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Griechenland: Mögliche Bleivergiftungsgefahr in neuem Flüchtlingslager

Boden prüfen, Schießplatz räumen

Im Lager Mavrovouni beobachtet ein syrisches Mädchen, wie das griechische Militär nach nicht explodierter Munition sucht, nachdem sie und tausende andere Migranten bereits auf das Gelände gezogen sind. © 2020 Privat

(Athen, 8. Dezember 2020) - In einem neuen Flüchtlingslager, das griechische Behörden auf einem umfunktionierten militärischen Schießplatz auf der Insel Lesbos errichtet haben, sind Tausende Asylsuchende, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, UN-Mitarbeiter sowie Mitarbeiter der EU und Griechenlands möglicherweise dem Risiko einer Bleivergiftung ausgesetzt, so Human Rights Watch.

Schießplätze sind häufig mit Blei aus Munition kontaminiert, dennoch haben die Behörden vor der Umsiedlung der Migranten im September 2020 keine umfassenden Bleitests oder Bodensanierungen durchgeführt. Die von den Migranten zusammengetragenen Beweise zeigten zudem, dass die Behörden es versäumt haben, alle nicht detonierten Mörserprojektile und scharfe Kleinwaffenmunition zu beseitigen. Diese könnten bei Erschütterung oder Berührung verletzen oder töten.

„Tausende Migranten, sowohl Erwachsene als auch Kinder, zusammen mit Helfern auf einen ehemaligen Schießplatz zu bringen, ohne vorab sicherzustellen, dass sie dort keinem giftigen Blei ausgesetzt sind, ist unverantwortlich“, sagte Belkis Wille, leitende Krisen- und Konfliktforscherin bei Human Rights Watch. „Die griechischen Behörden sollten umgehend eine umfassende Prüfung der Bleiwerte im Boden durchführen und die Ergebnisse veröffentlichen.“

Im November und Anfang Dezember befragte Human Rights Watch vier im Lager lebende Personen, zwei Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, einen Mitarbeiter des griechischen Migrationsministeriums, der im Lager arbeitet, sowie vier medizinische Sachverständige und Umweltexperten. Forscher prüften zudem einschlägige Fachliteratur zu den Risiken einer Bleiverunreinigung des Bodens auf Schießständen und medizinische Forschungsliteratur zu den Gesundheitsrisiken einer Bleivergiftung. Human Rights Watch konnte keine Recherchen vor Ort durchführen, analysierte jedoch Fotos und Videos des Standorts und Satellitenbilder, um die Lage des Schießstands zu bestätigen.

Das Ministerium für Migration und Asyl begann Ende November mit umfangreichen Bauarbeiten in dem Lager, das Mavrovouni genannt wird. Diese Arbeiten könnten bleiverseuchten Boden aufwühlen und die Menschen, die in dem Lager leben oder arbeiten, einem noch größeren Risiko aussetzen. Die Arbeiten zur Verbesserung des Zugangs zu Elektrizität und Wasser und zur Verringerung des Überschwemmungsrisikos wurden aufgenommen, obwohl Human Rights Watch vor einem potentiell erhöhten Risiko von Bleivergiftungen gewarnt hatte.

Anfang September brachen im Lager Moria, dem Aufnahme- und Identifizierungszentrum auf Lesbos, in dem 12.767 Migranten, vor allem Frauen und Kinder, lebten, mehrere große Brände aus. Innerhalb weniger Tage errichteten die Behörden Mavrovouni (auch bekannt als das neue Kara Tepe) als provisorisches Lager und teilten den Menschen mit, dass sie mit dem Bau eines neuen permanenten Lagers beginnen würden, das bis Juni 2021 fertig werden sollte. Medienberichten zufolge hat der Minister für Migration und Asyl, Notis Mitarachi, kürzlich mitgeteilt, dass dieses neue Lager erst im Herbst 2021 fertiggestellt wird. Zurzeit hielten sich 7.517 Menschen, vor allem aus Afghanistan und Syrien, in Mavrovouni auf. Der ehemalige Schießplatz wurde 1926 errichtet und war bis zum Bau des Lagers im September 2020 in Betrieb, so Mitarachi.

Auf schriftliche Anfragen von Human Rights Watch erklärte Mitarachi in einem Brief vom 19. November, dass es in dem Lager „keine Bleiverunreinigung“ gebe. Beweise für diese Behauptung legte er nicht vor. Er sagte, die Regierung habe sich bereit erklärt, innerhalb eines Monats gemeinsam mit der Europäischen Kommission Bodenuntersuchungen durchzuführen. Er machte jedoch weder Angaben zur Art der Untersuchungen noch zu den betroffenen Gebieten oder der Methodik. Ein Vertreter der griechischen Armee rief am 1. Dezember bei Human Rights Watch an und erklärte seine Absicht, auf einen am 4. November erhaltenen Brief zu antworten, in dem Human Rights Watch dringende Bedenken geäußert hatte. Bislang blieb eine solche Antwort jedoch aus. Am 6. Dezember rief der Sonderbeauftragte der Regierung für die Erstaufnahme von Asylsuchenden, Manos Logothetis, Human Rights Watch an und bestritt das Risiko einer Bleiverseuchung im Lager. Er bestätigte, dass keine Bodenuntersuchungen auf Blei stattgefunden hatten, bevor die Menschen in das neue Lager verbracht wurden, gab jedoch an, dass die Behörden auf die Ergebnisse der Bodenuntersuchungen warteten, die kürzlich in Zusammenarbeit mit dem griechischen Institut für Geologie und Mineralienexploration (IGME) durchgeführt wurden.

