Die trauernde Familie von Leono Wambiti, der an Schussverletzungen starb, die ihm Seleka-Kämpfer zugefügt hatten. Am 23. Januar um 9 Uhr morgens, hatten die Seleka-Kämpfer auf Wambiti und zwei weitere Männer geschossen und Wambiti schwer am Kiefer und Bein verletzt. Die Kämpfer blieben noch bis 15 Uhr in der Gegend und ließen Wambiti blutend auf der Brücke zurück. Als Dorfbewohner ihn schließlich, sechs Stunden später bergen konnten, brachten sie ihn in den Busch, wo er sich neun Tage lang ohne ärtzliche Behandlung versteckte. Er starb am 2. Februar, dem Tag an dem die Seleka Sibut verließen. 2. Februar 2014.

© 2014 Marcus Bleasdale/VII für Human Rights Watch

(Bangui) – Bewaffnete Seleka-Offiziere und Kämpfer verlassen ihre Stützpunkte in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, um sich im Nordosten des Landes neu zu gruppieren und eine weitere Welle grausamer Angriffe gegen die Zivilbevölkerung zu beginnen, so Human Rights Watch. In einigen Fällen haben tschadische Friedenstruppen die Bewegung bewaffneter Seleka-Anführer begünstigt, die für schwere Vergehen verantwortlich waren.

Im Januar 2014 folterten und töteten Seleka-Kämpfer Zivilisten nahe der Stadt Sibut, in der sich frühere Rebellen neu gruppiert hatten. Seleka-Kämpfern gelang es, die Stützpunkte, auf die sie von Friedenstruppen der Afrikanischen Union beschränkt worden waren, zu verlassen, entweder indem die Kämpfer die Kontrollpunkte umgingen oder sich gemeinsam mit stark bewaffneten Konvois der tschadischen Truppen bewegten.

„Wenn die Afrikanische Union die Zivilbevölkerung der Zentralafrikanischen Republik effektiv schützen will, muss sie den skrupellosen Aktivitäten der tschadischen Friedenstruppen Einhalt gebieten“, sagte Peter Bouckaert, der Leiter der Krisenabteilung von Human Rights Watch. „Die tschadischen Truppen sollen es den Seleka-Kämpfer nicht ermöglichen, Jagd auf die Zivilbevölkerung zu machen.“

Unter den größtenteils muslimischen Seleka-Kämpfern sind viele tschadische und sudanesische Söldner. Die Friedenstruppe der Afrikanischen Union, bekannt als MISCA, soll die Zivilbevölkerung schützen und ist seit Dezember 2013 einsatzfähig. Auch tschadische Truppen sind teil der Friedenstruppen. Die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte berichtete im Januar 2014 nach einer Beobachtungsmission im Dezember 2013, dass sie mehrere Beleg über Absprachen zwischen einigen tschadischen Friedenstruppen und den Seleka-Kämpfern erhalten habe.

Dazu gehörte ein Bericht, dass sie am 5. Dezember gemeinsam von Tür zu Tür gegangen sind, auf der Suche nach Mitgliedern der Anti-Balaka – christliche Milizen, die sich gegen die Seleka gebildet hatten, aber häufig muslimische Zivilisten attackiert haben – und willkürlich mindestens elf Menschen getötet haben. Darunter seien auch ältere Frauen und Kranke oder geistig behinderte Personen gewesen.

Seit Dezember versucht MISCA gemeinsam mit der französischen Truppe Sangaris, die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik einzudämmen, indem sie den Bewegungsraum der Seleka und deren Waffen auf Stützpunkte in Bangui beschränkten. Ende Januar dokumentierte Human Rights Watch jedoch eigenständige Bewegungen der Seleka oder in Begleitung der tschadischen Fridenstruppen, die mit einer neuen Welle von Verbrechen zusammenfielen.

Die Afrikanische Union soll mit Unterstützung der Vereinten Nationen umgehend alle tschadischen Truppen, die in MISCA integriert sind, entlassen oder deren Vorgehen untersuchen, wenn es glaubwürdige Belege gibt, dass sie in schwere Verbrechen verwickelt sind, etwas Seleka-Kämpfer unterstützen, die für Menschenrechtsverbrechen verantwortlich sind.

