© 2013 Brent Stirton/Reportage by Getty Images for Human Rights Watch

(Juba) – Die Regierung des Südsudan soll Mädchen besser vor Kinderehen schützen, so Human Rights Watch in einem Bericht, der vor dem morgigen Weltfrauentag veröffentlicht wird. Die weitverbreiteten Kinderehen verschärfen die massive Bildungsungleichheit zwischen Jungen und Mädchen und tragen zur hohen Müttersterblichkeit bei. Zudem verletzen sie das Recht von Mädchen, vor Gewalt geschützt zu werden und nur dann zu heiraten, wenn sie in der Lage und bereit dazu sind, ihr freies Einverständnis zu geben.

Regierungsstatistiken zufolge ist fast die Hälfte (48 Prozent) aller südsudanesischen Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren verheiratet. Manche heiraten bereits im Alter von 12 Jahren.

Der 95-seitige Bericht „’This Old Man Can Feed Us, You Will Marry Him:’ Child and Forced Marriage in South Sudan“ dokumentiert die Folgen von Kinderehen. Es gibt kaum Schutz für Betroffene, die sich gegen ihre Verheiratung wehren oder vor Gewalt in der Ehe fliehen. Zahlreiche Hürden erschweren den Zugang zu Entschädigung. Der Bericht basiert auf Befragungen von 87 Mädchen und Frauen aus den Bundesstaaten Central Equatoria, Western Equatoria und Jonglei sowie von Regierungsangehörigen, traditionellen Führern, Gesundheitspersonal, Rechts- und Frauenrechtsexperten, Lehrern, Gefängnispersonal und Angehörigen von Nichtregierungsorganisationen, der Vereinten Nationen (UN) und Geberorganisationen.

„Wenn Mädchen den Mut haben, sich gegen eine frühe Heirat zu wehren, brauchen sie dringend Schutz, Unterstützung und Bildung“, sagt Liesl Gerntholtz, Leiterin der Frauenrechtsabteilung von Human Rights Watch. „Die Regierung des Südsudan soll koordiniert auf Fälle von Kinderheirat reagieren und Polizei und Staatsanwaltschaft über den Schutzanspruch von Mädchen informieren.“

Mädchen berichten, dass sie von Familienangehörigen zur Eheschließung gedrängt wurden, weil diese es auf ihre Mitgift abgesehen hatten oder weil sie verdächtiget wurden, vorehelichen Sex gehabt zu haben. Ein Mädchen, Ageer M., erzählt: „Ich habe ihn abgelehnt, aber sie haben mich verprügelt und gewaltsam zu ihm gebracht. Der Mann zwang mich, mit ihm Sex zu haben, deswegen musste ich bei ihm bleiben.“ Wenige Mädchen wissen, dass sie ein Recht auf Hilfe haben. Diejenigen, die sich gegen frühe und erzwungene Ehen wehren wollen, werden von ihren Familienangehörigen brutal bestraft. Diese Strafen reichen von Beschimpfungen über physische Gewalt bis hin zu Mord.

Der Bericht gibt die Geschichte eines 17-jährigen Mädchens wieder, das im Bundesstaat Lakes studiert. Ihr Vater wollte sie zwingen, einen alten Mann zu heiraten, der ihrer Familie 200 Kühe als Mitgift angeboten hatte. Das Mädchen lehnte ab und sagte: „Ich kenne diesen Mann nicht. Ich habe noch nie mit ihm gesprochen, und er ist nicht in meinem Alter.“ Daraufhin wurde sie in einen nahe gelegenen Wald gebracht, an einen Baum gefesselt und geschlagen, bis sie an ihren Verletzungen starb.

Human Rights Watch fordert die Regierung auf, das Mindestalter für Eheschließungen auf 18 Jahre festzusetzen. Auch soll sie die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau (CEDAW), die Kinderrechtskonvention (CRC) und andere Menschenrechtsverträge ratifizieren sowie ein umfangreiches, familienrechtliches Gesetzespaket verabschieden, das Ehe, Trennung und Scheidung neu regelt.

Die Heirat eines minderjährigen Mädchens unterbricht oder beendet meist ihre Schulausbildung, erhöht das Risiko, Gewalt und Misshandlung zu erleben, und gefährdet ihre Gesundheit. Es kann gravierende Folgen für die Zukunft des Südsudan haben, wenn es der Regierung nicht gelingt, Kinderehen zu bekämpfen. Kinderheirat beeinträchtigt die Bildung, die Gesundheit, die Sicherheit und das wirtschaftliche Vorankommen von Frauen und Mädchen, ihrer Familien und ganzer Gemeinschaften.

„Oft unterbrechen Kinderheiraten die Ausbildung von Mädchen – oder sie können deshalb überhaupt nicht zur Schule gehen“, so Gerntholtz.

Die befragten Mädchen sagten, dass mit der Hochzeit ihre Hoffnungen schwanden, weiter zu Schule zu gehen und Buchhalterinnen, Lehrerinnen oder Ärztinnen zu werden. Wenn Mädchen die Schule verließen, konnten sie ihre Ausbildung nach ihrer Hochzeit oder Schwangerschaft meist nicht mehr fortsetzen.

Aus Statistiken der Regierung für das Jahr 2011 geht hervor, dass der Mädchenanteil nur 39 Prozent an Grundschulen und 30 Prozent an weiterführenden Schulen beträgt.

