Eine ShOAB 0.5 Submunition aus Sovietzeiten, deren Einsatz bisher im Syrien-Konflikt noch nicht dokumentiert worden war. Bildmaterial aus einem von Aktivisten am 10. März 2013 hochgeladenen YouTube-Video aus Hesih oder Hish in der Provinz Idlib.

© 2013 Privat

(New York) – Der Einsatz von Streubomben in Wohngebieten durch syrische Regierungstruppen führt zu immer mehr zivilen Opfern, so Human Rights Watch. Nach erster Überprüfung vorhandener Informationen wurden mindestens 119 Gebiete in Syrien identifiziert, in welchen in den vergangenen sechs Monaten mindestens 156 Streubomben eingesetzt worden waren.

Human Rights Watch hat zwei Streubomben-Angriffe in den letzten zwei Wochen untersucht. In Deir Jamal, nahe Aleppo, und in Talbiseh, nahe Homs, starben elf Zivilisten, darunter zwei Frauen und fünf Kinder, und 27 Personen wurden verwundet.

„Syrien verwendet immer öfter Streubomben, eine geächtete Waffenart, und Zivilisten zahlen dafür mit ihrem Leben und dem Verlust von Gliedmaßen”, so Steve Goose, Direktor der Waffenabteilung von Human Rights Watch. „Die ersten Opferzahlen sind nur der Anfang, da Streumunition nach der Explosion oft Blindgänger zurücklässt, die noch lange Zeit später töten und verstümmeln.“

Am 10. März 2013 zeigte ein angeblich aus Heish in der Provinz Idlib stammendes Youtube-Video Reste eines Typs von Streubomben - die ShOAB-0.5 Submunition – welche bekannt dafür ist, bereits zuvor im Syrien-Konflikt eingesetzt worden zu sein. Die ShOAB-0.5 Submunition wurde in der Sowjetunion produziert und stammt in der Regel von aus der Luft abgeworfenen RBK-500 Streubomben.

Human Rights Watch hat mindestens 119 Standorte in Syrien identifiziert, an denen Streubomben in der Zeit von August 2012 bis Mitte Februar 2013 eingesetzt wurden. Mehrere Regionen waren wiederholt Ziele von Angriffen mit Streubomben, vor allem al-Za`faraneh (nahe Rastan), Abil (nahe Homs), Binnish (Idlib), Deir al-`Assafeer (nahe Damascus), Douma (nahe Damascus) und Talbiseh (Homs).

Die Informationen stammen von Human Rights Watch-Untersuchungen vor Ort und von der ersten Analyse von über 450 durch Aktivisten geposteten Internetvideos seit August 2012. Bisher wurden Überreste von mindestens 156 verschiedenen Streubomben auf den Videos identifiziert. Human Rights Watch hat den Einsatz von Streubomben, sowohl durch Luftschläge wie auch durch Artillerie, durch Regierungstruppen dokumentiert, aber keine Beweise für den Einsatz von Streubomben durch die Rebellentruppen der Opposition gefunden.

In jedem Video, beziehungsweise Gruppen von Videos, die den gleichen Ort dokumentieren, haben Human Rights Watch-Experten die Art der Streubomben und die Art der explosiven Bomblets (auch Submunition genannt) identifiziert. Die Bomben wurden offenbar von Flugzeugen und Hubschraubern abgeworfen. Diese Informationen lassen das Ausmaß des Streubomben-Einsatzes erahnen. Da nicht alle Überreste auf Video aufgenommen wurden, sind die Daten aber unvollständig, und die tatsächliche Anzahl von eingesetzten Streubomben in Syrien ist sehr wahrscheinlich noch um einiges höher.

Human Rights Watch begann im Oktober 2012, die Video-Belege systematisch zu sammeln und zu archivieren, nachdem anfänglich 35 Gefechtsorte identifiziert worden waren, an denen insgesamt 46 Streubomben abgeworfen worden waren. In Zusammenarbeit mit dem ‚Brown Moses Blog‘ wird Human Rights Watch die gesamte Sammlung von durch geographische Koordinaten und andere Analysen gestützen Videos in einem mit dem ‚Information Management System for Mine Action‘ (IMSMA) kompatiblen Format zu einem späteren Zeitpunkt zur Verfügung stellen. Die Menge der Daten wird vermutlich noch ansteigen, da im Laufe der Zeit mehr Videos gesammelt und analysiert werden. Die Erhebung der Daten enthält zwar keine Aufzeichnungen der Verluste, Human Rights Watch hat aber seit Mitte 2012 zahlreiche Beispiele ziviler Opfer von Streumunition dokumentiert, unter anderem im Oktober, November und Januar.

