Ein Soldat der Königlichen Thailändischen Armee, der zum Wachschutz an einer Schule abkommandiert ist, spielt mit Schülern der Pakaluesong-Grundschule, Pattani. Seit November 2006 leben Paramilitärs und Armeesoldaten in einem Lager auf dem Schulgelände.

© 2010 David Hogsholt/Reportage von Getty Images

(Bangkok, 21. September 2010) – Separatistische Anschläge auf Lehrer und Schulen sowie die Nutzung von Schulen als Militärstützpunkte beeinträchtigen erheblich die Ausbildung von Kindern in den südlichen Grenzprovinzen Thailands, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht.

Der 111-seitige Bericht „Targets of Both Sides: Violence Against Students, Teachers, and Schools in Thailand’s Southern Border Provinces“ dokumentiert ausführlich, wie muslimische Aufständische der ethnischen Gruppe der Malaien, die das staatliche Bildungssystem als Symbol für die Unterdrückung durch den thailändischen Staat betrachten, Lehrer bedroht und getötet, staatliche Schulen niedergebrannt und Bombenanschläge verübt haben und unter Schülern wie Eltern Angst und Schrecken verbreiten.

Die Aufständischen haben zudem islamische Schulen zur Indoktrinierung und Rekrutierung von Schülern missbraucht. Die thailändische Armee und paramilitärische Kräfte hingegen stören den Unterricht an den Schulen und setzen die Schüler unnötig dem Risiko von Rebellenangriffen aus, indem sie die Schulen langfristig als Stützpunkte für die Aufstandsbekämpfung nutzen.

„Dass die Aufständischen Lehrer erschießen und Schulen niederbrennen zeugt von einem unglaublichen Sittenverfall“, so Bede Sheppard, Researcher in der Abteilung Kinderrechte von Human Rights Watch und Autor des Berichts. „Dieses Vorgehen ist grausam und unmoralisch und bringt die Kinder um ihre Bildung und ihre Zukunft.“

Der Bericht basiert auf Besuchen von 19 Schulen in den Provinzen Pattani, Yala und Narathiwat sowie auf Interviews mit mehr als 90 Personen, darunter Kinder, Eltern, Lehrer, Sicherheitskräfte, Mitglieder aufständischer Gruppen und lokale Beamte.

Die meisten Lehrer und anderen Mitarbeiter staatlicher Schulen, die von den Rebellen getötet wurden, gehörten der ethnischen Gruppe der Thai-Buddhisten an. Die Rebellen sollen seit Januar 2004 mindestens 108 Lehrer und 27 andere Mitarbeiter staatlicher Schulen in den südlichen Grenzprovinzen getötet haben, weitere 103 Lehrer und 19 Mitarbeiter wurden verletzt. Allein im Jahr 2010 wurden bisher 14 staatliche Lehrer getötet.

Auch auf malaiische Muslime sind Anschläge verübt worden. Die Rebellen haben malaiisch-muslimische Lehrer an staatlichen Schulen sowie Schulleiter islamischer Schulen ins Visier genommen, die sich der Indoktrinierung und Rekrutierung an ihren Schulen widersetzten.

Darüber hinaus haben die Rebellen – in der Regel abends – Schulen in Brand gesetzt und Bombenanschläge verübt. Seit Januar 2004 gab es in Südthailand mindestens 327 Brandanschläge auf staatliche Schulen. Die thailändische Regierung hat im Rahmen der Aufstandsbekämpfung die Anzahl der im Süden stationierten militärischen und paramilitärischen Kräfte erhöht. Zur Unterbringung der Truppen in potentiell feindlichen Gebieten hat die Regierung oftmals Lager auf Schulgeländen oder in den Schulgebäuden selbst eingerichtet. Solche Besetzungen stehen meist nicht mit einer unmittelbaren Bedrohung der Schule in Zusammenhang und können über Jahre dauern.

„Für die Sicherheit an den Schulen ist zwar die Präsenz von Regierungstruppen in der näheren Umgebung erforderlich, allerdings gibt es viele Besorgnis erregende Beispiele dafür, dass die Schulen für erweiterte Truppeneinsätze zur Aufstandsbekämpfung genutzt werden“, so Sheppard. „Die Regierung soll die Bildung der Kinder nicht gefährden, nur weil sie einen geeigneten Ort für ihre Militärlager braucht.“

Diese langfristigen Besatzungen stören den Schulunterricht erheblich und sollen untersagt werden, wenn sie das Recht der Kinder auf Bildung gefährden, so Human Rights Watch. Viele Eltern nehmen ihre Kinder von diesen Schulen, weil sie befürchten, dass die Schüler dort dem Risiko von Rebellenangriffen aussetzt sind oder dass die Kinder, insbesondere Mädchen, von den Sicherheitskräften belästigt werden. Schüler, die aus einer besetzten Schule ausscheiden, müssen auf eigene Gefahr und Kosten weiter entfernte Schulen besuchen, was dort wiederum zu überbelegten Klassen führen kann.

