(New York, 15. September 2008) - Fünf mutige und selbstlose Menschenrechtsaktivisten aus Burma, dem Kongo, Saudi-Arabien, Sri Lanka and Usbekistan sind mit dem angesehenen Human Rights Defender Award 2008 ausgezeichnet worden, wie Human Rights Watch heute bekannt gab. Alle fünf sind auf Grund ihrer Arbeit bedroht und verfolgt worden. Einem der Preisträger, dem saudischen Anwalt Abd al-Rahman al-Lahim, ist Reiseverbot erteilt worden; Human Rights Watch hat die saudische Regierung deshalb dringend gebeten, dieses Verbot aufzuheben, damit der Anwalt seine Auszeichnung in London persönlich in Empfang nehmen kann.

Die fünf Preisträger des von Human Rights Watch verliehenen Human Rights Defender Award 2008 sind:

  • Bo Kyi, Mitbegründer der burmesischen Vereinigung Assistance Association of Political Prisoners;
  • Mathilde Muhindo, die sich in der Demokratischen Republik Kongo gegen Vergewaltigungen als Mittel des Krieges einsetzt;
  • Abd al-Rahman al-Lahim, Menschenrechtsanwalt in Saudi-Arabien;
  • Sunila Abeysekera, Gründerin der Menschenrechtsgruppe INFORM in Sri Lanka; und,
  • Umida Niazova, eine usbekische Journalistin, die über den Aufstand in Andischan berichtete.

"Trotz der Gefahren und Schwierigkeiten, mit denen sie täglich konfrontiert sind, prangern diese fünf Aktivisten in ihren Ländern weiterhin öffentlich Misshandlungen in ihren Ländern an und streben nach Gerechtigkeit für die Opfer von Menschenrechtsverstößen," erklärt Kenneth Roth, leitender Direktor von Human Rights Watch. "Es ist eine Ehre, Seite an Seite mit solch mutigen und entschlossenen Menschen zu stehen, und wir hoffen, dass ihnen diese Auszeichnung helfen wird, ihre Arbeit so wirksam und sicher wie möglich fortzusetzen."  
 
Bei ihren Ermittlungen in mehr als 80 Ländern kooperieren die Mitarbeiter von Human Rights Watch weltweit eng mit den Menschenrechtsverteidigern. Diese Verteidiger werden bei den alljährlichen Human Rights Watch-Dinnerveranstaltungen 2008 in Chicago, Genf, Hamburg, London, Los Angeles, München, New York, Paris, San Francisco, Santa Barbara, Toronto, und in Zürich geehrt.  
 

Bo Kyi, Burma (heute Myanmar)

Als Collegestudent nahm Bo Kyi am Aufstand des 8.8.88 in Burma teil - einer Volkserhebung gegen die Militärherrschaft, die am 8. August 1988 einen Wendepunkt erreicht hatte. Nach monatelangen Unruhen gingen an diesem Tag Millionen Menschen auf die Straße und forderten ein Ende der Militärdiktatur. Während der sieben Monate andauernden Proteste fielen um die 3000 Menschen der brutalen Reaktion der Militärregierung zum Opfer.  
 
"Von der Außenwelt wurden die Ereignisse in Burma weitgehend ignoriert, doch für mich gab es kein Zurück", sagt Bo Kyi. "Als Student in Rangoon beteiligte ich mich an vielen Demonstrationen und erlebte mit eigenen Augen das brutale Eingreifen der Ordnungstruppen, bei dem so viele getötet oder verletzt wurden."  
 
Bo Kyi kam schließlich wegen seines politischen Aktivismus für sieben Jahre und drei Monate ins Gefängnis. Dabei musste er in schmutzigen Räumen wiederholt Verhöre, Schläge, Fesselungen und Folter über sich ergehen lassen. Während seiner Gefangenschaft lernte Bo Kyi Englisch sprechen und schreiben und musste sein Unterrichtsmaterial jedes Mal verstecken, wenn ein Wächter an seiner Zelle vorbeikam.  
 