Vierzig Prozent der 156 Streubomben-Überreste wurden als RBK-250 PTAB-2.5 Streubomben identifiziert. Dieser Typ wird von Flugzeugen und Hubschraubern abgeworfen und setzt in der Luft jeweils 30 PTAB-2.5 hoch-explosive Anti-Panzer Submunition frei. Eine andere durch Videos und Untersuchungen dokumentierte Art von Streumunition ist die RBK-250 AO-1SCh Streubombe, die 150 AO-1SCh Bomblets freisetzt. Insgesamt 103 RBK-250 Streubomben wurden in den Videos identifiziert. In mehr als 50 weiteren Fällen wurde in Überresten das unverwechselbare Endteil einer RBK Streubombe identifiziert. Die Informationen waren aber ungenügend, um eine Identifizierung des spezifischen Typs zu ermöglichen.

Eine Überprüfung der Markierungen auf diesen Bomben und der in ihnen enthalten Submunition sowie ein Vergleich mit den sowjetischen Handbüchern für die Waffen zeigen, dass sie in staatlichen sowjetischen Munitionsfabriken in den 1970er und frühen 1980er Jahren hergestellt wurden. Es gibt keine Informationen darüber, wie oder wann Syrien an diese Streubomben aus der ehemaligen Sowjetunion gelangte.

Im Januar dokumentierte Human Rights Watch zivile Opfer durch die Verwendung eines anderen Typs von Streumunition durch die syrische Regierung. Es handelte sich um die in Ägypten hergestellten 122mm SAKR vom Boden aus abzuschiessende Rakete, deren Submunition sowohl gegen Personen als auch gegen Material eingesetzt werden kann. Dies war das erste bekannte Beispiel von vom Boden abgefeuerten Streubomben in Syrien.

Am 10. März stellten lokale Aktivisten ein Video ins Internet, welches angeblich eine nicht explodierte Submunition zeigte, die im Dorf Heish im Regierungsbezirk Idlib eingeschlagen war, aber nicht funktionierte (also nicht explodierte). Das Video wurde anschließend durch Edlib News Network hochgeladen, einer Gruppe von Aktivisten in Idlib. Human Rights Watch hat es als fragmentierte Submunition des Typs Shoab-0.5 identifiziert: Eine tennisball-förmige, von der Sowjetunion produzierte Submunition, die nur von den aus der Luft abgeworfenen RBK-500 Streubomben stammen kann. Der Einsatz von RBK-500 Streubomben und Shoab-0.5 Submunition war in Syrien zuvor noch nicht dokumentiert worden.

Die Shoab-0.5 Submunition ist eine direkte Kopie der von den Vereinigten Staaten produzierten BLU-26 Submunition, welche in Südostasien in den 1960er und 1970er Jahren eingesetzt wurde. Der auf militärische Themen spezialisierte Verlag „Janes Information Group“ führt an, dass Syrien RBK-250/275 und RBK-500 Streubomben besitzt. Laut internationalen Referenzhandbüchern enthält ein Exemplar der RBK-500 Streubombe insgesamt 565 Shoab-0.5 Submunitionen. Dies ist der vierte identifizierte Typ von Streumunition im Syrien-Konflikt.

Jüngste Angriffe auf Deir Jamal und Talbiseh
In den vergangenen zwei Wochen hat Human Rights Watch in den Regierungsbezirken Homs und Aleppo zivile Opfer von zwei Streubombenangriffen untersucht. Basierend auf Interviews mit Augenzeugen, der Analyse von durch lokale Aktivisten hochgeladenen Online-Videos sowie am Tatort aufgenommenen Fotos kommt Human Rights Watch zu dem Schluss, dass ein Streubombenangriff auf Deir Jamal in Aleppo am 28. Februar zwei Frauen und fünf Kinder aus der gleichen Familie getötet und einen Mann verletzt hat, während ein anderer Streubombenangriff auf Talbiseh in Homs am 2. März vier Todesopfer forderte und 26 Zivilisten verletzte, darunter sechs Frauen und sieben Kinder.

Human Rights Watch besuchte Deir Jamal am 6. und 7. März, um die Luftangriffe zu untersuchen, Zeugen zu befragen und Reste der Streubomben zu fotografieren.

Ein Bewohner, der neben einem durch den Angriff zerstörten Haus lebt, berichtete Human Rights Watch, dass er am 28. Februar um 12:30 Uhr 700 Meter entfernt von seinem Haus im Dorf war, als er ein Kampfflugzeug im Tiefflug sah, das Munition abwarf. Er hörte Explosionen und ging in Richtung des Angriffsortes, der Heimat seiner Nachbarn, der Dabbas Familie. Er sagte, dass er bei der Bergung von fünf Leichen half, während zwei weitere Körper später gefunden wurden. Ein anderer Bewohner berichtete gegenüber Human Rights Watch, dass er einen Kilometer vom Dorf entfernt war, als er sah, wie ein Kampfjet Bomben abwarf. Er ging zu dem Haus der Dabbas Familie, wo er angab, Leichen und "Körperstücke" von zwei Frauen und fünf Kinder gesehen zu haben.

