Nach einem mutmaßlichen Angriff mit Chemiewaffen wird ein Opfer per Sauerstoffmaske beatmet, Jesreen, Vorort von Damaskus, 21. August 2013. © 2013 Reuters

(New York) – Augenzeugen in Ost- und West-Ghouta bei Damaskus beschrieben Symptome, die auf den Einsatz von Nervengift während der Angriffe durch Regierungstruppen am 21. August 2013 hindeuten. Dabei wurden mehrere hundert Zivilisten getötet und Hunderte weitere verletzt.

Sieben Anwohner und zwei Ärzte, die erste Hilfe leisteten, berichteten gegenüber Human Rights Watch, dass Hunderte Menschen, darunter auch viele Kinder, während der Angriffe, die am Mittwoch früh morgens begannen, erstickt seien. Die vielen Todesopfer bei einem einzigen Angriff lassen vermuten, dass schwerwiegende Verbrechen begangen worden sind. Im staatlichen Fernsehsender bestritt die syrische Regierung, Giftgas in Ost-Ghuta, einem von der Opposition weitgehend kontrollierten Gebiet, eingesetzt zu haben.

„Viele Menschen in Ghouta sind gestorben. Ärzte und Augenzeugen beschreiben schreckliche Details, die auf einen Einsatz chemischer Waffen hinweisen, während die Regierung die Vorwürfe zurückweist“, so Joe Stork, kommissarischer Direktor der Abteilung Naher Osten. „Um herauszufinden, was wirklich geschehen ist, soll den UN-Inspektoren Zugang zu den Gebieten gewährt werden.“

Unabhängig davon, ob tatsächlich chemische Waffen eingesetzt wurden, sind durch den Angriff Hunderte Zivilisten ums Leben gekommen. Die Verantwortlichen dieses Verbrechens müssen zur Rechenschaft gezogen werden, so Human Rights Watch. Die Regierung soll dem UN-Expertenteam, das sich zurzeit in Damaskus aufhält, sofortigen Zugang zu den Gebieten gewähren.

Augenzeugen berichteten Human Rights Watch, dass Anwohner mehrerer Orte offensichtlich von den – wie diese selbst meinen – Chemiewaffen betroffen waren. Sie wurden von Raketen transportiert, die aus von der Regierung kontrollierten Gebieten in Damaskus abgeschossen worden waren. Zamalka, Ayn Tarme und Moadamiya waren von den Raketenangriffen betroffen.

„Da war eine grosse Rauchwolke, die das Gebiet überdeckte“, so ein Aktivist aus Ayn Tarma zu Human Rights Watch. „Die meisten von uns hatten Atemmasken, um unseren Mund zu bedecken, aber unsere Augen blieben ungeschützt. Alle husteten und einige erstickten.“

Mithilfe von Satellitenbildern stellte Human Rights Watch fest, dass die betroffenen Orte vorwiegend Wohngebiete sind. Dort befinden sich außerdem noch Lagerhallen, Märkte und Gewerbeflächen an der Peripherie, die an die wichtigen Fernverkehrsstrassen grenzt. Es gibt weder offensichtliche chemische oder andere industrielle Anlagen in dem Gebiet. Auch lassen sich keine großen Militärbasen oder ähnliche Einrichtungen erkennen. Dies deutet darauf hin, dass die Todesfälle nicht auf konventionelle Waffen zurückzuführen sind, die in eine derartige Einrichtung eingeschlagen sind.

Human Rights Watch identifizierte eine Fabrik für Arzneimittel, Tameco Pharmaceutical, mit neun kleinen Hochdruckvorratsbehältern, die womöglich für Druck- oder Flüssiggas verwendet wurden. Doch die Fabrik liegt mehr als zwei Kilometer südlich von Ayn Tarma. Es ist unwahrscheinlich, dass diese die Ursache für die großflächige Freisetzung chemischer Stoffe gewesen sein könnte.