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis floh Bo Kyi nach Thailand, und half in Mae Sot, an der Grenzregion zu Burma, die Organisation „Assistance Association of Political Prisoners" (Vereinigung zur Hilfe für politische Gefangene) mit aufzubauen. Noch immer sitzen ungefähr 1.920 politische Aktivisten in Burma im Gefängnis, wo sie unmenschlich behandelt werden. Die Zahl der politischen Häftlinge stieg drastisch nach der Niederschlagung der Unruhen im August und September 2007, als Sicherheitskräfte brutal gegen friedlich demonstrierende Aktivisten, Mönche und andere Bewohner vorgingen.  
 
Die Organisation „Assistance Association of Political Prisoners" setzt sich für derzeitige und frühere politische Gefangene und ihre Familien ein. Sie unterstützt sie finanziell und verhilft ihnen zu ärztlicher Behandlung, überwacht die Zustände in Gefängnissen und setzt sich auf internationaler Ebene für die Freilassung der Gefangenen ein.  
 
Während der vergangenen 20 Jahre hat Bo Kyi unerschütterlichen Mut gezeigt, indem er seine eigene Geschichte und die anderer politischer Gefangener publik machte und die Misshandlung von Menschen durch Burmas Militärregierung öffentlich geißelte. Human Rights Watch ehrt Bo Kyi für seine unerschrockenen Bemühungen, sich offen gegen die Unterdrückung in Burma zur Wehr zu setzen und sich als Fürsprecher für jene einzusetzen, die es gewagt haben, offen Kritik an der Militärregierung zu üben.  
 

Mathilde Muhindo, Demokratische Republik Kongo

"Frauen und Kinder zahlen einen hohen Preis für den Krieg in der Demokratischen Republik Kongo", sagt Mathilde Muhindo. "Sexuelle Gewalt in den östlichen Provinzen sollten als das gesehen werden, was sie wirklich sind - ein Krieg im Krieg. Ein Krieg gegen Frauen."  
 
Frau Muhindo, früher Mitglied des kongolesischen Parlaments, unterstützt Vergewaltigungsopfer in South Kivu im Ost-Kongo - ein Gebiet, das seit mehr als zehn Jahren durch bewaffnete Konflikte verwüstet wird. Sie macht auf den weit verbreiteten und systematischen Gebrauch sexueller Gewalt durch Regierungstruppen und bewaffnete Gruppen aufmerksam - einschließlich Sexsklaverei, Bandenvergewaltigungen und Verstümmelungen - sowie auf die verheerenden Folgen für die Opfer.  
 
Als Leiterin des Olame Centre, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt, gewährt Mathilde Muhindo den Missbrauchsopfern dringend benötigte psychologische und praktische Unterstützung und bestärkt Frauen darin, gegen ihre allgegenwärtige Diskriminierung und sexuelle Gewalt anzukämpfen. Um die Krisensituation ins öffentliche Bewusstsein zu rücken - zehntausende Frauen und Mädchen sind vergewaltigt worden - rief Mathilde Muhindo auch einen Parlamentsausschuss ins Leben, der den Einsatz von Vergewaltigungen als Mittel des Krieges untersuchen soll.  
 
Gemeinsam mit Human Rights Watch und anderen Gruppen übte Frau Muhindo Druck auf die Europäische Union sowie auf die Vereinigten Staaten und andere aus, sich der anhaltenden Grausamkeiten in Ost-Kongo anzunehmen. Sie führte eine Koalition lokaler Frauenorganisationen an, die sich erfolgreich für ein umfassendes Gesetz zum Verbot sexueller Gewalt eingesetzt hat. Aufgrund ihrer Arbeit erhielt Mathilde Muhindo Morddrohungen, doch sie ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Human Rights Watch ehrt Frau Muhindo für die Entschlossenheit, mit der sie sich für die Sicherheit, die Gesundheit und die Rechte der verletzlichsten und oft vergessenen Gruppe im Ostkongo - die Frauen - einsetzt.  
 