Ein Dorfältester identifizierte die Opfer als: Malak Muhamad Akil, 40; Jinan Abdul Hameed Dabbas, 22; Muhamd Ali Ahmad Dabbas, 12; Haydar Ahmad Dabbas, 10; Maryam Ahmad Dabbas, 3; Ali Hasan Dabbas, 3 und Hamzeh Hasan Dabbas , 1. Darüber hinaus identifizierte Human Rights Watch einen Anwohner, der bei dem Angriff verletzt wurde.

Die meisten der 7.000 Einwohner von Deir Jamal hatten das Dorf nach umfangreichem Beschuss und Luftangriffen bereits verlassen, so dass Human Rights Watch neben einigen Truppen der Freien Syrischen Armee nur etwa 60 Zivilisten antraf. Der Abstand vom FSA-Lager zum Haus der Dabbas Familie beträgt etwa 300 Meter, die Front ist etwa 13 Kilometer entfernt.

Human Rights Watch fotografierte Reste der Streubomben, die das Dabbas-Haus trafen, sowie eine weitere Bombe, die in der Nähe einschlug. Zeugen sagten aus, dass drei weitere Streubomben den nördlichen und östlichen Teil des Dorfes trafen. Durch Fotos konnte Human Rights Watch die Überreste einer RBK-250/275 Streubombe mit AO-1SCh Submunition identifizieren. Es gibt 150 Bomblets in jeder Streubombe dieser Art.

Am 2. März filmte ein lokaler Aktivist in Talbiseh einen Streubombenangriff auf seine Nachbarschaft in den nördlichen Vororten (vom ‚Ausschuss zum Schutz von Zivilisten-Talbiseh‘ ins Internet gestellt). Human Rights Watch interviewte den Aktivisten, um den Video-Beweis zu überprüfen und zu untermauern. Das Video fängt den Streubombenangriff live ein: Es zeigt, wie die Munition auseinanderbricht und die Submunition gestreut wird, darunter auch einige Bomblets, die nicht explodierten und in Richtung der Kamera fallen. Der Aktivist beschrieb den Angriff gegenüber Human Rights Watch:

 

„Ich ging in Talbiseh umher. (...) Meine Kamera ist immer eingeschaltet. Ich schalte sie nie ab, weil du nie weißt, wann du sie brauchst. Als ich den Platz in der Mitte von Talbiseh erreichte, hörte ich das Geräusch einer Explosion in der Luft und dann Explosionen auf dem Boden direkt vor mir. Ich hörte eine weitere Explosion, aber der Ton kam von weiter weg.

Ich hörte Leute schreien. Ich rannte auf sie zu und fand heraus, dass eine der von den Bomblets getroffenen Straßen voll mit Menschen war. Als ich das Haus erreichte, sah ich schwer verletzte Kinder im Inneren des Hauses. Die Kinder waren im Haus, als die Submunition in die Wände schlug und explodierte. Nachdem wir die Verletzten versorgt hatten, fanden wir drei Leichen in einem der nahe gelegenen Häusern. Sie gehörten zur gleichen Familie. Die Submunition explodierte neben ihnen, wir sahen die Reste. Mir wurde gesagt, dass noch ein vierter Mann gefunden wurde – er wurde auf der Straße getötet. Ich glaube, er war zu der Zeit zu Fuß.

Wir fanden mehrere nicht explodierte Bomblets. Ich erinnere mich nicht an die genaue Anzahl. Die Bomblets aus den zwei Bomben verteilten sich auf sieben Straßen, und die ersten drei Straßen waren die am dichtesten besiedelten und am meisten beschädigten. Die Submunition sprengte kleine Löcher in den Boden und die Wände der Häuser. Die aufdem Video zu sehende Streubombenexplosion forderte mehrere Tote und Verletzte. Der zweite Streubombenangriff, 500 Meter entfernt von dem ersten, verursachte keine zivilen Opfer, da er in ein nicht bewohntes Gebiet fiel.“

 

Insgesamt tötete der Streubombenangriff am 2. März mindestens vier Männer, laut des Aktivisten alles Zivilisten, und verletzte 26 Menschen. Der Aktivist besuchte nach dem Angriff das örtliche Feldlazarett, wo er nach eigenen Angaben 26 verwundete Zivilisten zählte, darunter sieben Kinder und sechs Frauen. Er sagte, dass vier bei dem Angriff verletzte Männer in kritischem Zustand schienen, da Granatsplitter innere Blutungen verursacht hätten. „Da das Lazarett nicht ausreichend ausgestattet ist, konnte das medizinische Team die notwendigen Operationen nicht durchführen. Zur gleichen Zeit war eine Evakuation der Verwundeten wegen der Belagerung durch die syrische Armee unmöglich", so der Aktivist.

