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Covid mural in Seattle, Washington

"Das Land blutet": Covid-19 in den USA

Politiker sollen in Zukunft alle Menschen besser schützen

A pedestrian walks past coronavirus-themed artwork of a person wearing a mask and gloves that was painted by street artists @theydrift and @ksra_ksra on a boarded-up business in Seattle's Capitol Hill neighborhood, Tuesday, April 7, 2020. Street art has sprung up on boards covering the windows of many businesses in the area closed temporarily due to the outbreak of the coronavirus. (c) 2020 Ted S. Warren/AP Photo

Während die Covid-19-Pandemie die Vereinigten Staaten erschüttert, deckt sie Risse im System auf. Die Unterschiede zeigen sich oft nicht nur entlang sozioökonomischer Risse, sondern auch Rasse ist ein zentrales Merkmal. Wer darf von zu Hause ausarbeiten und erhält dennoch sein Gehalt? Welche Kinder haben Computer, mit denen sie online auf die Schule zugreifen können? Und, was entscheidend ist, wer erhält die beste - oder sogar angemessene - Gesundheitsversorgung? Nicole Austin-Hillery, Exekutiv Director des US-Programms, spricht mit Amy Braunschweiger über die Reaktion der Vereinigten Staaten auf Covid-19 und darüber, wie ein rechtebasierter Ansatz zur Bewältigung dieser Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit dazu beitragen könnte, das Leben der Menschen in Zukunft sicherer zu machen.

Was sind Ihre größten Bedenken bezüglich Covid-19 in den USA?

Meine größten Bedenken betreffen die gleichzeitige Diskriminierung von Menschen in veschiedenen Kategorien wie Gesundheit, Armut, Geschlecht, Klasse und Rasse. Alle diese Ungleichheiten manifestieren sich in der Art und Weise, wie Covid-19 in den USA angegangen wird. Die Menschen, die unverhältnismäßig stark betroffen sind, sind Geringverdiener, Teilzeitbeschäftigte, die auf diese Arbeitsplätze angewiesen sind, um ihre Familien zu ernähren. Menschen, die in Armut leben, in überfüllten Häusern, in denen soziale Distanzierung ein Privileg ist, sind oft nicht in der Lage, die Richtlinien der US-Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC) zu befolgen. Auch die Gemeinschaften der Schwarzen und Braunen sind am stärksten betroffen.

Diese Menschen lagen bereits hinter dem Rest des Landes zurück, was den Zugang zur Gesundheitsversorgung und die zugrunde liegenden Gesundheitsprobleme im Zusammenhang mit Rasse und Klasse betrifft.

Nehmen wir zum Beispiel die afroamerikanische Gemeinschaft. Die jüngsten Daten zeigen, dass sie am härtesten betroffen sind. Sie hatten in der Vergangenheit höhere Raten von Diabetes, Bluthochdruck, Asthma und Fettleibigkeit. Sie leben in Vierteln mit höherer Luftverschmutzung, was wiederum ihre Gesundheit gefährdet. Es ist wahrscheinlicher, dass sie keine Krankenversicherung haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass schwarze Frauen an einer Schwangerschaft sterben, ist höher, ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, dass Gebärmutterhalskrebs bei Ihnen diagnostiziert wird. Bei unserer Arbeit in Tulsa, Oklahoma, stellten wir Unterschiede in der Lebenserwartung von mehr als zehn Jahren zwischen wohlhabenderen weißen und armen Vierteln fest, in denen mehr Schwarze leben.

Menschen mit diesen Gesundheitsproblemen, die zu den einkommensschwächeren Wirtschaftsgruppen gehören und die es schwerer haben, Zugang zu qualitativ hochwertiger Versorgung zu erhalten, haben nun zusätzlich zu ihren Vorerkrankungen mit Covid-19 zu kämpfen.

Leider enthielten die ersten Daten über Covid-19 und Todesfälle keine Informationen über die Rasse, da viele Staaten diese nicht meldeten und einige sie nicht einmal erhoben haben. Erst in den letzten Wochen werden die Informationen, die diese Ungleichheiten aufzeigen, allmählich veröffentlicht, und es ertönt eine sehr laute Alarmglocke. In Milwaukee sehen wir die Zahl der Afroamerikaner, die positiv getestet wurden, und die Zahl der Todesfälle. Wir sehen Zahlen aus Michigan, die sich auf Detroit konzentrieren. Alle Staaten sollten diese Daten sammeln und an die CDC schicken, damit wir sehen können, was landesweit geschieht.

