Einer medizinischen Testreihe im Jahr 2009 zufolge zeigten mindestens 615 der 731 Kinder, die in den beiden Dörfern nahe dieses Schmelzwerks in der chinesischen Provinz Shaanxi leben, extrem hohe Bleibelastungen in ihrem Blut.

© 2009 Associated Press

(Hong Kong, 15. Juni 2011) – Chinesische Regierungsbeamte in Provinzen mit starker industrieller Schadstoffbelastung beschränken den Zugang zu Bleitests, unterschlagen oder verfälschen deren Ergebnisse und verweigern betroffenen Kindern medizinische Behandlung, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Angehörige und Journalisten, die sich über das Problem informieren wollen, werden eingeschüchtert und schikaniert. Dieses Vorgehen verletzt chinesisches Recht und verurteilt Tausende Kinder zu dauerhafter geistiger und körperlicher Behinderung.

Der 75-seitige Bericht „‘My Children Have Been Poisoned’: A Public Health Crisis in Four Chinese Provinces“ stützt sich auf Recherchen in Dörfern mit hoher Bleibelastung in den Provinzen Henan, Yunnan, Shaanxi und Hunan. Er dokumentiert, wie die Lokalbehörden trotz zunehmender Regulierung und sporadischer Kontrollen von Fabriken die unmittelbaren und langfristigen gesundheitlichen Folgen der Bleiverseuchung ignorieren. So wächst eine Generation von Kindern heran, die fortwährend lebensbedrohlichen Mengen von Blei ausgesetzt sind.

„Kindern mit gefährlich hohen Bleiwerten im Blut wird die Behandlung verweigert. Anschließend schickt man sie zurück in kontaminierte Häuser und verseuchte Dörfer“, so Joe Amon, Leiter der Abteilung Gesundheit und Menschenrechte bei Human Rights Watch. „Eltern, Journalisten und engagierte Bürger die ihre Stimme erheben, werden verhaftet, schikaniert und zum Schweigen gebracht.“

In den vergangenen zehn Jahren wurden im ganzen Land zahlreiche Fälle von Bleivergiftungen gemeldet. Daraufhin äußerten Vertreter des Umweltministeriums sich stärker zu dem Thema und wiesen die Lokalbehörden an, verstärkt Fabriken zu überwachen und bestehende Umweltgesetze durchzusetzen. Das Ministerium erklärte zudem, es werde Firmen und Lokalbeamte, die gegen die Umweltbestimmungen verstoßen, strafrechtlich belangen.

Diese Versprechungen reichen jedoch nicht aus, um den gesundheitlichen Folgen der Bleivergiftungen zu begegnen. Die Behörden müssen dafür sorgen, dass den direkten und langfristigen medizinischen Bedürfnissen der Menschen in den kontaminierten Dörfern entsprochen wird und die verseuchten Gebiete gereinigt werden.

„Es reicht nicht aus, Fabrikbesitzer und Behörden zu bestrafen, nachdem ein Dorf verseucht wurde“, so Amon. „Die Regierung muss die medizinische Versorgung der Betroffenen gewährleisten und sicherstellen, dass Kinder anschließend nicht wieder gefährlichen Mengen von Blei ausgesetzt sind.“

Der Bericht dokumentiert, wie der Zugang zu Bluttests durch die Lokalbehörden in den bleiverseuchten Gebieten willkürlich eingeschränkt wird, etwa indem nur Menschen, die in einem kleinen Umkreis in der Nähe der untersuchten Fabrik leben, zugelassen wurden. Wenn Tests durchgeführt wurden, waren die Ergebnisse häufig widersprüchlich oder sie wurden den Opfern und ihren Familien vorenthalten. Kindern mit erhöhten Bleiwerten im Blut, die eine Behandlung entsprechend nationaler Richtlinien benötigen, wurde die Behandlung verweigert oder es wurde ihnen schlichtweg empfohlen, nur gewisse Nahrungsmittel wie Äpfel, Knoblauch, Milch oder Eier zu essen.

Blei ist hochgiftig und kann neurologische, biologische und kognitive Körperfunktionen beeinträchtigen. Die Aufnahme größerer Mengen Blei kann Gehirn-, Leber-, Nieren-, Nerven- und Magen-Schäden verursachen und zu Blutarmut, Koma, Krämpfen und sogar zum Tod führen. Kinder sind besonders empfindlich. Erhöhte Bleiwerte im Blut können dauerhafte geistige Behinderung und Entwicklungsschäden zur Folge haben. Dazu zählen Lese- und Lernschwächen, Verhaltensprobleme, Gehörverlust, Konzentrationsschwäche sowie Störungen der Entwicklung des Sehvermögens und der Motorik.

