Firmen, wie z.B. Coca-Cola, die Zucker aus El Salvador kaufen, profitieren von der dortigen Kinderarbeit, erklärte Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Kinderarbeit ist in El Salvador weitverbreitet und mit beträchtlichen Gefahren für die Kinder verbunden.

Um das Zuckerrohr während der Erntearbeiten zu schneiden und die Blätter vom Strunk zu entfernen müssen die Kinder bis zu neun Stunden täglich in glühender Hitze mit Macheten und anderen scharfen Messern hantieren. Nahezu jedes Kind, das von Human Rights Watch für den 139-seitigen Bericht “Turning a Blind Eye: Hazardous Child Labor in El Salvador’s Sugarcane Cultivation” befragt wurde, gab an, es hätte sich während der Erntearbeit mit der Machete in Hände oder Beine geschnitten. Ein ehemaliger Arbeitsinspektor erklärte die Arbeit mit Zuckerrohr wegen eben dieser Risiken zur gefährlichsten aller landwirtschaftlichen Tätigkeiten.

„Kinderarbeit grassiert geradezu epidemieartig in den Zuckerrohrplantagen von El Salvador,“ kritisierte Michael Bochenek, Berater der Kinderrechtsabteilung von Human Rights Watch. „Wenn eine Firma Zucker aus diesem Land kauft, sollte sie sich über diese Tatsache im Klaren sein und auch Mitverantwortung für die Lösung dieses Problems übernehmen.“

Bis zu einem Drittel aller Arbeiter auf den Zuckerplantagen von El Salvador sind Kinder unter 18 Jahren, von denen viele schon im Alter von zwischen acht und dreizehn in den Feldern angefangen haben. Die Internationale Arbeitsorganisation vermutet mindestens 5.000 und möglicherweise bis zu 30.000 Kinder unter 18 Jahren in den salvadorianischen Zuckerplantagen. In El Salvador liegt das offizielle Mindestalter für gefährliche Arbeiten bei 18 Jahren, das für die meisten anderen Arbeiten bei 14 Jahren.

Auf den Plantagen fehlt es oft an ärztlicher Versorgung und wenn sie vorhanden ist, müssen die Kinder meistens für die Behandlung selbst bezahlen. Vom Arbeitgeber werden die Kosten nicht erstattet, obwohl gemäß der Bestimmungen im salvadorianischem Arbeitsrecht der Arbeitgeber für Behandlungskosten aufkommen muss, die durch Arbeitsunfälle entstehen.

Die Zuckerfabriken und Firmen in El Salvador, die den einheimischen Zucker kaufen oder benutzen, wissen oder sollten wissen, dass ihr Produkt teilweise durch Kinderarbeit geerntet wird. Coca-Cola z.B. verwendet den einheimischen Zucker für seine in El Salvador verkauften Getränke. Die örtliche Getränkeabfüllfirma des Softdrink-Konzerns bezieht ihre Raffinade von der größten Zuckerfabrik in El Salvador, Central Izalco. Mindestens vier der Plantagen, die ihr Zuckerrohr an Central Izalco liefern, so enthüllten Nachforschungen von Human Rights Watch unter den Arbeiten, lassen regelmäßig Kinder für sich arbeiten.

Human Rights Watch legte Coca-Cola die Informationen vor, die von dem Softdrink-Hersteller nicht dementiert wurden. Die Getränkefirma hat zwar für ihre Lieferanten einen Regelkodex (mit dem Namen „Guiding Principles for Suppliers to The Coca-Cola Company”) ausgearbeitet, dieser ist jedoch so gehalten, dass er sich nur auf die Direktlieferanten wie Zuckerfabriken erstreckt, die Plantagen jedoch nicht mit einschließt. In diesen „Guiding Principles“ ist z.B. festgelegt, dass die Direktlieferanten von Coca-Cola sich „der Kinderarbeit im Sinne der örtlichen Gesetze nicht bedient“. Die Frage, ob diese Direktlieferanten wiederum dafür verantwortlich sind, dass ihre eigenen Lieferanten für gefährliche Arbeiten keine Kinder einsetzen, wird jedoch nicht angesprochen.

„Wenn Coca-Cola wirklich keine Mitschuld an risikoreicher Kinderarbeit haben will,“ macht Bochenek klar, „dann muss sich die Firma auch darüber klar werden, dass ihre Verantwortung für die Einhaltung der Menschenrechte nicht bei ihren Direktlieferanten aufhört.“

Ein weiteres Problem ist, dass Kinder, die in den Zuckerrohrplantagen arbeiten, oft die ersten Wochen oder gar Monate des Schuljahres verpassen. Eine Lehrerin, die in einer ländlichen Gegend nördlich der Hauptstadt El Salvador arbeitet, schätzt beispielsweise, dass ungefähr 20 Prozent ihrer Schüler während der Erntezeit nicht zum Unterricht kommen. Andere brechen die Schule ganz ab. Manche Kinder, die gerne in die Schule gehen möchten, werden zu den gefährliche Arbeiten getrieben, weil sie darin die einzige Möglichkeit sehen, die Schulausbildung zu finanzieren.

El Salvador ist eines der fünf lateinamerikanischen Länder, die sich an einem Programm der Internationalen Arbeitsorganisation zur Bewältigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit beteiligt. Im salvadorianischen Arbeitsministeriums behauptet man jedoch, die meisten Kinder, die Zuckerrohr schneiden, würden ganz einfach ihren Eltern dabei „helfen“.

Human Rights Watch fordert die Zuckerfabriken in El Salvador, sowie Coca-Cola und andere Firmen, die in El Salvador Zucker kaufen, dringend dazu auf, in Verträgen mit ihren Lieferanten internationale Normen zu berücksichtigen und die Einhaltung dieser Normen auch durch die ganze Lieferantenkette zu verlangen. Die Einhaltung sollte auch durch ein Überwachungssystem, das die Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohrplantagen prüft, sichergestellt werden.

Nach der Veröffentlichung des Berichts wird dieser auf Englisch über folgenden Link aufzurufen sein:
https://www.hrw.org/reports/2004/elsalvador0604/