People of different faiths wear the Jewish kippah during a demonstration against antisemitism in Germany in Erfurt, Germany, Wednesday, April 25, 2018.

© 2019 AP Photo/Jens Meyer

Am 24. Mai wurde ein jüdischer Friedhof in Bordeaux, Frankreich, verwüstet. Am 26. Mai warnte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung jüdische Männer davor, in der Öffentlichkeit die Kippa zu tragen, weil Juden in Deutschland immer häufiger angegriffen würden. Am 28. Mai leitete die nationale Menschenrechtsinstitution Großbritanniens eine offizielle Untersuchung des Antisemitismus‘ innerhalb der Labour-Partei ein. Dabei geht es auch um die Frage, ob die Partei Personen auf Grund ihres Jüdischseins diskriminiert, belästigt oder anderweitig ungerecht behandelt hat.

Die Beweise dafür, dass der Antisemitismus in Europa zunimmt, kann inzwischen niemand mehr ignorieren.

Aus einer Umfrage zu Erfahrungen mit und Wahrnehmung von Antisemitismus in Europa der EU-Grundrechteagentur von Dezember 2018 geht hervor: 89% der in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Österreich, Polen, Spanien, Schweden und Ungarn lebenden Juden haben das Gefühl, dass der Antisemitismus in ihren Heimatländern in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat. 85% empfinden ihn als ernstes Problem. Knapp die Hälfte sorgt sich darüber, in der Öffentlichkeit auf Grund ihres Jüdischseins beleidigt oder belästigt zu werden. Mehr als ein Drittel befürchtet körperliche Gewalt.

Einem aktuellen Bericht der französischen Menschenrechtskommission (CNCDH) zufolge nahmen antisemitische Vorfälle im Jahr 2018 verglichen mit dem Vorjahr um 70% zu.

Regierungsangaben zufolge nahmen antisemitische Verbrechen, einschließlich Hassrede, in Deutschland im Jahr 2018 um 20% zu. Aus den Daten geht hervor, dass 62 gewaltsame antisemitische Angriffe zur Anzeige gebracht wurden, im Vorjahr waren es 37. In Großbritannien verzeichnete der Community Security Trust, eine Nichtregierungsorganisation, im Jahr 2018 1.652 antisemitische Vorfälle, bei 123 von ihnen wandten die Täter körperliche Gewalt an.

Angesichts der großen Dunkelziffer bei Hassverbrechen in der EU ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahlen antisemitischer Angriffe in diesen und anderen europäischen Ländern deutlich höher sind.

Die Regierungen in Europa müssen unverzüglich Maßnahmen ergreifen, um rassistische und antisemitische Gewalt zu verhindern. Dazu zählt auch, die Täter zu ermitteln, zu verhaften und strafrechtlich gegen sie vorzugehen. Zudem müssen sich die Regierungen mit Vorurteilen und Stereotypen auseinandersetzen, die unter anderem in öffentlichen Debatten und im Bildungssystem reproduziert werden. Führende Politiker müssen sich klar gegen antisemitische Diskurse positionieren. Und die europäische Öffentlichkeit muss sich jeder Intoleranz und Feindseligkeit gegen ihre jüdischen Nachbarn entgegenstellen.

Auf einem Kontinent, auf dem Gewalt, Feindseligkeit und Diskriminierung von Juden vor wenigen Jahrzehnten zum Holocaust geführt haben, ist für Selbstzufriedenheit kein Platz.