Der Bericht beschreibt die Erfahrungen Dutzender Eltern, deren Kinder an den akuten und chronischen Folgen einer Bleivergiftung leiden. Eine Mutter aus Yunnan sagte:

„Der Arzt sagte uns, alle Kinder in diesem Dorf hätten eine Bleivergiftung. Einige Monate später sagten sie, alle Kinder seien gesund. Sie ließen uns die Testergebnisse nicht sehen.“

Eine Großmutter aus der Provinz Shaanxi beschreibt ihre Versuche, die Behandlung ihres Enkels zu erreichen:

„Die Regierung gab uns etwas Knoblauch und sagte, wir sollten unserem Enkel besonders viel Knoblauch geben. Wir fragen nach Medikamenten – etwas, was ihm helfen würde. Sie sagten, sie würden uns keine geben, weil Medikamente bei Bleivergiftungen nicht wirkten.“

In den vergangenen Jahren hat die chinesische Regierung eine Reihe von Umweltbestimmungen vorangetrieben, um die weit verbreitete industrielle Verschmutzung mit Blei zu begrenzen und Umwelt und Öffentlichkeit zu schützen. Die Regeln wurden jedoch uneinheitlich durchgesetzt, und es wurde beinahe nichts unternommen, um die Bleibelastung in Dörfern, die bereits schwer belastet sind, zu reduzieren. Durch den mangelhaften Schutz der Rechte der Menschen in diesen Dörfern auf Gesundheitsversorgung und eine gesunde Umwelt verletzt China seine Verpflichtungen nach dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte und der UN-Kinderrechtskonvention.

Human Rights Watch machte eine Reihe von Empfehlungen für den Umgang mit der Bleiproblematik. So soll das Gesundheitsministerium gewährleisten, dass wissenschaftlich erprobte Methoden angewandt werden, um die Risikozone zu bestimmen, innerhalb derer das Risiko einer gefährlichen Bleiexposition besteht. Es soll zudem sicherstellen, dass allen Menschen in dieser Zone ein kostenloser Bluttest angeboten wird. Den Opfern von Bleivergiftungen sollen die Gesundheitsbehörden medizinische Behandlungen, deren Wirkung empirisch belegt ist, und eine Einzelfallbetreuung anbieten. Das Umweltministerium soll unverzüglich die Bleibelastung im Umfeld von Fabriken, die sich in der Nähe von Wohngebieten befinden, testen und die Umweltgesetzgebung reformieren. Fabriken, die eine unmittelbare Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen, sollen geschlossen werden, bis sie die nationalen Emissionsstandards erfüllen. Die Regierung soll ihrer Ankündigung, Beamte und Fabrikbesitzer strafrechtlich zu verfolgen, die gegen die Umweltbestimmungen verstoßen, konkrete Schritte folgen lassen.

„Der chinesischen Regierung wird allmählich klar, dass die ökologischen Folgen massiver toxischer Verschmutzung nicht hinnehmbar sind“, so Amon. „Leider hat sie es bislang versäumt, sich um die Hunderttausenden, wenn nicht Millionen Betroffenen zu kümmern, die mit den gesundheitlichen Folgen der Gleichgültigkeit ihrer Regierung zu kämpfen haben.“

Von Human Rights Watch gesammelte Aussagen von Eltern, deren Kinder Opfer von Bleivergiftungen geworden sind:

„[Mein Sohn] hatte sich schon lange krank gefühlt und wir wussten nicht, was ihm fehlte. Im August, als viele Kinder auf Bleivergiftungen getestet wurden, brachten wir ihn für einen Test zum Arzt. Sein Ergebnis war 8 μg/dL. Im September brachten wir ihn in eine andere Stadt, um einen weiteren Test zu machen. Das Ergebnis war 22 μg/dL.“
- eine Mutter aus der Provinz Henan

„Wir lassen unsere Kinder mit dem Bus in eine Schule in der Stadt bringen, damit sie nicht in der Verschmutzung zur Schule gehen. Trotzdem leben, schlafen und essen sie hier. Und die Fabrik wurde wiedereröffnet und verschmutzt immer noch alles. Wenn die Regierung unseren Kindern wirklich helfen wollte, würden sie die Fabrik schließen.“
- eine Mutter aus der Provinz Shaanxi

„Die Lokalbehörden sagen, dass alle Kinder in diesem Dorf getestet wurden, dass sie ein bisschen bleivergiftet sind und mehr Äpfel essen und Milch trinken sollten. Ich verstehe das nicht – sind unsere Kinder trotzdem krank? Niemand antwortet auf unsere Fragen.“
- eine Mutter aus der Provinz Yunnan

„Wir haben Angst, über Bleivergiftungen oder die Fabrik zu reden, oder darüber, was wir tun sollen, weil wir keine Probleme mit den Lokalbehörden haben wollen.“
- ein Dorfbewohner auf der Provinz Shaanxi

„Mein Sohn ist krank, aber ich habe kein Geld, um ihn zum Arzt zu bringen. Der Arzt sagte, ich soll ihm mehr Milch geben, das war alles. Die Fabrik ist immer noch in Betrieb. Was sollen wir tun? Ich habe Angst, zu den Lokalbehörden zu gehen und um Hilfe zu bitten, weil ich nicht verhaftet werden will.“
- ein Vater aus der Provinz Henan

„Sie betreiben die Fabrik weiter und zwingen uns umzuziehen. An dem Ort, an den wir ziehen sollen, haben wir nichts, wovon wir leben könnten, weil es dort kein Land für uns gibt, das wir bewirtschaften können. Die Regierung sagt, dass sie uns zurückbringen werden, damit wir etwas anbauen und unser Auskommen sichern können – aber unser Land ist immer noch voller Blei.“
- ein Dorfbewohner aus der Provinz Shaanxi