Ärzte und Krankenschwestern in der Notaufnahme mit Schutzausrüstung im St. Joseph's Hospital am Montag, dem 20. April 2020, in Yonkers, N.Y. (c) John Minchillo/AP Photo
Ärzte und Krankenpfleger in der Notaufnahme mit Schutzausrüstung im St. Joseph's Hospital am Montag, dem 20. April 2020, in Yonkers, N.Y. (c) John Minchillo/AP Photo

Wer sonst in den USA ist am stärksten betroffen?

Unsere Feuerwehrleute, unsere Polizisten und andere Ersthelfer. Dies gilt auch für Mitarbeiter im Gesundheitswesen auf allen Ebenen, vom reichsten Arzt mit zehn Abschlüssen aus Harvard bis hin zu den Mitarbeitern, die Böden reinigen und desinfizieren. Glücklicherweise erhalten einige dieser Gruppen, wie Notfallhelfer und Mitarbeiter des Gesundheitswesens, zusätzliche Unterstützung, damit sie sich besser schützen können. Aber die Arbeiter auf den unteren Ebenen unserer Wirtschaftskette - die Beschäftigten in Lebensmittelgeschäften, das Personal des Lebensmittellieferdienstes - sind stark exponiert und erhalten weniger Unterstützung, um ihre Sicherheit zu gewährleisten.

Wir haben ernste Sorgen für Menschen, die entweder pflegebedürftig sind oder die nicht für sich selbst sorgen können: Menschen, die in Untersuchungshaft und Gefängnissen sitzen sind; Menschen, die obdachlos sind und in Notunterkünften leben; Menschen, die in Pflegeheimen und psychiatrischen Einrichtungen leben. Alle sind auf andere angewiesen, um sie zu versorgen, zu beherbergen und zu ernähren. Die USA als Nation schützt sie nicht ausreichend. Das zeigt sich in den Pflegeheimen, an der Zahl der Todesfälle und an den Covid-19-Fällen, die in Gefängnissen und Haftanstalten festgestellt wurden. Was die Obdachlose betrifft, so haben wir nicht genügend Daten. Aber wir wissen, dass viele von ihnen in überfüllten Unterkünften unter unhygienischen Bedingungen leben. Sie haben nicht das Privileg der Selbstquarantäne oder der sozialen Distanzierung, und sie haben oft nicht einmal Zugang zu genügend Wasser, um sich die Hände zu waschen. Jetzt werden Obdachlose, oft unter Androhung von Strafverfolgung, in diese Unterkünfte gedrängt, wo Infektionen auftauchen.

Das gilt auch für diejenigen, die sich in Abschiebehaft befinden. Sie sind ebenfalls gefährdet. Unsere bisherige Arbeit zeigt, dass die Menschen in diesen Zentren oft nur begrenzten Zugang zu Duschen haben, in engen Räumen untergebracht sind und schlicht unter unhygienischen Bedingungen leben. Diese Bedingungen erlauben, gelinde gesagt, keine soziale Distanzierung und kein regelmäßiges Händewaschen.

Kinder aus einkommensschwachen und leistungsschwachen Schulbezirken sind besonders gefährdet. Diese Kinder, die bereits um eine gute Ausbildung kämpfen müssen, sind nun auf Familienmitglieder und Fernlernen angewiesen, um ihr Studium fortzusetzen. Viele von ihnen sind Kinder von Arbeitnehmern mit niedrigem Einkommen, die während dieser Zeit weiter arbeiten müssen und nur begrenzt in der Lage sind, den Heimunterricht zu beaufsichtigen. Diese Kinder haben möglicherweise keinen Zugang zum Internet, zu Computern und anderen Technologien, um auf hohem Niveau lernen zu können, während die Schulen geschlossen bleiben.

Schild von Gefangenen am Fenster des Cook-County-Gefängnisses in Chicago, Illinois.  © 2020 REUTERS/Jim Vondruska

Auch Frauen befinden sich in einer sehr schwierigen Lage. Erste Daten weisen auf wachsende häusliche Gewalt seit Beginn der Krise hin. Viele der Unterstützungsmechanismen, die gewöhnlich den Opfern zur Hilfe kommen sollen, sind infolge der Pandemie begrenzt und überfordert. Mütter - insbesondere alleinerziehende Mütter - sind besonders gefordert, da sie sich nun auf noch größere Herausforderungen einstellen müssen, was Einkommensverlust und die eingeschränkte Möglichkeit betrifft, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Wir sehen auch, dass einige Landesregierungen die Pandemie zum Vorwand nehmen, um den Zugang von Frauen zu notwendiger medizinischer Versorgung, wie etwa sichere Abtreibungen, einzuschränken.

