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Irak: Koalition ignorierte Hinweise über Waffenlager

Human Rights Watch hat die durch die USA geführten Koalitionstruppen im Irak mehrmals ausdrücklich auf riesige ungesicherte Sprengstoff- und Munitionslager, die sich an verschiedenen Stellen im ganzen Land befanden, hingewiesen. Trotzdem unternahm die Koalition so gut wie nichts, um diese Lagerbestände zu sichern. Im Mai 2003 lieferte Human Rights Watch den amerikanischen und britischen Truppen konkrete Daten, unter anderem genaue GPS-Koordinaten, über ungesicherte Waffenlager in der Nähe von Bagdad und Basra.

„Direkt nach dem Fall von Bagdad fanden unsere Experten Unmengen an Waffen- und Sprengstofflagern überall im Irak,“ erklärte Kenneth Roth, Direktor von Human Rights Watch. „Als wir die Koalitionstruppen darüber in Kenntnis setzten, teilte man uns mit, man verfüge nicht über genügend Truppen, um die betroffenen Gebiete zu sichern.“

Am 9. Mai 2003 fand ein Mitarbeiter von Human Rights Watch große Mengen an Sprengköpfen, Panzerabwehrminen, Antipersonenminen sowie andere Waffen in der nicht gesicherten zweiten Militärhochschule, die sich an der Hauptstraße zwischen Bagdad und Bakuba befinden. Unter den Waffen fanden sich Hunderte von hochexplosiven „surface-to-surface“ Sprengköpfe. Diese werden mit dem ASTROS-Raketenwerfer abgefeuert – wobei allein eine dieser Maschinen 26 kg hochexplosives Sprengstoffmaterial fasst. Das Waffenlager war zu diesem Zeitpunkt schon teilweise geplündert.

Der Human Rights Watch Mitarbeiter machte der Provisorischen Behörde der Koalition in Bagdad umgehend Mitteilung von den Waffenlagern, da er um die Sicherheit der vertriebenen Personen in der Militärhochschule besorgt war. Er zeigte dabei die offiziellen Militär-Fotos von den Waffen, gab die genauen Koordinaten der Fundstelle an und präzisierte den Ort auf einer militärischen Karte. Mehrmals kehrte der Mitarbeiter in den folgenden Tagen in die „Grüne Zone“ zurück, um die fortschreitenden Plünderungen zu melden, aber die US-Koalitionstruppen taten nichts, um die Lager zu sichern.

Heute ist die Straße zwischen Bagdad und Bakuba eine der gefährlichsten Routen für Koalitionstruppen und irakische Sicherheitskräfte: Kontinuierlich werden die Truppen in dieser Gegend mit sogenanntem improvisierte Sprengstoffvorrichtungen (“improvised explosive devices” (IEDs)) angegriffen. Zwischen 25 und 200 kg hochexplosiven Sprengstoffes kommen bei Selbstmordkommandos und den IEDs zum Einsatz.

Die US-Truppen sind aber nicht die einzigen, die bei der Sicherung der Waffenlager versagt haben. Ebenfalls im Mai 2003 entdeckte ein Team von Human Rights Watch Mitarbeitern zwanzig LKW-Container voller Flugabwehrgranaten, Minenwerfer, Panzerabwehrraketen und Katyuscha-Raketen in der Nähe des alten Flughafens von Basra. Das Human Rights Watch Team teilte dem in der Nähe stationierten britischen Kontingent seine Beobachtung mit und bat es, die Waffen sicherzustellen, da Zivilisten die Container plünderten und sich dabei oft verletzten. Obwohl die besagte Stelle sich weniger als einen Kilometer vom Hauptquartier der britischen First Fusilliers Battle Group befand, hielten es die britischen Truppen nicht für notwendig, an dem Containerlager für Sicherheit zu sorgen.

Britische Offiziere teilten Human Rights Watch mit, man habe nicht genug Truppen in Basra, um zusätzlich zu den anderen täglichen Pflichten noch verlassene Munition bewachen zu können. (siehe:https://www.hrw.org/press/2003/05/iraq050603.htm )

Vom Waffenlager in al-Qaqa`a, das Berichten zu Folge immer wieder geplündert wurde, hat Human Rights Watch keine Informationen, musste aber immer wieder im ganzen Land ähnliche Situationen erleben.

Sogar in Falludscha, einem notorisch unruhigen Ort, scheinen die US-Truppen nicht mitzubekommen, dass geplünderte Waffen ganz offen in der Stadt unter die Leute gebracht werden. Am 5. Mai 2003, kurz nach den ersten tödlichen Zusammenstößen zwischen Koalitionstruppen und den Einwohnern von Falludscha, statteten Human Rights Watch Mitarbeiter den völlig ungestört ablaufenden Waffenmärkten der Stadt einen Besuch ab. Dort mussten sie mitansehen, wie Käufer Testschüsse aus AK-47 Sturmfeuergewehren und schweren 50-Kaliber-Maschinengewehren in die Luft abfeuerten. Auch Panzerabwehrraketen und Granaten lagen offen zum Verkauf. Als das Human Rights Watch Team auf der US-Hauptbasis das Thema gegenüber US-Geheimdienstoffizieren zur Sprache brachten, schienen sie von der Existenz der Waffenmärkte keine Ahnung zu haben.

„Es ist schon erstaunlich, dass die USA und ihre Koalition zwar über 1000 Leute auf die Suche nach den Massenvernichtungswaffen schicken, aber keine Truppe organisieren konnten, um die Bedrohung durch „normale“ Waffen, die direkt vor ihren Augen geplündert und verkauft wurden, zu minimalisieren,“ kritisierte Roth. „Es sind nun die irakische Zivilisten, die einen tödlichen Preis für die Nachlässigkeit der Truppen zahlen, die es nicht geschafft haben, die riesigen Waffenlagern

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