Abd al-Rahman al-Lahim, Saudi-Arabien

Abd al-Rahman al-Lahim's Gerechtigkeitssinn wird durch seinen Einsatz für jene in Saudi-Arabien deutlich, die willkürlich aufgrund dubioser Interpretationen der Scharia (Islamisches Recht) verfolgt werden. Sein beständiges Streben nach mehr Gerechtigkeit und seine gründlichen Kenntnisse der islamischen Lehre sind wertvolle Katalysatoren auf dem Weg zu einem Wandel innerhalb des despotischen saudi-arabischen Rechts.  
 
Als führender Menschenrechtsanwalt in Saudi-Arabien verteidigt al-Lahim die Rechte von Frauen, Erziehern und Menschenrechtsaktivisten, die auf Grund rigider Interpretationen des Islamischen Rechts durch das religiöse saudische Establishment verurteilt worden sind. Obwohl er mehrmals verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden ist und ihm Reisen außerhalb des saudischen Königreichs wegen seiner unermüdlichen Verteidigung der Rechte saudischer Aktivisten verboten worden sind, fährt al-Lahim dennoch in seinem unerschrockenen Kampf um Gerechtigkeit fort.  
 
Al-Lahim ist ein Gelehrter der Scharia mit klassischer Ausbildung. Gerade sein Verständnis religiöser Lehren des Islam machen ihn zu einer solch beeindruckenden Kraft im Einsatz für Reformen unter Berücksichtigung der Menschenrechte. Al-Lahim gewährt jenen in seinem Land, die seine Hilfe dringend benötigen, kostenlosen Rechtsbeistand und ist dabei, eine umfassend aufklärende Schrift über Menschenrechte in Saudi-Arabien zu verfassen. Wo er und seine Klienten vor der saudischen Justiz gescheitert sind, setzt sich Human Rights Watch - oft mit Erfolg - bei saudischen Entscheidungsträgern für al-Lahims Fälle ein: König Abdullah hat sechs von al-Lahim verteidigte Menschenrechtsopfer begnadigt. Human Rights Watch ehrt al-Lahim für seine Bemühungen zum Schutz der Menschenrechte in Saudi-Arabien und für die Entschlossenheit, mit der er sich für eine Reformierung des saudischen Rechtswesens einsetzt.  
 

Sunila Abeysekera, Sri Lanka

Sunila Abeysekera, eine der bekanntesten Aktivisten in Sri Lanka, berät Human Rights Watch seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten bei dem Einsatz für Menschenrechte in ihrem Land. Unermüdlich kämpft sie gegen Gewalttaten auf beiden Seiten in dem seit langem geführten Bürgerkrieg in Sri Lanka.  
 
"Als ich vor zwei Jahrzehnten anfing, mich für Menschenrechte einzusetzen, war dies kein leichtes Unterfangen", sagt Sunila Abeysekera. "Man wird schnell als Unruhestifter angesehen, manchmal sogar als Verräter. Ich habe mir Angriffe von allen Seiten eingehandelt, indem ich die Rolle der Regierung und der verschiedenen politischen Akteure bei der Zerstörung demokratischer Strukturen und bei der Schaffung eines militaristischen Umfelds kritisierte".  
 
Als leitende Direktorin von INFORM, einer Nichtregierungsorganisation zur Überwachung der Einhaltung der Menschenrechte, setzt sich Abeysekera dafür ein, schwerwiegende Verstöße gegen diese Rechte publik zu machen und einen Wandel der Institutionen herbeizuführen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten kämpft Abeysekera gegen die fest verwurzelte Kultur der Straffreiheit, um zu erreichen, dass diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die Schuld am Verschwindenlassen von Personen, an der Ermordung von Zivilisten aller Ethnien und an Gewalt gegen Frauen tragen; Sunila Abeysekera setzt sich auch für den Schutz solcher Personen ein, die auf Grund des bewaffneten Konflikts ihre Heimat verloren haben.  
 
