südafrika als unfreiwillige Wirtschaftsflüchtlinge gelten und dass die Massenräumungen, die Grace zur Flucht zwangen, eine legitime Grundlage für die Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus sind. Wie von Human Rights Watch gefordert, gab der UNHCR diesen Standpunkt auch in Schulungen an sein Personal für Südafrika weiter.

Human Rights Watch hatte die Regierung aufgefordert, Inhaftierungen und Abschiebungen potentieller Asylbewerber ohne gesetzliche Grundlage zu unterbinden, die sich auf dem Weg zu den Meldebüros für Flüchtlinge Hunderte Kilometer hinter der Grenze befinden. Daraufhin eröffneten die südafrikanischen Behörden ein zusätzliches Meldebüro an der Grenze, so dass Zimbabwer unmittelbar nach ihrer Ankunft in Südafrika Asyl beantragen können. Die hohe Anzahl von Anträgen, die seit der Eröffnung des Zentrums im Juli 2008 eingereicht wurden, belastete das südafrikanische Asylsystem bis an die Grenzen. Dies veranlasste die Regierung auch auf den Ruf von Human Rights Watch nach umfassenden Schutzmaßnahmen für Zimbabwer in Südafrika zu reagieren.

Am 3. April 2009 kündigte die südafrikanische Regierung an, sie werde Sondergenehmigungen ausgeben, die zimbabwischen Flüchtlingen erlauben, sechs bis zwölf Monate legal in Südafrika zu bleiben. Damit werden bis zu 1,5 Millionen Menschen von der Angst vor Gewalt, Verhaftung und Abschiebung befreit. Grace und viele andere, die sich in einer ähnlichen Notlage befinden, können nun legal arbeiten, ihre Kinder zur Schule schicken und haben Anspruch auf grundlegende medizinische Versorgung.