Die Vereinten Nationen, regionale Organisationen und Länder die MISCA unterstützen sollen genauestens überprüfen, ob ihre Unterstützung nicht tschadischen Gruppen zugute kommt, die entweder Verbrechen gegen die Menschenrechte begehen oder die Seleka dabei begünstigen.

„Friedenstruppen müssen unabhängig sein, damit sie effektiv agieren können,“ sagte Bouckaert. „Die Afrikanische Union soll genau untersuchen, ob tschadische Friedenstruppen die Zivilbevölkerung dadurch gefährden, dass sie Seleka-Kämpfer unterstützen.“

Tötungen und Folter durch Seleka in der Gegend um Sibut

Am 16. Januar 2014 haben Kämpfer der Seleka und der Anti-Balaka-Milizen versucht, ein Treffen abzuhalten, das von lokalen Autoritäten und religiösen Anführern gefördert wurde. Obwohl Seleka-Kämpfer versichert hatten, die unbewaffneten Anti-Balaka-Führer nicht anzugreifen, richteten sie alle drei Anti-Balaka Vertreter hin. Darüber hinaus attackierten sie Menschen, die das Treffen beobachten wollten, wobei mindestens 16 weitere Menschen getötet wurden. Die Seleka-Kämpfer verweigerten Freiwilligen des lokalen Roten Kreuzes den Zugang zu der Gegend, um die Leichen zu beerdigen, von denen die letzten sechs am 21. Januar geborgen wurden.

Ein Mitglied des lokalen Roten Kreuzes sagte gegenüber Human Rights Watch:

Sie haben die drei Anti-Balaka-Vertreter während des Treffens getötet. Sie haben sie hingerichtet und auf alle anderen geschossen. Sie haben so viele Menschen getötet. Zusätzlich zu den drei Anti-Balaka-Vertretern gab es 16 Tote, die von ihren Familien beerdigt wurden. Aber es gab sechs weitere Leichen in der Nähe ihres Stützpunktes, die wir erst am 21. Januar bergen konnten. Sie betrachten jeden in Sibut als Mitglied der Anti-Balaka.

Die Seleka-Kämpfer schießen häufig auf Zivilisten in Sibut. Am 23. Januar um 9 Uhr morgens erschossen sie drei Männer, die die Hauptbrücke in die Stadt überquerten. Die Seleka-Kämpfer töteten zwei der drei Männer und verletzten den 18-jährigen Leono Wambiti schwer, indem sie seinen Kiefer und sein Bein zersplitterten. Die Seleka-Kämpfer blieben in der Gegend bis nach 15 Uhr, ließen Wambiti jedoch blutend auf der Brücke zurück. Den Dorfbewohnern gelang es erst sechs Stunden, nachdem Wambiti verwundet worden war, ihm zu helfen. Sie brachten ihn im Busch in Sicherheit, wo er neun Tage ohne jegliche medizinische Versorgung blieb. Am 2. Februar, dem Tag als die Seleka-Kämpfer Sibut verließen, starb Wambiti an seinen infizierten Wunden.

Am 28. Januar nahm eine acht-köpfige Gruppe von Seleka-Kämpfern den 21-jährigen Abraham Ngieri und zwei weitere junge Männer, Michel Ngodji, 31, und Franku Mois, 24, in Sibut fest und brachten sie in den Hauptstützpunkt der Seleka im Büro des Bürgermeisters von Sibut. Vor versammelten Seleka-Kommandanten fesselten die Kämpfer die drei Männer und folterten sie über fünf Stunden mit Messerstichen mit dem Ziel, die Lage der Anti-Balaka-Stützpunkte in der Gegend zu erfahren. Als deutlich wurde, dass die Männer die Lage der Stützpunkte nicht kannten, befahl der Seleka-Kommandant von Sibut, General Rakis, seinen Kämpfern, die Männer wegzubringen und zu töten.
Ngieri, der trotz seiner schweren Verletzungen die Attacke überlebte, sagte er gegenüer Human Rights Watch:

Der Kommandant der Gegend befahl, uns wegzubringen und zu töten. Ungefähr neun von ihnen brachten uns in einen blauen Allrad-Pickup. Wir waren immer noch im Arbatasher-Stil gefesselt (mit den Armen und Beinen hinter dem Rücken), und sie haben uns in ein Haus einige Kilometer entfernt von der Stadt gebracht. Dann haben sie wieder auf uns eingestochen und das Haus in Flammen gesetzt. Ich konnte nur entkommen, weil die Seile durchbrannten und ich mich befreien konnte; doch die anderen sind in den Flammen gestorben.