Niedriglohnarbeiter gehören oft mehreren Risikogruppen an. So sind viele Beschäftigte in der Lebensmittelversorgung, wie Arbeiter in der Landwirtschaft und in der Fleischindustrie, People of Color, Immigranten und Frauen. Sie sind potenziell unsicheren Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Ein massiver Infektionsherd im Land befindet sich derzeit in einem Verarbeitungsbetrieb für Schweinefleisch in South Dakota. Dies zeigt, wie wichtig es ist, die Arbeitnehmer zu schützen und sichere Arbeitsbedingungen in der gesamten Lebensmittelversorgung zu gewährleisten, die andernfalls möglicherweise gestört werden könnten. Und die Situation für diese Arbeiterinnen und Arbeiter hat sich verschlechtert, nachdem der US-Präsident eine Verordnung erlassen hat, durch die Fleischfabriken trotz der Gesundheitsrisiken für die Arbeiterinnen und Arbeiter offen und in Produktion bleiben müssen.

Inwiefern haben die USA in ihrer Reaktion auf das Virus die Menschenrechte gefärdet?     

Wo soll ich anfangen? Die Führung hat versagt. Dass das Staatsoberhaupt der USA die Frühwarnsignale von Experten über die Entwicklung der Krankheit und ihre Ausbreitung ignoriert hat, ist inakzeptabel. Dass das Staatsoberhaupt es versäumt hat, Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der Rechte der Amerikaner auf Gesundheit und Leben zu ergreifen, ist eine Farce. Das ist der Grund, warum wir uns jetzt an diesem Punkt befinden, was die Zahl der Fälle und Todesfälle in den Vereinigten Staaten betrifft.

Auch dass unsere lokalen Gesundheitsministerien, Gesundheitsversorger und Krankenhaussysteme unterbesetzt und unterfinanziert sind und nicht über die Instrumente verfügen, die sie brauchen, um diese Krankheit anzugehen und sich um die Infizierten zu kümmern, ist eine Frage grundlegender Rechte. Angesichts des Wohlstands dieser Nation hätte das alles nicht passieren dürfen.

Es ist Ende April, und wir hatten unseren ersten Fall von Covid-19 im Januar. Doch viele dieser Probleme müssen noch gelöst werden.

Und trotz einiger Schritte in die richtige Richtung, vernebelt Präsident Donald Trump fast täglich die Faktenlage, indem er Ungenauigkeiten von sich gibt und sogar Behandlungsmöglichkeiten gegen das Virus lobt, die von der Wissenschaft nicht unterstützt werden.

Kassiererin mit Maske, während sie hinter einer klaren Schutzbarriere zwischen ihr und einem Kunden im Lebensmittelgeschäft El Rancho in Dallas arbeitet, Donnerstag, 26. März 2020. (c) LM Otero/AP Photo

Es gibt auch wirtschaftliche Fragen. Millionen Menschen sind ohne Arbeit, wie die rekordverdächtigen Anträge auf Arbeitslosenhilfe zeigen. Die Beamten sollten sich darauf konzentrieren, wie die am stärksten gefährdeten Personen geschützt werden können. Wenn Sie ein Niedriglohnarbeiter sind, der kellnert, Mahlzeiten ausliefert, Bürogebäude putzt und Lebensmittelgeschäfte bedient, können Sie diese Arbeit nicht mit nach Hause nehmen. Aber Sie sind möglicherweise auch nicht in der Lage, die Kosten für Wohnung, Essen oder Ihre Gesundheit zu bezahlen. Wir haben auch nicht genug getan, um sicherzustellen, dass Arbeitnehmer, die weiter beschäftigt bleiben, ihre Arbeit sicher ausführen können.

Die Hilfspakete haben jedoch nichts ausgereicht, um Geringverdiener, Arbeitslose und Einwanderer zu schützen. Es gibt Maßnahmen, die die Regierungen der Bundesstaaten ergreifen und die die Bundesregierung fördern könnte, wie z.B. Moratorien für Zwangsräumungen, die Abschaltung von Versorgungseinrichtungen und die Eintreibung von Schulden. Und es gibt noch immer keine Garantien dafür, dass die Menschen Zugang zu erschwinglicher medizinischer Behandlung für Covid-19 haben. Unzureichende Zahlungen der Regierung bedeuten, dass sich viele Menschen immer noch nicht ihre Grundbedürfnisse decken können.

