Drei Talibés betteln um Geld in einer Straße der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Jeder trägt eine Tomatendose, um Geld, Reis und Zucker zu sammeln. Den Ertrag müssen sie ihrem Koran-Lehrer übergeben.

© 2008 Thomas Lekfeldt

(Dakar, 15. April 2010) - Zehntausende Kinder führen in den Koranschulen Senegals ein Leben unter sklavenähnlichen Bedingungen und werden schwer misshandelt, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Human Rights Watch fordert die senegalesischen Behörden auf, alle Koranschulen staatlich zu regulieren und Lehrer, die gegen die Gesetze über organisiertes Betteln und Kindesmisshandlung verstoßen, umgehend und entschlossen zur Rechenschaft zu ziehen.

Der 114-seitige Bericht „'Off the Backs of the Children': Forced Begging and Other Abuses against Talibés in Senegal" dokumentiert die systematische Ausbeutung und Misshandlung von mindestens 50.000 Talibés, wie die Koranschüler genannt werden. Die Jungen, die größtenteils noch keine zwölf, viele von ihnen gerade einmal vier Jahre alt sind, werden von ihren Lehrern, den Marabuts, gezwungen, täglich viele Stunden betteln zu gehen. Oft werden sie brutal misshandelt, vernachlässigt und ausgebeutet. Der Bericht beruht auf Interviews mit 175 derzeitigen und ehemaligen Talibés sowie rund 120 weiteren Personen, einschließlich Marabuts, Familien, die ihre Kinder auf diese Schulen geschickt haben, islamische Gelehrte, Regierungsvertreter und Mitarbeiter humanitärer Organisationen.

„Senegal darf nicht tatenlos zusehen, wie jeden Tag zehntausende junger Talibés geschlagen und eklatant vernachlässigt werden und im Grunde genommen unter sklavenähnlichen Bedingungen leben“
, so Georgette Gagnon, Direktorin der Afrika-Abteilung von Human Rights Watch. „Die Regierung soll den nationalen Talibé-Tag am 20. April nutzen, um alle Koranschulen staatlich zu regulieren und die verantwortlichen Marabuts zur Rechenschaft zu ziehen.“

In Senegals muslimisch geprägter Gesellschaft haben religiöse Führer große gesellschaftliche und politische Macht. Kinder werden seit langem der Obhut von Marabuts anvertraut, die sie in den Daaras, den Koranschulen, unterrichten. Viele, de facto als Vormund fungierende Marabuts führen diese wichtige Tradition der religiösen und moralischen Erziehung der Jungen gewissenhaft fort.

Untersuchungen von Human Rights Watch zeigen jedoch, dass es gerade in vielen städtischen Daaras auch Marabuts gibt, die den Unterricht als Vorwand nutzen, um die ihnen anvertrauten Kinder wirtschaftlich auszubeuten. Viele Marabuts verlangen, dass die Kinder ein bestimmtes Tagespensum abliefern. Wer die geforderte Summe nicht erreicht, wird zur Strafe körperlich und seelisch schwer misshandelt. Human Rights Watch dokumentiert zahlreiche Fälle von Kindern, die geschlagen wurden, manchmal waren die Kinder dabei angekettet, gefesselt und in Stresshaltungen gezwungen worden.

In den über 100 Daaras, in denen die von Human Rights Watch befragten Talibés leben oder gelebt haben, nimmt ein Marabut in der Regel zwischen 20.000 und 60.000 US-Dollar pro Jahr durch das Betteln ein - eine beachtliche Summe in einem Land, in dem die meisten Menschen von weniger als zwei US-Dollar pro Tag leben. Aus den Interviews geht hervor, dass manche Marabuts durch die Ausbeutung der ihnen anvertrauten Kinder mehr als 100.000 US-Dollar pro Jahr anhäufen.

Misshandlungen weit verbreitet

Ein elfjähriger Junge, der von seinen Eltern im Alter von sieben Jahren zu einem Marabut in die senegalesische Hauptstadt Dakar geschickt wurde, berichtete Human Rights Watch:

Ich musste dem Marabut jeden Tag 600 CFA (1,30 US-Dollar), Reis und Zucker geben. Er hat mich mit einem Elektrokabel geschlagen, wenn ich die geforderte Menge nicht erreicht habe. Er hat mich auf den Rücken und in den Nacken geschlagen, so oft, dass ich es nicht mehr zählen konnte ... Jedes Mal wenn er mich geschlagen hat, habe ich an meine Familie gedacht, sie haben mich nie geschlagen. Ich habe an Zuhause gedacht. Schließlich bin ich weggelaufen, ich bin nicht mehr damit zurechtgekommen.

Human Rights Watch dokumentiert außerdem die äußerst prekäre Lage dieser Jungen. Die beträchtlichen Geldbeträge, der Reis und der Zucker, den die Talibés gemeinsam erbetteln, werden nicht dazu verwendet, um die Kinder mit Nahrungsmitteln und Kleidung zu versorgen, ihnen Obdach zu geben oder anderweitig für sie zu sorgen. Viele Kinder sind stark unterernährt und durch die viele Zeit, die sie auf der Straße verbringen, dem Risiko von Unfällen, körperlicher Gewalt, sexuellem Missbrauch und Krankheiten ausgesetzt.

Die Daaras befinden sich in der Regel in verlassenen oder im Rohbau befindlichen Häusern und bieten wenig Schutz gegen Regen, Hitze oder Kälte. Bis zu 30 Kinder schlafen in einem kleinen Raum, Krankheiten können sich schnell ausbreiten. Oft leiden die Jungen an Malaria, Magen-Darm-Infektionen und Hautkrankheiten, doch die Marabuts kümmern sich selten darum. Vielmehr zwingen sie die Kinder, noch mehr zu betteln, damit sie ihre Medikamente bezahlen können.

