Die zehn von Human Rights Watch befragten Kinder arbeiteten 12 bis 14 Stunden pro Tag in den Gerbereien, also deutlich mehr als die in Bangladesch für Jugendliche erlaubten 5 Stunden täglich; Dhaka, Juni 2012.

© 2012 Arantxa Cedillo für Human Rights Watch

Arbeiter in zahlreichen Gerbereien im Hazaribagh-Viertel in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, unter ihnen auch elfjährige Kinder, erkranken, weil sie gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sind, oder werden durch Unfälle am Arbeitsplatz schwer verletzt, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Die Gerbereien, die Leder für Luxusprodukte im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar exportieren, verschmutzen die umliegenden Gemeinden mit Schadstoffen.

Der Bericht „Toxic Tanneries: The Health Repercussions of Bangladesh’s Hazaribagh Leather” dokumentiert, wie Arbeiter in den Gerbereien unter Gesundheitsproblemen leiden und gefährlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind. Diese trifft Männer gleichermaßen wie Frauen. Sie leiden u.a. an Haut- und Atemwegserkrankungen, die durch Chemikalien verursacht werden, und verlieren durch Unfällen an gefährlichen Gerbereimaschinen Arme und Beine. Die überwiegend arme Bevölkerung des Hazaribagh-Viertels klagt wegen der Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung über Erkrankungen wie Fieber, Hautkrankheiten, Atemprobleme und Durchfall. Die Regierung hat bisher nichts unternommen, um das Recht der Arbeiter und Anwohner auf Gesundheit zu schützen, und hat darüber hinaus die Anordnungen des Obersten Gerichtshof ignoriert, die Gerbereien säubern zu lassen.

„Die Gerbereien in Hazaribagh lassen schädliche Chemikalien einfach in die Umgebung abfließen”, so Richard Pearshouse, Experte für Gesundheit und Menschenrechte von Human Rights Watch. „Während die Regierung untätig zusieht, erkranken Anwohner und Arbeiter, weil sie tagtäglich schädlichen Chemikalien ausgesetzt sind.”

Regierungsbeamte berichteten Human Rights Watch, dass Umwelt- und Arbeitsrecht im Fall der Gerbereien in Hazaribagh nicht durchgesetzt würden. Diese Gerbereien machen etwa 90 Prozent der landesweiten Gerbereien aus und beschäftigen ca. 15.000 Arbeiter.

Ein hoher Beamter aus Bangladeschs Umweltministerium sagte: „Wir tun nichts für Hazaribagh.” Die Untätigkeit der Regierung ist das Ergebnis einer de-facto Übereinkunft des Umweltministeriums, geltende Umweltschutzgesetze in Hazaribagh nicht durchzusetzen, während die Regierung plant, die Gerbereien an einen anderen Ort zu verlegen. Zudem leidet die Gewerbeaufsichtsbehörde an schlechter Personalausstattung und ist sehr um gute Beziehungen mit dem Management der Firmen interessiert. Nach internationalen Standards muss die Regierung jedoch ernsthafte Schritte unternehmen, um das Recht auf Gesundheit der Menschen in Bangladesch zu schützen.

Englisches Youtube-Video zum Thema:

In den vergangenen zehn Jahren ist der Export von Leder aus Bangladesch um jährlich etwa 41 Millionen US-Dollar gestiegen. Zwischen Juni 2011 und Juli 2012 hat Bangladesch Leder und Lederwaren, wie beispielsweise Schuhe, im Wert von etwa 663 Millionen US Dollar exportiert. Das Leder wird in etwa 70 verschiedene Länder weltweit geliefert, hauptsächlich jedoch nach China, Südkorea, Japan, Italien, Deutschland, Spanien und in die USA.

Jahaj, 17, hat in einer Gerberei gearbeitet, seit er 12 war. Er leidet heute unter Asthma, Hautausschlägen,JuckreizundVerätzungen. Jahaj klagte besonders über die Arbeit in den Gruben, in denen die Tierhäute aufbewahrt und mit verdünnten Chemikalien behandelt werden.

„Das Wasser in den Gruben brennt, wenn ich es mit der bloßen Haut berühre“, sagte er. „Aber wenn ich Hunger habe, spielt Säure keine Rolle.- Ich muss essen.“

Arbeiter berichteten Human Rights Watch das viele Gerbereien weder angemessene Schutzausrüstung bereitstellen noch ausreichend ausbilden, um mit den gefährlichen Chemikalien und alten Maschinen sicher zu arbeiten. Manche Unternehmensleiter verweigern bei der Arbeit erkrankten oder verletzten Angestellten sogar Krankentage und Entschädigungszahlungen und verletzen damit nationales Gesetz.

Human Rights Watch hat Kinder, die in Gerbereien arbeiten, interviewt, einige darunter im Alter von nur elf Jahren. Sie mussten gefährliche Arbeiten verrichten, wie das Einweichen von Tierhäute in Chemikalien, das Zurechtschneiden gegerbter Häute mit Rasierklingen oder das Bedienengefährlicher Gerbereimaschinen.Das Abflusswasser, das von den Gerbereien in Hazaribaghs offene Kanalisation und damit später in Dhakas Hauptfluss geleitet wird, ist unter anderem mit Tierfleisch, Schwefelsäure, Chrom und Blei verschmutzt. Die Regierung schätzt, dass in Hazaribagh täglich etwa 21.000 m3 ungefilterten Abwassers austreten.

Regierungsbeamte und Repräsentanten der Gerbereiindustrie berichteten Human Rights Watch, dass keine einzige Gerberei in Hazaribagh ein Anlage besitzt, um die Abwasser zu filtern, die teilweise das tausendfache der erlaubten Schadstoffmenge beinhaltet.

Seit 2001 übergeht die Regierung einen Beschluss des Obersten Gerichtshofs, der die Gerbereien in Hazaribagh verpflichtet, wirksame Abfallentsorgungsanlagen zu errichten. Die Regierung hatte außerdem zunächst eine Verlängerung der Frist veranlasst, bis die Gerbereien aus Dhaka verlegt werden müssen; diese spätere Frist verstrich jedoch auch, ohne dass es zu einer Veränderung kam. Der Regierungsplan, die Gerbereien bis 2005 ins Umland Dhakas zu verlegen, ist bisher immer wieder an bürokratischen Hürden gescheitert. Gleichzeitig erhalten zwei der größten Gerbereien Dhakas sogar noch höhere Entschädigungszahlungen für die geplante Umsiedlung, als zunächst von der Regierung beschlossen.

„Die Gerbereien in Hazaribagh agieren praktisch in einer rechtsfreien Zone, und die Regierung lässt eine Frist nach der anderen verstreichen, anstatt das  Problem zu lösen“, so Pearshouse. „Ausländische Unternehmen, die Leder aus Hazaribagh importieren, sollen sicherstellen, dass ihre Zulieferer nicht Gesundheits- und Arbeitsschutzrecht verletzen oder die Umwelt verschmutzen.“