Nach Angaben zweier Ärzte sollen die Betroffenen an Symptomen wie Ersticken, Atemnot, Muskelkrämpfen, Übelkeit, Schaumbildung am Mund, austretender Flüssigkeit aus Nase und Augen, Schwindelgefühl, Sehstörungen sowie roten, gereizten Augen in Verbindung mit einer Pupillenverengung gelitten haben. Die Symptome sind üblicherweise im Zusammenhang mit einer Nervengasvergiftung zu beobachten.

Die Ärzte sowie andere Personen, die erste Hilfe leisteten, berichteten, dass die Medikamentenvorräte zur Neige gegangen seien, um die Verletzten zu behandeln - einschließlich Atropin, Epinephrin, Hydrocortison sowie Dexamethason.

Das amerikanische Center for Disease Control und Prevention verzeichnet Atropin und das Obidoximchlorid als Antitoxine für Nervenvergiftungen. Das Obidoximchlorid muss jedoch innerhalb weniger Stunden verabreicht werden, um wirksam zu sein. Die Notfallteams sind ebenfalls gefährdet, wenn die geeigenete Schutzausrüstung fehlt.

Seit Anfang 2012 belagern Regierungstruppen die von Oppositionellen kontrollierten Städte in Ost-Ghouta bei Damaskus. Nach Angaben von oppositionellen Aktivisten leiden die etwa  eine Million Bewohner der Region seit langem an Stromausfällen sowie Wasser-, Brennstoff- und Lebensmittelmangel. Die Regierung soll umgehend die Lieferung von Nahrung und medizinischen Gütern ermöglichen; zudem sollen Experten für Krisenregionen umgehen Zugang zu Ost- und West-Ghouta erhalten.

Die UN-Mission zur Untersuchung des Einsatzes chemischer Waffen in Syrien, geleitet von Ake Sellstrom, begann ihre Untersuchung am 19. August 2013. Gemäß den Vereinbarungen mit der syrischen Regierung ist dem UN-Expertenteam der Zugang zu drei Orten erlaubt, an denen möglicherweise Chemiewaffen verwendet worden sind, darunter auch Khan al-Asal in Aleppo.

Die syrische Regierung soll der UN-Mission auch Zugang zu Ost- und West-Ghouta ermöglichen, um zu untersuchen, ob chemische Waffen eingesetzt wurden. Zudem soll sie eng mit der von Paulo Pinheiro geleiteten unabhängigen internationalen UN-Untersuchungskommission zu Syrien zusammenarbeiten und ihr Zugang gewähren, damit die Verantwortlichen für den Angriff benannt werden können.

Im Anschluss an seine außerordentliche Sitzung soll der UN-Sicherheitsrat die syrische Regierung sowie die oppositionellen Gruppen auffordern, den UN-Inspektoren sofortigen Zugang zu den betroffenen Gebieten zu geben und uneingeschränkt zu kooperieren. Human Rights Watch fordert zudem den UN-Sicherheitsrat zum wiederholten Male auf, die Situation in Syrien an den Internationalen Strafgerichtshof zu verweisen, damit die Verantwortlichen für alle Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden.

Syrien gehört nicht den 189 Staaten an, die die Chemiewaffenkonvention von 1993  über das Verbot der Entwicklung, Herstellung, Lagerung und des Einsatzes chemischer Waffen und über die Vernichtung solcher Waffen unterzeichnet haben. Der Einsatz chemischer Waffen ist verantwortungslos und widerspricht den Normen der Konvention. Es gibt absolut keine Rechtfertigung für die Verwendung solch schrecklicher Waffen, so Human Rights Watch.

„Wenn die syrische Regierung nichts zu verbergen hat, soll sie den Inspektoren uneingeschränkten Zugang zu allen Gebieten in Syrien gestatten, wo möglicherweise Chemiewaffen eingesetzt worden sind, solange noch Beweise gesammelt werden können“, so Stork.