Am 29. Januar sind patrouillierende Seleka-Kämpfer in Sibuts Bezirk Isolé von Tür zu Tür gegangen, auf der Suche nach Männern, die sie entführen können. Sie gingen in das Haus von Arsène Datunu, 30, der seine vier Kinder beaufsichtigte, während seine Frau auf dem Markt war, und nahmen ihn und seinen Bruder Gongéré Datunu mit, ebenso wie einen dritten Mann aus dem Bezirk. Die Seleka-Kämpfer fesselten die Männer im Arbatasher-Stil und brachten sie in ein Dorf fünf Kilometer nördlich von Sibut, wo sie die Männer hinrichteten und die Leichen zurückließen.

Gräueltaten der Seleka auf der Straße zwischen Bangui und Sibut

Ende Januar verließen etwa 500 bewaffnete Seleka-Kämpfer und Kommandanten zu Fuß das Camp Kassai in Bangui. Sie entführten Zivilisten in der Gegend und zwangen diese, Munition und Gepäck der Seleka zu tragen. Auf ihrem Weg nach Norden attackierten die Kämpfer Zivilisten in Dörfern, die an der Straße lagen.

In der Nacht vom 29. Januar erreichten Seleka-Kämpfer das Dorf Pata, 60 Kilometer nördlich von Bangui. Sie nahmen neun Männer in dem Dorf gefangen und brachten sie auf die Hauptstraße. Dort richteten sie vier der Männer hin, bevor sie mit den übrigen fünf weiterzogen. Am nächsten Tag fanden Bewohner des Dorfes Vangué, das ungefähr 50 Kilometer von Pata entfernt ist, die Leichen der übrigen fünf Männer zwischen Bananenbäumen, wo eine Woche vorher ein Lastwagen der Seleka liegengeblieben war. Anti-Balaka-Kämpfer hatten den Lastwagen geplündert, daher drängt sich die Vermutung auf, dass die Seleka-Kämpfer die Hinrichtungen aus Rache für die Plünderung begangen haben.

Am 1. Februar kam es nahe Damara, 80 Kilometer nördlich von Bangui, zu einem Feuergefecht zwischen dem Seleka-Konvoi und lokalen Anti-Balaka-Kämpfern. Dabei gelang es einigen entführten Zivilisten zu entkommen.

Ein 50-jähriger Mann, Koch eines bekannten Restaurants in Bangui, und sein 24-jähriger Sohn gehörten zu denen, die die Seleka bei ihrer Abreise aus Bangui entführt hatten. Sie berichteten Human Rights Watch in der Nähe von Damara, wie sie und andere gezwungen worden waren, schwere Munition und schweres Gepäck der Seleka-Kämpfer zu tragen. Am sechsten Tag richteten die Kämpfer zwei der entführten Zivilisten hin, weil sie die Lasten nicht mehr tragen konnten.

„Sie wurden zusammen erschossen“, berichtete der Mann Human Rights Watch: „Sie hatten sich hingesetzt, weil sie zu erschöpft waren. Die Kämpfer befahlen ihnen aufzustehen und das konnten sie nicht mehr, also haben die Kämpfer sie einfach erschossen.“ Am 1. Februar erschossen die Seleka weitere vier Menschen im Dorf Ngupe, die fliehen wollten, so berichteten die zwei Zeugen.

Tschadische Truppen unterstützen Seleka-Anführer

Am 26. Januar um 16.30 Uhr haben Mitarbeiter von Human Rights Watch einen stark bewaffneten Konvoi der tschadischen Friedenstruppen ungefähr 60 Kilometer nördlich von Bangui gefilmt. Der Konvoi bestand aus mindestens acht Pick-up-Lastwagen mit Seleka-Kämpfern und einigen Anführern, so wie General Mahamat Bahr, den Human Rights Watch einen Tag vor seiner Flucht getroffen hatte.