Sicherheitskräfte haben auch zahlreiche Razzien und Durchsuchungen nach mutmaßlichen Rebellen und Waffen an islamischen Schulen durchgeführt. In manchen Fällen kam es zu willkürlichen Massenverhaftungen von Schülern oder die Razzien schlugen in Gewalt um und brachten Schüler und Lehrer in Gefahr.

„Lehrer in Südthailand zu sein bedeutet leider, in der Schusslinie dieses Konflikts zu stehen“, so Sheppard. „Die Anführer der Separatisten müssen ihre Anschläge auf Lehrer und Schüler beenden. Gleichzeitig soll die Regierung Schulen nicht weiter als langfristige Militärstützpunkte nutzen und von weiteren Massenverhaftungen an islamischen Schulen absehen. Dieses Vorgehen gefährdet die Kinder und führt zu weiteren Problemen, die die Aufständischen für sich nutzen können.“

Hintergrund

Die Menschenrechte in Thailands südlichen Grenzprovinzen Pattani, Yala und Narathiwat wurden in Folge immer brutalerer separatistischer Aufstände, die seit ihrem Ausbruch im Januar 2004 über 4.100 Menschenleben gefordert haben, kontinuierlich ausgehöhlt. Die Kämpfer verübten schwere Menschenrechtsverletzungen, einschließlich gezielte Tötungen und zahlreiche Bombenanschläge gegen Zivilisten. Die thailändische Regierung hat daraufhin spezielle Sicherheitsgesetze erlassen und die Anzahl regulärer wie paramilitärischer Truppen in der Region auf etwa 30.000 erhöht. Thailändische Sicherheitskräfte sind für außergerichtliche Tötungen, das Verschwindenlassen von Personen, willkürliche Verhaftungen und Folter von Personen verantwortlich, die mit separatistischen Gruppen in Verbindung stehen sollen.

Aussagen von Kindern und Eltern:

„Es ging [meinen] Schülern sehr nahe, als sie erfuhren, dass ich angeschossen worden war... [Sie] brachen in Tränen aus und fragten ‘Wer hat auf den Lehrer geschossen?’. Viele haben mich im Krankenhaus besucht und geweint, als sie sahen, dass ich angeschossen worden war.“
– Ein Lehrer, der an einer staatlichen Schule unterrichtete, bevor er 2009 von Rebellen angeschossen wurde

„Ich hatte nichts gegen die Soldaten, solange sie außerhalb der Schule waren... Aber als sie dann in die Schule zogen, hatte ich Angst, es könnte einen Anschlag auf die Schule geben, also... habe ich meine Kinder von der Schule genommen... [W]äre das Schulgelände getroffen worden, hätte es auch die Kinder getroffen... Es gab keine Trennung zwischen der Schule und den Quartieren der Soldaten... [Außerdem] haben die Soldaten Tee aus Kratom [eine verbotene pflanzliche Droge] gekocht und getrunken, und ich hatte Angst, dass meine Kinder ihn auch trinken könnten.”
– Die Mutter eines Jungen, 7, und eines Mädchens, 11, deren Schulgelände teilweise von paramilitärischen Regierungstruppen besetzt wurde

„Ich habe Angst vor [den Soldaten], weil sie sehr aufdringlich sind. Sie nehmen die Kinder gerne in den Arm, was bei den Jungen ok ist, aber als Mädchen dürfen wir uns nicht von Männern anfassen lassen. Außerdem mag ich es nicht, wenn die Soldaten fragen, ob ich noch ältere Schwestern hätte, und sie sich nach ihren Telefonnummern erkundigen.”
– Ein zehnjähriges Mädchen, die auf eine besetzte Schule geht

„Ich war traurig über den Verlust der Bücher und Computer, weil ich gerne lese... [Nach dem Brand] hatten wir draußen Unterricht. Ich war nicht gerne draußen, [weil] es heiß und laut ist. Ich konnte mich nicht konzentrieren.”
– Ein siebenjähriger Schüler, dessen Schule 2010 niedergebrannt wurde