Darüber hinaus vergrößern Kinderehen das Risiko, dass Mädchen während der Schwangerschaft oder Geburt sterben oder gesundheitliche Beeinträchtigungen davontragen. Medizinische Studien belegen, dass Schwangerschaften und Geburten für junge Frauen gefährlicher sind als für ältere. So kommt es wegen schmalerer Becken und noch nicht vollständig entwickelter Körper öfter zu lebensbedrohlichen Komplikationen während der Geburt. Das betonen auch die wenigen medizinischen Einrichtungen im Südsudan, die auf Prä- und Postnataldiagnostik spezialisiert sind.

Human Rights Watch fordert die Regierung des Südsudan auf mit Unterstützung der Geber:

·         einen umfassenden nationalen Aktionsplan zu entwickeln und zu implementieren, um Kinderheiraten zu verhindern und mit ihren Konsequenzen umzugehen;

·         Richtlinien darüber zu entwickeln und zu implementieren, wie nationale und staatliche Ministerien und Behörden in Fällen von Kinderheirat vorgehen sollen;

·         Weiterbildungsmaßnahmen für die relevanten Mitarbeiter von Regierung und Strafverfolgungsbehörden durchzuführen, um diese über die Rechte von Mädchen nach dem Kindergesetz zu informieren, insbesondere über ihr Recht auf Schutz vor Kinderheirat;

·         eine landesweite Kampagne durchzuführen, um die Öffentlichkeit über die Gefahren von Kinderehen aufzuklären;

·         umfangreiche Gesetzesreformen zu Ehe, Trennung, Scheidung und verwandten Bereichen vorzubereiten; und

·         programmatische und politische Maßnahmen zu ergreifen, damit Mädchen und Frauen Unterstützung finden können, wenn sie sich einer Zwangsheirat widersetzen.

Weltweit heiraten jedes Jahr etwa 14 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag. Ein UNICEF-Bericht aus dem Jahr 2012 zeigt, dass etwa eine von drei Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren geheiratet hat, bevor sie 18 Jahre alt wurde. Etwa elf Prozent waren bei ihrer Hochzeit jünger als 15 Jahre alt. Kinderheiraten kommen in nahezu jeder Weltregion vor, am häufigsten in Südasien, in afrikanischen Ländern südlich der Sahara, in Lateinamerika und in der Karibik.

„Kinderheirat ist ein weltweites Problem. Sie nimmt Frauen und Mädchen ihre Lebensgrundlage und ist mit einem hohen Gewaltrisiko verbunden“, so Gerntholtz. „Die südsudanesische Regierung muss ihrem Bekenntnis zur Gleichberechtigung von Mann und Frau gerecht werden, indem sie die Menschenrechte von Frauen und Mädchen in das Zentrum ihrer Entwicklungsagenda rückt.“ 

Ausgewählte Aussagen

„Dieser Mann kam zu meinem Onkel und zahlte 80 Kühe als Mitgift. Ich weigerte mich, ihn zu heiraten. Sie bedrohten mich. Sie sagten: ‚Wenn du willst, dass für deine Geschwister gesorgt ist, musst du diesen Mann heiraten.‘ Ich sagte, dass er zu alt für mich ist. Sie erwiderten: ‚Du wirst diesen alten Mann heiraten ob du willst oder nicht, denn er hat uns etwas zu essen gegeben‘. Sie haben mich so sehr geschlagen. Sie haben auch meine Mutter verprügelt, weil sie gegen die Hochzeit war.“

—Aguet N., Bezirk Bor, 15. März 2012. Aguet, die im Jahr 2003 im Alter von 15 Jahren verheiratet wurde, sagt, dass sie in der fünften Klasse war und ihre Ausbildung beenden wollte, aber ihr Onkel verprügelte sie und ihre Mutter und zwang sie, einen 75-jährigen Mann zu heiraten.

„Mein Vater hat mir verboten, zur Schule zu gehen. Er sagte, es wäre Verschwendung, Geld für die Ausbildung eines Mädchens auszugeben. Er meinte, eine Heirat würde mir den Respekt der Gemeinschaft sichern. Jetzt bin ich erwachsen und weiß, dass das nicht stimmt. Ich kann nicht arbeiten, um meine Kinder zu unterstützen, und ich sehe, dass Mädchen, die zur Schule gegangen sind, Arbeit finden.“

—Mary K., Bezirk Yambio, 7. März 2012

„Der Mann, den ich liebte, hatte keine Kühe, also haben meine Onkel ihn abgelehnt. Mein Ehemann zahlte 120 Kühe... Ich habe ihn abgelehnt, aber sie haben mich verprügelt und gewaltsam zu ihm gebracht. Der Mann zwang mich, mit ihm Sex zu haben, deswegen musste ich bei ihm bleiben.“

—Ageer M., Bezirk Bor, 15. März 2012

„Wenn du dich dafür entscheidest, die Hochzeit deiner Tochter hinauszuzögern, kann sie schwanger werden. Oder der Mann bezahlt dann nicht so viele Kühe. Darum verheiraten wir sie früh. Die Angst davor, dass Mädchen unehelich schwanger werden könnten, ist weit verbreitet.“

—Yar B., Bezirk Bor, 15. März 2012

„Ich kannte ihn vorher nicht. Ich liebte ihn nicht. Ich habe meiner Familie gesagt: ‚Ich will diesen Mann nicht‘. Meine Leute sagten: ‚Der alte Mann kann uns versorgen, du wirst ihn heiraten‘.”

—Atong G., Bezirk Bor, 15. März 2012. Atong wurde im Juli 2011 gezwungen, einen 50-jährigen Mann zu heiraten.