Am 31. Januar hatte General Bahr telefonisch Kontakt zu Human Rights Watch aufgenommen, um zu sagen, dass er im Konvoi der tschadischen Friedenstruppen nach Bossangoa gereist war, einer wichtigen Stadt im Nordwesten des Landes. Die tschadischen Friedenstruppen sollten Truppen der Demokratischen Republik Kongo ablösen, die seit Monaten in Bossangoa stationiert waren. Nach der Übernahme in Bossangoa erlaubten die tschadischen Truppen einem weiteren Seleka-Anführer, Kolonel Saleh Zabadi, und seiner Truppe, den Stützpunkt, auf den sie begrenzt worden waren, zu verlassen und mit General Bahr und weiteren Seleka Kommandanten in die nördlich gelegenen Städte Sibut, Kaga Bandoro und Kabo zu gehen, wo sich die Seleka-Anführer mit ihren Truppen neu gruppierten.

In dem Bericht „They came to kill“ vom Dezember 2013 dokumentierte Human Rights Watch wie Kolonel Zabadi, der damalige stellvertretende Kommandeur von Bossangoa, am 18. November befahl, sieben Bauern zu ertränken, denen fälschlicherweise vorgeworfen worden war, Milizionäre der Anti-Balaka zu sein. Die Bauern wurden gefesselt und in den Fluss Ouham geworfen; drei überlebten. Human Rights Watch traf Zabadi und Bahr im Dezember, um sie mit entsprechenden Belegen zu konfrontieren und um sie zu warnen, dass derartige Verbrechen strafrechtliche Konsequenzen haben können.

Die Friedensmission MISCA, die Zivilpersonen schützen soll, bemüht sich um Stabilität in der Zentralafrikanischen Republik, indem Seleka-Kämpfern befohlen wurde, in ihren Stützpunkten zu bleiben, um sie an bewaffneten Streifzügen zu hindern. Ein Mitglied der Friedenstruppe berichtete Human Rights Watch jedoch, dass die tschadischen Truppen außerhalb ihres Auftrages handelten, indem sie bewaffnete Seleka-Anführer eskortieren.

Der Hintergrund des Konflikts

Die größtenteils muslimischen Seleka-Truppen, die im März 2013 die Macht ergriffen hatten, sind für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, unter anderem Massaker, Vergewaltigungen, Hinrichtungen, Folter sowie das Niederbrennen Hunderter Dörfer, wie Human Rights Watch dokumentiert hat. Wegen der weit verbreiteten Verbrechen der Seleka verließ ein Fünftel der Bevölkerung ihre Häuser, um unter schlimmen Zuständen im Busch oder in Lagern für Binnenflüchtlinge zu leben.

Im September nahmen die größtenteils christlichen Anti-Balaka-Milizen den Kampf gegen die Seleka auf. Im Laufe der vergangenen zwei Monate haben Racheakte gegen die muslimische Gemeinschaften zugenommen, die unter anderem Massaker, Hinrichtungen, Folter und weit verbreitetes Niederbrennen und Plündern von muslimischen Häusern beinhalten. Dadurch glitt die Zentralafrikanische Republik immer stärker in eine Spirale der Gewalt. Aus Angst vor solchen Gräueltaten flohen Muslime aus vielen Städten im Nordwesten des Landes, unter andererm aus Bossangoa und Bouca, wo einst viele Muslime lebten.

Im Januar 2014 trat der frühere Seleka-Anführer Michel Djotodia, der im August 2013 zum Präsidenten erklärt worden war, auf einem Gipfeltreffen in Ndjamena, Tschad, zurück. Dort hatte sich der Nationale Übergangsrat für die Zentralafrikanische Republik versammelt, um einen neuen Übergangspräsidenten zu bestimmen. Catherine Samba-Panza, die frühere Bürgermeisterin von Bangui, legte am 23. Januar ihren Amtseid ab. Sie übernimmt eine sehr schwache Regierung, eine humanitäre Krise sowie einen andauernden Konflikt, der Auswirkungen auf die gesamte Region hat.