Die meisten von Human Rights Watch befragten Talibés berichteten, sie besäßen nur einen Satz Kleidung zum Wechseln. Über 40 Prozent hatten keine Schuhe, sie gingen barfuss betteln. Einige von ihnen berichteten, dass, wenn sie durch längeres Betteln etwas Geld gespart hatten und davon dann ein neues Hemd oder eine Hose kauften, der Marabut ihnen die Kleidung wegnahm und sie seinen eigenen Kindern gab.

„Anstatt zu gewährleisten, dass die ihnen anvertrauten Jungen unterrichtet werden, Nahrung und eine angemessene Unterkunft erhalten, zwingen die Marabuts die Kinder oft, für ihren eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Familie zu sorgen", so Gagnon. „Das ist skrupellos."

Erschöpft von den ständigen Misshandlungen und dem Mangel am Notwendigsten, laufen jedes Jahr mehr als 1.000 Jungen aus den Daaras weg. Hunderte von Kindern, die in den großen Städten Senegals auf der Straße leben, sind eindeutig eine Begleiterscheinung der ausbeuterischsten Koranschulen.

Tatenlosigkeit der Regierung

Im Jahr 2005 hat die senegalesische Regierung Gesetze erlassen, die organisiertes Betteln zum Zweck der persönlichen Bereicherung unter Strafe stellen. Die Behörden haben jedoch keine konkreten Maßnahmen ergriffen, um diese in die Praxis umzusetzen und die Ausbeutung und Misshandlung von Talibés zu beenden. Obwohl man jeden Tag zahlreiche Kinder auf der Straße betteln sieht, ist bisher nicht ein Marabut wegen organisierten Bettelns angeklagt oder vor Gericht gestellt worden. Das gleiche gilt, mit Ausnahme von einigen wenigen Fällen, für die schwere körperliche Misshandlung von Talibés.

Abgesehen von einigen staatlich geförderten „modernen" Daaras, die Koranunterricht und staatliche Lehrpläne kombinieren, stehen die Koranschulen in Senegal nicht unter staatlicher Aufsicht. Zum Teil hat dies dazu beigetragen, dass die Zahl der skrupellosen Marabuts, die an der Erziehung und Fürsorge der ihnen anvertrauten Kinder wenig Interesse haben, stark zugenommen hat.

Obwohl viele Kinder in den senegalesischen Daaras aus dem benachbarten Guinea-Bissau stammen, hat die dortige Regierung selbst in offensichtlichen Fällen von Kinderhandel die Marabuts nicht zur Rechenschaft gezogen. Sollte Guinea-Bissau aus der jahrzehntelangen Tatenlosigkeit Senegals keine Konsequenzen ziehen, läuft es Gefahr, dass das organisierte Betteln auch im eigenen Land an Boden gewinnt.

Eltern schicken ihre Kinder vor allem aus dem Wunsch nach einer religiösen Erziehung auf die Koranschulen. Für viele sind auch wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Die meisten Eltern geben ihre Kinder in die Obhut eines Marabuts, weil sie ihnen keine finanzielle Unterstützung oder keinen emotionalen Rückhalt bieten können. Manche haben von dem Missbrauch keine Kenntnis, teils weil die Marabuts diesen bewusst verschleiern. Andere wiederum geben ihre Kinder bereitwillig weg oder schicken sie in die Daaras zurück, obwohl sie wissen, dass die Kinder dort missbraucht werden.

Humanitäre Hilfsorganisationen, die die von der Regierung hinterlassene Lücke zu schließen versuchen und die Kinder schützen wollen, haben mitunter selbst zu den Missbrauchsfällen beigetragen. Viele nationale und internationale Organisationen unterstützen schwerpunktmäßig städtische Daaras und vernachlässigen dabei die Schulen in den ländlichen Regionen. Sie schaffen damit einen Anreiz für die Koranschulen, vom Land in die Stadt umzusiedeln, wo organisiertes Betteln weit verbreitet ist. In manchen Fällen tragen die Bemühungen dieser Organisationen sogar zu höheren Profiten für skrupellose Marabuts bei, indem Hilfsgelder direkt an diese verteilt und deren Verwendung nicht überprüft wird. Oft werden Missbrauchsfälle nicht gemeldet oder die Tatenlosigkeit der Regierung nicht hinterfragt, auch um die guten Beziehungen mit den Marabuts und der Regierung nicht zu gefährden.

„Millionen von Dollar fließen in humanitäre Projekte und staatliche Programme, um den Talibés zu helfen und Missbrauch vorzubeugen. Trotzdem nimmt das organisierte Betteln von Kindern aus den Daaras immer weiter zu", so Gagnon. „Der überhand nehmende Missbrauch dieser Kinder kann nur unterbunden werden, wenn die Regierung die verantwortlichen Marabuts zur Rechenschaft zieht."

Das Versäumnis der Regierung stellt einen Verstoß gegen die Verpflichtungen Senegals aus dem Übereinkommen über die Rechte des Kindes und der Afrikanischen Charta über die Rechte und den Schutz des Kindes sowie gegen die Verpflichtungen aus den Übereinkommen gegen den Menschenhandel, gegen sklavenähnliche Bedingungen und die schlimmsten Formen von Kinderarbeit dar.

Human Rights Watch fordert auch die Organisation der Islamischen Konferenz auf, das organisierte Betteln zu verurteilen, weil es im Widerspruch zu den menschenrechtlichen Verpflichtungen gemäß der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam steht. Zudem wird die UN-Sonderberichterstatterin über moderne Formen der Sklaverei gebeten, Ermittlungen zur Lage der Talibés einzuleiten.