Die vier in Folge des Streubombenangriffs getöteten Männer waren: Abdel Rahman al-Masri, Ahmad Swaiss, Selim Mohamad Miznazi und Mohamed Abdel al-Kafi al-Mer `I.

 

Mithilfe von Videomaterial einer Gruppe von Aktivisten aus Talbiseh, dem ‘Network of Syrian Revolution News in Talbiseh‘, und Beschreibungen des Aktivisten sowie durch Untersuchungen von Resten der Bomben hat Human Rights Watch die Überreste als einen RBK Streubomben-Kanister identifiziert.

Blindgänger und andere Überreste aus dem Streubombenangriff stellen eine tödliche Gefahr für diejenigen dar, die ihnen ausgesetzt sind. Der Zeuge berichtete: „Eine Stunde nachdem der Bombenkanister eingeschlagen war, explodierten einzelne Teile, ... verursachten aber keine Verletzungen."

Der Aktivist sagte, dass die Truppen der Freien Syrischen Armee einen Kilometer vom Ort des Angriffs entfernt stationiert seien. „FSA-Brigaden befinden sich nur außerhalb derStadt, die als die Frontlinie zwischen ihnen und der Armee gesehen wird", sagte er. „Sie haben keine Fahrzeuge in der Stadt, und wie man im Video sehen kann, waren all die Leute Zivilisten und die FSA nicht anwesend. Liwa `al Islam [eine bewaffnete Oppositionsgruppe] ist sehr aktiv in Talbiseh. (...) Nach dem Streubombenangriff begann der Beschuss durch Panzer".

Laut dem Aktivisten hätte etwa ein Drittel der Einwohner von Talbiseh die Stadt verlassen, nachdem ihre Häuser durch Beschuss zerstört worden waren, aber Binnenvertriebene aus Homs wären mittlerweile nach Talbiseh gekommen. „Das Regime weiß, dass Talbiseh ein stark bewohntes Gebiet ist", sagte er.“Die syrische Armee hat uns jetzt von allen Seiten umstellt, so dass es schwieriger wird, die Stadt zu verlassen. Wir stecken hier fest.“

Völkerrechtliche Bestimmungen
Eine Mehrheit aller Staatenhat den Einsatz von Streumunition im Rahmen des am 1. August 2010 in Kraft getreten Übereinkommens über Streumunition verboten. Syrien hat das Abkommen nicht unterzeichnet und nahm nicht am Oslo-Prozess 2007/08 teil, der zur Schaffung des Vertrags führte, welcher Streumunition verbietet und die Säuberung von kontaminierten Flächen sowiedie Unterstützung der Opfer fordert. Insgesamt 79 Länder sind Vertragsstaaten des Übereinkommens über Streumunition, während es weitere 32 unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert haben.

Jene Länder, die die Konvention unterzeichnet haben, sind verpflichtet, die Normen, die die Konvention gegen Streumunition aufstellt, zu fördern und sich nach besten Kräften zu bemühen, Staaten, die das Übereinkommen nicht unterzeichnet haben, vom Einsatz von Streumunition abzubringen, gemäß Artikel 21 (2). 14 Staaten haben Syriens Einsatz von Streumunition verurteilt, darunter auch Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Japan, Mexiko, Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Österreich, Portugal und die Schweiz. Auch Nicht-Vertragsstaaten wie Katar und die Vereinigten Staaten haben den Einsatz von Streumunition durch Syriens Regierungstruppen verurteilt.

Human Rights Watch ist ein Gründungsmitglied der „Cluster Munitions Coalition“, einer internationalen Kampagne der Zivilgesellschaft zur Ächtung von Streumunition.

„Wenn Staaten den Vertrag über das Verbot von Streumunition unterzeichnet haben, dann haben sie eine rechtliche Verpflichtung, Syriens ständig wachsenden Einsatz dieser willkürlichen Waffen zu verurteilen - aber zu wenige tun es", so Goose. „Wenn es jemals eine Zeit für Protest gab, so ist sie jetzt. Wir fordern alle Länder, denen der Schutz von Zivilpersonen etwas bedeutet, dazu auf, die Streubomben-Angriffe in Syrien auf das Schärfste zu verurteilen".