Wie haben es die US-Bundesstaaten bei ihren Maβnahmen geschafft, grundlegende Rechte zu achten?

Einige Gouverneure der US-Bundesstaaten haben in dieser Krise die dringend benötigte Führung übernommen. Ich lebe in Maryland, und lange bevor das Weiße Haus Befehle erteilte, sagte der Gouverneur von Maryland, dass wir die Schulen und nicht lebensnotwendige Geschäfte schließen werden. Das war seine Art zu sagen, dass wir den Menschen helfen werden, an Ort und Stelle zu bleiben. Aber er kümmerte sich auch um die arbeitenden Geringverdiener. Der Staat wird keine Zwangsräumungen, Zwangsversteigerungen oder die Abschaltung von Versorgungseinrichtungen zulassen. Dazu gehören auch „Luxus“-Versorgungseinrichtungen wie Mobiltelefone - was für viele vielleicht die einzige Möglichkeit darstellt, dass ihre Kinder jetzt zur Schule gehen können. Er fand Wege, um sicherzustellen, dass die wichtigsten staatlichen Dienste weiterhin zur Verfügung stehen, und ergriff gleichzeitig zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der dort arbeitenden Menschen. So ordnete er zum Beispiel schon früh an, dass die Mitarbeiter der Kfz-Behörde aus der Ferne mit Systemen arbeiten sollten, die eingerichtet worden waren, um ihre Sicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig die Anforderungen der Öffentlichkeit zu erfüllen.

Der Gouverneur von Kalifornien ist ein weiteres gutes Beispiel. Er hat sich darauf konzentriert, arbeitslose Niedriglohnarbeiter und andere zu unterstützen, indem er die Öffnungszeiten der Arbeitsämter ausweitete, um die wachsende Zahl von Anträgen zu bearbeiten. Außerdem stellte er zusätzliche 125 Millionen Dollar bereit, um bis zu 150.000 Einwanderer ohne legalen Status bei der Arbeitslosenhilfe zu unterstützen.

In anderen Fällen haben die Gouverneure scheinbar wenig Rücksicht auf die Belange der öffentlichen Gesundheit genommen. Alabama, Louisiana, Florida - ihre Gouverneure ignorierten die Warnungen der CDC und der Weltgesundheitsorganisation vor dem Virus. Der Gouverneur des Bundestaats Georgia beschloss, den Bundesstaat gegen den Rat von Experten für öffentliche Gesundheit teilweise wieder zu öffnen und sich dabei auf Bowlingbahnen und Friseursalons zu konzentrieren.

Ein Fenster des Wesley House gegenüber dem New York-Presbyterian/Brooklyn Methodist Hospital zeigt am 16. April 2020 in Brooklyn, New York, Worte der Dankbarkeit für alle Mitarbeiter. (c) 2020 Gabriele Holtermann-Gorden/Sipa via AP Images

Wie sind die US-Bundesstaaten auf den Umgang mit Covid-19 vorbereitet?  

Wir hatten schon lange vor Covid-19 Versorgungsprobleme. Viele Menschen in den USA sind nicht krankenversichert, und die lokalen Gesundheitsministerien haben in den letzten zehn Jahren ihre Budgets gekürzt bekommen. Bevor ich zu Human Rights Watch kam, arbeitete ich für eine Nichtregierungsorganisation, die sich mit Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit befasste. Ich habe mich im Kongress dafür eingesetzt, dass sie die Infrastruktur - von der Gesundheitsversorgung über Straßen und Brücken bis hin zu Wassersystemen - unterstützen. Zurzeit drängt Human Rights Watch den Kongress, eine sicherere Wasser- und Abwasserinfrastruktur zu schaffen und dafür zu sorgen, dass alle Menschen fließendes Wasser haben - was wesentlich ist, um die Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern - auch wenn sie es nicht bezahlen können. Aber das Land hat einfach keine gute Arbeit geleistet, um darauf zu reagieren. Unser Versäumnis, dies zu tun, verschärft die Probleme rund um Covid-19.

Ich halte es für entscheidend, dass die USA weitere Schritte in Betracht ziehen. Wir wollen natürlich jetzt herausfinden, welche Probleme aktuell bestehen. Und ich verstehe das, wir befinden uns in der Triage. Das Land blutet. Aber in gewisser Hinsicht besteht die Notwendigkeit, über Covid-19 hinauszublicken. Wie sieht ein USA nach Covid-19 aus, und welche Veränderungen müssen wir vornehmen, um die Rechte aller Menschen in den USA in Zukunft besser schützen zu können?

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