Durch ihre äußergewöhnlichen Fähigkeiten hinsichtlich der Durchführung von Recherchen und als Anwältin und Sprecherin sowohl innerhalb als auch außerhalb Sri Lankas ist Sunila Abeysekera international als eine der herausragenden Menschenrechtsaktivisten des Landes anerkannt. In einem Krieg, der von ethnischen Spannungen angeheizt wird, lehnt sie es ab, Position für die eine oder die andere Seite zu beziehen. Sie verurteilt die Menschenrechtsverstöße der Regierung genauso wie die der bewaffneten Separatisten, die sich die Tamilischen Tiger nennen. Mit ihrer Neutralität und ihrem entschlossenen Engagement hat sich Frau Abeysekera bei Singhalesen wie bei Tamilen Ansehen erworben. Sie erhielt aber auch Morddrohungen wegen ihrer Arbeit in einem Umfeld, das für Menschenrechtsverteidiger zunehmend schwierig wird. Dennoch hält sie unerschütterlich an ihrer Arbeit fest. Human Rights Watch ehrt Sunila Abeysekera, weil sie Brücken zwischen den ethnischen Gruppen in Sri Lanka schlägt und für die Menschenrechte aller Bürger des Landes eintritt.  
 

Umida Niazova, Usbekistan

Als langjährige Aktivistin und freie Mitarbeiterin von Radio Free Europe/Radio Liberty sowie anderer Nachrichtenagenturen musste sich Umida Niazova im April 2007 vor einem usbekischen Gericht verantworten. Ihr wurde neben weiteren (sogenannten) Straftaten vorgeworfen, "Material verbreitet zu haben, das die öffentliche Ordnung stört". Obwohl sie eine längere Gefängnisstrafe riskierte, kritisierte Frau Niazova weiterhin die Regierung und ihre repressive Gesetzgebung. "Das ist es, was Demokratie ausmacht", erklärte Umida Niazova dem Gericht. "Wenn wir eine Zivilgesellschaft aufbauen wollen, muss Kritik an den Behörden erlaubt sein".  
Frau Niazova verkörpert in typischer Weise den Kampf usbekischer Menschenrechtsverteidiger, die sich durch Repressionen der Regierung nicht daran hindern lassen, deren Fehlverhalten offen anzuprangern.  
 
Während der drei Jahre, die vergangen sind, seit Regierungstruppen hunderte unbewaffneter Demonstranten in der ostusbekischen Stadt Andischan töteten, haben die Regierenden von Usbekistan ihre weit verbreiteten Schikanen, ihre Verhöre, Hausarreste und willkürliche Verhaftungen von Akteuren der Zivilgesellschaft fortgesetzt. Umida Niazova, eine unabhängige Journalistin aus Taschkent und ehemalige Übersetzerin für Human Rights Watch, wurde im Januar 2007 verhaftet und im Mai 2007 aus politisch motivierten Gründen verurteilt. Als sie gegen das Urteil Berufung einlegte, zwang man sie, die Arbeit von Human Rights Watch zu verdammen und sich öffentlich schuldig zu bekennen. Schließlich wurde sie begnadigt, doch dabei wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass sie ihre Aktivitäten für Human Rights Watch und als Journalistin in Usbekistan nicht wieder aufnehmen würde.  
 
Nachdem die usbekische Regierung heftig von der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten kritisiert worden war, entließ sie in einer symbolischen Geste des Entgegenkommens vor kurzem einige Menschenrechtsverteidiger aus dem Gefängnis,. Diese Freilassungen werden begrüßt. Doch wie die Erfahrungen von Frau Niazova deutlich zeigen, ist Usbekistan noch weit von einer freien Gesellschaft entfernt. Die Regierung bestreitet nach wie vor jede Verantwortung für das Töten von Demonstranten im Mai 2005 in Andischan, und sie bringt all jene zum Schweigen, die die offizielle Version hinsichtlich des Massakers öffentlich anzweifeln. Human Rights Watch ehrt Umida Niazova, die sich unter großen persönlichen Opfern und Risiken für ihre Mitbürger einsetzt und die internationale Gemeinschaft zwang, die beklagenswerte Menschenrechtsbilanz der usbekischen Regierung unter die Lupe zu nehmen.