Ein intaktes 60-mm-Mörsergeschoss, das Migranten in Mavrovouni nach ihrem Umzug in das Lager fanden. Das Geschoss kann explodieren, wenn es bewegt wird. © 2020 Privat

„Niemand taucht da einfach so ohne einen Plan auf“, so Dr. Gordon Binkhorst, Vizepräsident für globale Programme bei Pure Earth, gegenüber Human Rights Watch. „Einen vorab erstellten, fundierten Arbeitsplan offenzulegen, ist der Schlüssel zu Transparenz und zur Gewährleistung des Vertrauens in die Ergebnisse.“ Die griechischen Behörden sollten unabhängigen Experten die Möglichkeit geben, zu den Arbeitsplänen für die Untersuchungen Stellung zu nehmen, den Prozess der Bodenuntersuchung zu prüfen und Proben für unabhängige Tests zu sammeln.

„Die Behörden sollten eine Dokumentation der bereits abgeschlossenen Arbeiten und einen umfassenden Arbeitsplan für die Untersuchung des Standorts offenlegen. Der muss auf einer Überprüfung der Geschichte des Standorts und der bedenklichen
Schadstoffe basieren, ebenso wie auf einem konzeptuellen Modell, wie diese Schadstoffe in die Umwelt freigesetzt und von dieser aufgenommen werden, und einem umfassenden Testplan, der den Grad und das Ausmaß der Kontamination sowie potenzielle Expositionswege bewertet“, sagte Dr. Binkhorst.

Schießplätze sind bekannt für Bleiverunreinigungen, da Projektile, Schrot und Hülsen Blei enthalten und in den Boden gelangen. Blei im Boden aus Geschossrückständen kann wiederum leicht in die Luft gelangen, insbesondere unter trockenen und windigen Bedingungen, wie sie auf Lesbos häufig anzutreffen sind. Blei ist ein Schwermetall, das für Menschen hochgiftig ist, wenn es eingenommen oder eingeatmet wird. Kinder und Schwangere sind hierbei besonders gefährdet. Blei baut sich nur sehr langsam ab, so dass betroffene Orte jahrzehntelang gefährlich bleiben können.

Laut der Weltgesundheitsorganisation gibt es keinen Grenzwert, bis zu dem eine Bleiexposition unschädlich ist. Erhöhte Bleikonzentrationen können die neurologischen, biologischen und kognitiven Funktionen des Körpers beeinträchtigen. Sie können zu Lernschwierigkeiten oder Behinderungen, Verhaltensproblemen, Wachstumsstörungen, Anämie, Hirn-, Leber-, Nieren-, Nerven- und Magenschäden, Koma und Krämpfen und sogar zum Tod führen. Blei erhöht auch das Risiko einer Fehlgeburt und kann sowohl über die Plazenta als auch über die Muttermilch aufgenommen werden.

Kleinkinder und Frauen im reproduktionsfähigen Alter sind besonders gefährdet. Nach Angaben der griechischen Behörden waren am 19. November 2.552 der 7.517 Personen im Lager Kinder, 997 davon unter 5 Jahren, und 1.668 Frauen - 118 von ihnen gaben an, mindestens im fünften Monat schwanger zu sein.

Bewohner des Lagers stellten 17 Fotos von Gegenständen zur Verfügung, die sie nach eigenen Angaben im Boden um ihre Zelte herum gefunden hatten, darunter ein intaktes 60mm-Mörsergeschoss und eine Heckflosseneinheit eines weiteren 60mm-Mörsergeschosses, Patronenhülsen von Gewehrkugeln, abgefeuerte Schrotflintenpatronen der Kaliber 12 sowie scharfe Pistolen-, Gewehr-, Maschinengewehr- und Schrotflintenmunition. Intakte Munition, wie z.B. 60mm-Mörsergeschosse und Kleinwaffenmunition, stellt eine unmittelbare Detonationsgefahr dar und sollte dringend aus dem Gebiet entfernt werden.

„Wir versuchen, unsere Kinder davon abzuhalten, auf dem Hügel zu spielen, weil wir wissen, dass dort Kugeln und andere Dinge sind, die die Armee nicht entfernt hat und die gefährlich sein können“, so ein Bewohner des Lagers. Bleihaltige Munition kann extrem gefährlich sein, wenn sie von Kindern verschluckt wird oder den Boden verunreinigt, sagte ein medizinischer Experte gegenüber Human Rights Watch.

Die Behörden sollten eine gründliche und transparente Untersuchung der Bleiwerte im Boden und im Staub sowie anderer möglicher Quellen durchführen und die Ergebnisse öffentlich zugänglich machen. Alle Arbeiten, die die Gefahr eine Aussetzung erhöhen, sollten gestoppt werden, bis der Boden getestet wurde oder bis die Menschen aus dem Lager gebracht und in geeigneten Einrichtungen untergebracht werden, so Human Rights Watch. Wenn Blei im Boden vorhanden ist, sollten die Behörden kostenlose Bluttests und Behandlungen für die Bewohner des Lagers, Helfer, Polizisten und andere Personen, die möglicherweise betroffen sein könnten, anbieten. Kleinen Kindern und Frauen im reproduktiven Alter sollte Vorrang gewährt werden. Die exponierten Bewohner sollten unverzüglich an einen sicheren Ort gebracht und die kontaminierten Gebiete saniert werden.

„Die griechische Regierung könnte Familien mit kleinen Kindern, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und ihre eigenen Angestellten gefährden, nur weil sie entschlossen ist, Asylsuchende auf Lesbos festzuhalten“, sagte Wille. „Wenn die Regierung versucht, Asylsuchende dazu zu zwingen, dort zu leben, dann ist das ein Grund mehr, die Menschen aufs Festland zu bringen.“

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